Wenige Meter entfernt an einer Kreuzung kommt ein Sattelzug nicht um die enge Kurve. Er hat keinen Platz zum Rangieren, denn rechts und links schließt gleich die Wohnbebauung an. Er kann nicht zurückstoßen, weil sich hinter ihm der Verkehr staut. So stehen die Autos zwei Ampelphasen lang, auch mal drei. Die Frau bleibt stehen, schaut auf den Verkehr und schüttelt den Kopf.
Menschen aus Heimerdingen schauen ungläubig auf den Verkehr
Ein paar Straßen weiter, ähnliches Bild: Ein Mann steht auf dem Treppenaufgang zu seinem kleinen Haus mit der gräulichen Fassade, er schaut auf den Verkehr, ungläubig, staunend, verärgert. Eine Mischung aus Resignation, Ohnmacht und aggressivem Aufbegehren prägt die Atmosphäre in dem einst eigenständigen Dorf.
Mittendrin: Heimerdingens Ortsvorsteher Bernhard Arzt. „Die Menschen sind fassungslos“, sagt er. Vor bald sieben Jahren war der Forstwirtschaftsmeister in das Amt gewählt worden. Da war er 57, saß seit vielen Jahren für die Freien Wähler im Gemeinderat, war gar als Stimmenkönig aus den Ortschaftsratswahlen hervorgegangen. Auf kurzer Distanz erwidert er an diesem Morgen den Gruß der Heimerdinger, denen er begegnet: eine Mutter mit ihrem Kind, zwei Rentner, er grüßt sie namentlich.
Was wäre, wenn es irgendjemand wäre, fragt Arzt. Jemand, der nicht so verwurzelt wäre im Ort, nicht so so anerkannt und geschätzt. Denn auch er ist bereits massiv verbal angegangen worden für die Verkehrsmassen, die sich seit dem Brand im Engelbergtunnel durch den Ditzinger Ortsteil quälen. Arzt gibt eines dieser unfreundlichen Gespräche wider in Ton und Wortwahl, schweigt für einen Moment, sagt dann: „Die Mitmenschlichkeit geht verloren.“ Der Satz könnte auch passen auf die Situation, die wenig später zu beobachten ist: Der Zebrastreifen ist halb blockiert, weil ein Sattelzug nicht eher gestoppt hat. „Kann er nicht davor anhalten?“, fragt Arzt.
Ist der Engelbergtunnel dicht, ist Heimerdingen Ausweichstrecke
Im Heimerdingen laufen mehrere Landesstraßen zusammen. Ist der Engelbergtunnel respektive das Autobahndreieck dicht, dann ist Heimerdingen Ausweichstrecke. 12 500 bis 16 000 Fahrzeuge waren es täglich schon, darunter 16 bis 18 Prozent Schwerlastverkehr. Seit Jahren kämpfen die Heimerdinger daher für eine Umfahrung.
Es ist also nicht so, dass die Heimerdinger Verkehr nicht gewohnt wären. Es ist aber auch nicht so, dass der Forstwirtschaftsmeister den Landverbrauch für eine Umgehungsstraße ausblendet. Und natürlich sei der Verkehr andernorts auch massiv. „Aber wir sind hier auf dem Land, deshalb ist man doch auch hier hergezogen.“
Acht bis neun Minuten braucht man im Dauerstau im Schnitt, um durch den Ort zu kommen. Das hat ein Experte des Naviherstellers Tomtom ausgerechnet, basierend auf den Daten Hunderter Autofahrer. Zu beachten sei allerdings, dass „es einige Fahrten gegeben hat, die sehr viel mehr Zeit für diese Strecke benötigt haben“, sagt derTomtom-Experte. Vor allem von Ditzingen und Hochdorf kommend staut es sich in Heimerdingen:
„Irgendwann kriegen die Leute so einen Hals“, sagt Arzt. Er selbst kann in diesen Tagen nur „Feuerlöscher“ sein, wie er es formuliert. Die Zusammenarbeit mit der Stadt sei sehr gut. Kurzerhand wurde eine Halbschranke aufgestellt, um eine Straße zu blockieren, die sich zum Schleichweg entwickelte – von Navis nachweislich als Ausweichstrecke ausgewiesen. Überhaupt ist Arzt in dieser Situation daran gelegen, das Positive im Miteinander herauszustreichen. Er erzählt von der Ampel am Bahnübergang. Ein Lastwagen hatte staubedingt auf dem Bahnübergang angehalten, die Schranke senkte sich. Es sei nichts weiter passiert, aber die Schranke war kaputt. Ein schneller Ersatz war nicht möglich, also wurde die Schranke provisorisch repariert. Und er berichtet von den Konfirmanden, die am Mittwochnachmittag Getränke und Donuts an die wartenden Autofahrer verteilten.
Nie waren die Heimerdinger näher an der Realisierung einer Umfahrung, für den Moment allerdings wäre Arzt schon über Pförtnerampeln glücklich. Diese minimierten nicht den Verkehr, aber die Autos warteten dann vor dem Ort. Das verschaffe den Menschen Luft zum Atmen und Raum, wenn die Fußgänger auf der Straße laufen müssen, weil die Bürgersteige fehlen. „Am Wochenende atmen die Menschen auf“, hat Arzt bemerkt.
Die Unterstützung des Oberbürgermeisters ist den Heimerdingern sicher: Man habe „eine Sondersituation, in der aus Sicht der Stadt Ditzingen auch besondere Lösungen in Betracht gezogen werden müssen“, sagt Michael Makurath – ohne explizit auf die Pförtnerampeln einzugehen. Das Landratsamt ist zurückhaltend: „Wir setzen Pförtnerampeln grundsätzlich nur ungern und selten ein, weil sie das Problem nicht lösen, sondern vor die Ortsgrenze verlagern. Zudem sorgen die wartenden Fahrzeuge für einen hohen Ausstoß von Abgasen und Lärm – dies gilt es aus Umweltschutzgründen zu vermeiden.“