Szczepan Twardochs neuer Roman „Der Boxer“ Wo die Gewalt regiert, gibt es keine Gewinner

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Im Roman „Der Boxer“ erzählt der polnische Starautor Szczepan Twardoch von einem Gauner zwischen den Weltkriegen, von Warschaus polnisch-jüdischer Unterwelt in den 1930er Jahren.

Der polnische Autor Szczepan Twardoch Foto: Brigitte Friedrich
Der polnische Autor Szczepan Twardoch Foto: Brigitte Friedrich

Stuttgart - Der jüdische Boxer Jakub Shapiro betritt den Ring. Die Zuschauer, Juden aus den ärmlichen Vierteln Warschaus im Jahr 1937, sind elektrisiert von diesem Mann, seinem Leib, der „hart und grob“ ist. „Sha-pi-ro, Sha-pi-ro“, brüllt es aus den Rängen. Den Boxer mit einer „gleichsam finsteren Art von Schönheit“ durchfährt beim Klang seines Namens aus der Menge ein „Schauder, der sich wie ­sexuelle Lust in seinem Körper verbreitet“. Er tritt gegen den Polen Andrzej Ziem­binski an, einen „arischen Halbgott“. ­Shapiro siegt.

Und Szczepan Twardochs neuester ­Roman ruft mit dieser rasant und packend erzählten Auftaktszene sofort jenes Genre an, in das er sich einklinken will: die Gaunergeschichte à la Hollywood und Film Noir. So ist „Der Boxer“ des jungen polnischen Starautors Twardoch erst einmal eine spannende Erzählung aus der urbanen Unterwelt, wie sie sich der gemeine Leser auf seiner bequemen Möbelum-Wohnlandschaft vorstellt: mit vielen krassen Drogen, Waffen, Sex und schicken Automobilen Schrägstrich Frauen. Gott sei Dank, mag der daheim so warm eingerichtete ­Leser denken, geht das Ganze für diesen Kraftprotz und Frauenschwarm Shapiro am Ende wirklich gar nicht gut aus, das ist nach wenigen Seiten offensichtlich.

Gewalt bestimmt den grausamen Alltag

In jener Welt, in der Shapiro als rechte Hand des „Pate“ genannten Bandenbosses Jan Kaplica Schutzgelder eintreibt, seine nicht zahlungswilligen Mitbürger „zerteilt wie den Hahn zum Kapparot“ und ihre Leichen in den Warschauer Lehmgruben verschwinden lässt, kann es keine Gewinner geben. Gewalt bestimmt den grausamen Alltag aller im Umgang miteinander, gleich welcher Schicht oder Religion sie angehören – und ungeachtet dessen, was sich politisch längst zusammenbraut.

Shapiro probiert es zu Hause auf die herkömmliche Weise, mit küchenerfahrener Ehegattin und zwei kleinen Söhnen. Doch draußen in den dunklen, versifften Gassen des kleinbürgerlichen Warschaus zwischen den Weltkriegen, sitzt noch eine Frau im Bordell, die er einmal geliebt hat, ist seine anarchische Ordnung fortwährend bedroht. Und bald schon wird der Boss Kaplica in die Enge getrieben, Shapiro muss selbst die Rolle des Königs im Viertel übernehmen – „Król“, König, heißt der in Polen gefeierte Roman im Original.

Die Frauenfiguren sind langweilig

Die unzuverlässige Erzählerstimme eines Jungen namens Mojzesz Bernstein, dessen Vater von Shapiro getötet wurde, ist jedoch schwer zugänglich und lässt sich erst am Ende nachvollziehen. Genauso wie die aufdringlichen Annäherungen eines vom Erzähler imaginierten Pottwals, der sich wenig subtil ins Geschehen wälzt und an die Bibelgeschichte von Ninive, Jona und dem Wal erinnert. Auch die bisweilen frei nach Celan eingestreuten Phrasen „Asche deines Haars, Schulamit“ und die „schwarze Milch“ stehen verloren da, blicken aus der Kulisse einer Gaunerstory wie Statisten ohne Rollen.

Dabei reicht die Geschichte aus, um groß zu sein, spannend, solide und ansonsten gut lesbar, angereichert mit vielen historischen Details bis hin zu einer Thomas-Mann-haften Kleiderbeschreibung. Einzig wirklich langweilig sind die Frauenfiguren, die sich als Huren, treu sorgende Kochmütter, Dominas oder aufmüpfige Großbürgertöchter an den Rändern des Geschehens verdingen. Bedrohlich werden sie dem Erzähler als Übermütter in Form der imaginierten Venus von Willendorf, die den schwarzen Rachen weit aufreißt, um alle Männer zu verschlingen. Es bleibt am Ende noch die Möglichkeit, den ambitionierten Autor Twardoch, der mit seiner Familie in der tiefsten polnischen Provinz lebt und durch öffentliche Auftritte mit schnellen Autos, gegelten Haaren und teuren Anzügen von sich reden macht, als politisch unkorrekten Ironiker zu verstehen.