Szenario eines Virus-Ausbruchs Drehbuch für die Pandemie

In einer Studie der Bundesregierung wurden bereits vor sieben Jahren Vorsorgemaßnahmen definiert. Foto: vegefox.com - stock.adobe.com

Hätte Deutschland auf Corona vorbereitet sein können? Bereits 2012 gab es eine Risikoanalyse mit erstaunlichen Parallelitäten.

Berlin - Auch Wissenschaftler sind keine Hellseher. Aber manchmal gelingt es ihnen, aufgrund vorliegender Daten und sachkundiger Schlussfolgerungen Ereignisse und Szenarien vorauszuberechnen, die der späteren Realität verblüffend nahe kommen. Das gilt etwa für eine im Auftrag der Bundesregierung erstellte Risikoanalyse für eine viral bedingte Pandemie von Ende 2012. Das als Bundestagsdrucksache 17/12051 archivierte Papier liest sich fast wie ein Drehbuch für jene Corona-Krise, die wir gerade erleben.

 

1. Welchem Zweck dient die Risikoanalyse?

Im Amtseid, den die Bundeskanzlerin und jeder Bundesminister zu Beginn ihrer Dienstzeit zu leisten haben, geloben sie, Schaden vom deutschen Volk abzuwenden. Die in der Eidesformel wiederholte Floskel ist eine ihrer vorrangigen Aufgaben. Mit Blick auf den Schutz der Bevölkerung vor außergewöhnlichen Schadensereignissen lässt der Bund Szenarien erstellen, die Bedrohungspotenziale untersuchen. Sie dienen „der vorausschauenden Beschäftigung mit möglichen bundesrelevanten Gefahren“, so heißt es in der Präambel der zitierten Studie, die sich mit zwei konkreten Fällen beschäftigt hat: extremem Schmelzhochwasser und einer virenbedingten Masseninfektion.

An dem Part, der die Pandemie betrifft, waren unter der Regie des Robert-Koch-Instituts das Bundesinnenministerium, das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe sowie eine Reihe anderer Bundesbehörden beteiligt. Die Risikoanalyse wurde am 10. Dezember 2012 fertiggestellt und am 3. Januar 2013 dem Bundestag übermittelt.

Bei der Studie, so wird betont, handle es sich um eine „sachlich-nüchterne Bestandsaufnahme“. Sie nehme weder eine politische Bewertung von Risiken noch eine Priorisierung der im Ernstfall zu ergreifenden Maßnahmen vorweg. Für diese Aufgaben seien letztlich die „administrativ-politisch verantwortlichen Ebenen“ zuständig, heißt es weiter. In dem Papier wird auch die vorrangige Zuständigkeit der Länder in Katastrophenfällen hervorgehoben. Allerdings seien sich „Bund und Länder einig, dass eine strikte Aufteilung der Zuständigkeiten angesichts von Gefahrenlagen von nationaler Bedeutung zu kurz greifen würde“. Das zeigt sich auch in der aktuellen Corona-Pandemie.

2. Wie waren die Annahmen für eine Pandemie?

Die Risikoanalyse beschäftigt sich mit einer Pandemie, die durch einen „zwar hypothetischen, jedoch mit realistischen Eigenschaften versehenen Erreger“ ausgelöst wird. Die Studie hat den Virus „Modi-Sars“ benannt. Als Muster diente ein Corona-virus, das die Sars-Pandemie 2002/2003 ausgelöst hat. Das Szenario beschreibt eine von Asien ausgehende, weltweite Verbreitung dieses Virus. Es wurde angenommen, dass es viele Kontaktpersonen gibt und ein solches Virus hochinfektiös ist.

Die Folge wären mehrere Erkrankungswellen, solange es keinen Impfstoff gibt. Der war in dem konstruierten Fall erst nach drei Jahren verfügbar. Auf der Basis dieser Grundannahmen lautet der Befund: „Zum Höhepunkt der ersten Erkrankungswelle nach ca. 300 Tagen sind ca. sechs Millionen Menschen in Deutschland erkrankt.“ Später, so das Szenario, „folgen zwei weitere schwächere Wellen“ mit jeweils drei und etwas mehr als zwei Millionen Patienten.

3. Was sind die Unterschieden zur aktuellen Corona-Krise?

Zum einen liegt die in der Studie angenommene Sterberate von zehn Prozent deutlich über dem Wert, der in der aktuellen Pandemie bisher festgestellt wurde. Zumindest gilt das für Deutschland. Die Risikoanalyse ging davon aus, dass zwei Drittel der Erkrankten im Krankenhaus behandelt werden müssten. In der Realität sind es bisher erheblich weniger. Auch die Annahme, dass es drei Jahre dauern könnte, bis ein Impfstoff vorliegt, ist womöglich zu pessimistisch. Allerdings kann das noch niemand sicher voraussagen.

Bei der Risikoanalyse von 2012 handle es sich ausdrücklich „nicht um eine Vorhersage der Entwicklung und der Auswirkungen eines pandemischen Geschehens, sondern um ein Maximalszenario“, betont das Robert-Koch-Institut in einer Stellungnahme auf Anfrage unserer Zeitung. Es sei darum gegangen, „das theoretisch denkbare Schadensausmaß einer von Mensch zu Mensch übertragbaren Erkrankung mit einem hochvirulenten Erreger zu illustrieren“, sagt Susanne Glasmacher, Pressesprecherin des Instituts.

Wahid Samimy vom Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe unterstreicht, dass es sich bei der Risikoanalyse um „ein hypothetisches Szenario“ handle, „das einen hypothetischen Verlauf einer Pandemie in Deutschland modelliert“. Die aktuelle Virenkrise, so fügt er hinzu, „bedingt eine individuelle regelmäßige Lagebewertung und daraus resultierende Entscheidungen“. Der FDP-Politiker Andrew Ullmann, Professor für Infektiologie an der Uniklinik in Würzburg und seit 2017 Angeordneter des Deutschen Bundestags, sieht laut dem Berliner „Tagesspiegel“ trotz der Unterschiede jedoch einige Parallelitäten zu der aktuellen Pandemie in Deutschland.

4. Welche Folgen der Pandemie wurden erwartet?

Kanzlerin Angela Merkel hatte vor zwei Wochen erklärt, sie rechne damit, dass 60 bis 70 Prozent der Deutschen sich mit Coronaviren infizieren würden. Das wären 50 bis 55 Millionen Menschen. Auch die Risikoanalyse von 2012 ging von Millionen Infizierten aus. Für die erste Erkrankungswelle, die sich über gut ein Jahr erstrecken würde, wurden 29 Millionen Patienten angenommen, für die zweite Welle (14 bis 23 Monate nach dem Ausbruch) 23 Millionen, für die dritte Welle (bis 35 Monate nach dem ersten Ausbruch) noch einmal 26 Millionen. Insgesamt ging das Szenario von 7,5 Millionen seuchenbedingten Todesfällen aus. Zum erwarteten Verlauf hieß es: „Nach einem Höhepunkt sinkt die Neuerkrankungsrate, weil die Bevölkerung allgemein mit verstärkten Schutzmaßnahmen reagiert. Infolge dieser Maßnahmen nehmen die Neuerkrankungen ab, was zum Nachlassen der individuellen Schutzmaßnahmen führt, wodurch wiederum die Zahl der Neuerkrankungen zunimmt.“

Schon in der Risikoanalyse von 2012 wurde darauf hingewiesen, dass es fraglich sei, „inwieweit die kommunizierten Empfehlungen/Anweisungen umgesetzt werden“. Die Studie verwies auch auf das Risiko, „dass die Krisenkommunikation nicht durchgängig angemessen gut gelingt“. Ein mögliches Problem seien „widersprüchliche Aussagen von verschiedenen Behörden/Autoritäten“.

Ein Schwerpunkt der Risikoanalyse ist die Vorausschau auf mögliche Folgen für die kritische Infrastruktur, ohne die das gesellschaftliche und wirtschaftliche Leben zusammenbrechen würde. Generell heißt es dazu: „Langfristig ist davon auszugehen, dass es zu grundsätzlichen Schwierigkeiten im Betrieb der Infrastrukturen durch den dauerhaften Ausfall von Personal (Verstorbene) kommen wird.“ Im Verkehrssektor, so die Annahme, werde es vermehrt zu Störungen und Kapazitätsengpässen kommen, weil viele von Bus und Bahn aufs Auto umsteigen, wo die Infektionsgefahr am geringsten ist.

„Die medizinische Versorgung bricht bundesweit zusammen“, so eine weitere Annahme. Der überwiegende Teil der Infizierten könne bei einer solchen Pandemie „nicht adäquat versorgt“ werden. Wegen der Ansteckungsgefahr in Kliniken und im Pflegebereich gebe es dort „überdurchschnittlich hohe Personalausfälle bei gleichzeitig deutlich erhöhtem Personalbedarf“.

Gravierende Versorgungsprobleme werden eher nicht erwartet. Allerdings heißt es in der Studie: „Die Produktion von Lebensmitteln ist nicht in gewohnter Menge und Vielfalt möglich.“ Zudem könne es zu „erheblichen Problemen im Bereich der Entsorgung“ kommen, zum Beispiel bei der Müllabfuhr.

Die volkswirtschaftlichen Folgen werden in dem Szenario als „immens“ bewertet. Auch auf mögliche Sicherheitsrisiken weist die Studie hin: Es sei davon auszugehen, dass eine wachsende „Verunsicherung der Bevölkerung“ mit dem Fortschreiten der Pandemie einsetze. Somit sei ungeachtet aller Bereitschaft zur Nachbarschaftshilfe und zu solidarischem Verhalten „nicht auszuschließen, „dass das Gefühl, durch die Behörden und das Gesundheitswesen im Stich gelassen zu werden, aggressives und antisoziales Verhalten fördert“. Damit einher gehe womöglich ein „gesteigertes Misstrauen gegenüber staatlichem Handeln“.

5. Wo gibt es, gemessen an der Studie, akut Versäumnisse?

Seit der Risikoanalyse seien die Pandemiepläne von Bund und Ländern unter Regie des Robert-Koch-Instituts „regelmäßig angepasst“ und „weiter überarbeitet“ worden, sagt das Bundesamt für Bevölkerungsschutz. Die jeweilige Anpassung und Bereitstellung der nötigen Ressourcen liege jedoch in der Verantwortung jeder einzelnen Behörde und jedes Unternehmens etwa im Bereich der kritischen Infrastrukturen.

Mit den in der Risikoanalyse von 2012 aufgelisteten Detailkenntnissen hätte Deutschland auf die jetzige Pandemie besser vorbereitet sein können – auch wenn sich viele Details nicht eins zu eins vergleichen lassen. Kritik an einer mangelhaften Vorsorge kommt aus dem Gesundheitswesen. Walter Plassmann, Vorsitzender der Kassenärztlichen Vereinigung in Hamburg, beklagt eklatante Mängel bei der Ausstattung des medizinischen Personals, so zitiert ihn der „Ärztenachrichtendienst“. Im „Spiegel“ kommt ein Produzent von Schutzkleidung zu Wort, der auf den akuten Mangel in Kliniken und Praxen verweist und behauptet, entsprechende Warnungen seien „grob fahrlässig“ übergangen worden.

Im Gespräch mit unserer Zeitung bemängelt der CDU-Bundestagsabgeordnete Axel Fischer aus Karlsruhe etwa das Versäumnis, nicht schon vor Wochen verlängerte Fastnachtsferien in den Schulen angeordnet zu haben. „Die beim Skifahren eingefangenen Viren konnten anschließend im Schulunterricht fleißig verteilt werden. Dies betraf besonders Bayern und Baden-Württemberg.“

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