Szenische Lesung in Plochingen Über die Menschen hinter den Gastarbeitern

Im Wechsel erzählen die Figuren von ihrem Leben und den Herausforderungen. Foto: Tim Kirstein

Die szenische Lesung von „Gastarbeiter-Monologe“ durch Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums Plochingen zeigte am vergangenen Mittwoch exemplarisch die Schicksale vieler Gastarbeiter auf, die im 20. Jahrhundert nach Deutschland kamen.

Es sind Geschichten von Sehnsucht, Angst, Hoffnung oder Trauer, die die Schüler des Literatur- und Theaterkurses des Gymnasiums Plochingen vortragen. Sie beleuchten in ihrer szenischen Lesung des Stücks „Gastarbeiter-Monologe“ von Mesut Bayraktar exemplarisch die Schicksale von türkischen Gastarbeitern, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts nach Deutschland kamen.

 

Zugewanderte sehen sich häufig mit Rassismus konfrontiert

„Wir riefen Arbeitskräfte, und es kamen Menschen.“ Mit diesem Zitat des Schriftstellers Max Frisch leitet Moderatorin Rengin Nil Kaya den Abend in der Stadthalle ein. Heute seien die Kinder und Enkel dieser Menschen ein Teil der deutschen Gesellschaft. „Das Thema ist aktueller denn je“, sagt Sybille J. Metzger, die Lehrerin des Kurses. „Wir machen zum ersten Mal eine szenische Lesung im Kurs, das ist eine Herausforderung“, sagt Metzger. Während der Vorbereitung auf die Lesung hätten die Schüler im Kurs über ihre eigenen Migrationsgeschichten geredet und sich darüber ausgetauscht. „Es ist toll zu sehen, wie das auf sie gewirkt hat“, sagt Metzger.

Für ihn sei die Aufführung ein großes Geschenk, erklärt Mesut Bayraktar. Die Geschichten, die er gesammelt und in seinem Werk verarbeitet hat, seien ein wichtiger Bestandteil Deutschlands. Auslöser für die Gastarbeiter-Monologe war der rassistisch motivierte Anschlag in Hanau 2020. Bayraktar: „Migrationsgeschichte bedeutet leider auch immer rassistische Gewalt.“ Umso schöner sei es zu sehen, was die Schüler bei ihrer Aufführung geschaffen hätten.

Die vier Figuren des Stücks erzählen im Wechsel von ihrem Alltag aber auch von besonderen Momenten in ihren Leben. Jede Figur stellt hierbei ein Motivbild dar. Da wäre beispielsweise „Hasret“, zu Deutsch Sehnsucht, die an Anatoliens Schwarzmeerküste auf ihren Mann wartet, der als Gastarbeiter nach Deutschland ging. „Ich werde euch nach Deutschland holen“, lautet sein. Bis es soweit ist, wartet Hasret in der Türkei und kümmert sich um den gemeinsamen Sohn, der den eigenen Vater nicht kennt.

„Grev“ sind eigentlich mehrere Personen, die aber alle dasselbe Schicksal teilen. Die Figur, deren Name auf deutsch „Streik“ bedeutet, schichtet in einem Automobilwerk. Die Arbeitsbedingungen gipfeln in einem Arbeitskampf für mehr bezahlten Urlaub, um die Familie zu besuchen und bessere Bezahlung. Als historisches Vorbild diente der Streik 1973 in Köln, der vor allem von Gastarbeitern getragen wurde, erklärt Bayraktar.

„Hayat“ (Leben) wird in Deutschland mit einer harten Realität konfrontiert. Sie lässt ihre Kinder in der Türkei zurück, um im Ausland zu arbeiten. Doch statt zu singen, wie es immer ihr Traum war, verbringt sie später 25 Jahre in einer Konservenfabrik. Unter den Figuren ist auch eine Deutsche. Die Geschichte von „Korku“, zu Deutsch Angst, handelt von ihrer Beziehung mit einem Gastarbeiter, ihren Erlebnissen und auch der Ablehnung und Gewalt, die dem Paar widerfährt.

Die Schüler versetzen sich in das Leben der Migranten

Elif Arkan, Schülerin in der Kursstufe 2, kennt ähnliche Geschichten aus der eigenen Familie. „Meine Großeltern hatten damals auch keine Deutschkenntnisse.“ Bei der Vorbereitung hatte Arkan eine besondere Rolle. „Als Muttersprachlerin hat sie den anderen bei der Aussprache der türkischen Wörter geholfen“, sagt Metzger. Für die Schüler war das Hineinversetzen in die Rollen zentral. „Ich glaube, dafür mussten die Geschichten dich mitnehmen“, erklärt Miriam Schmidgall, ebenfalls aus der Kursstufe 2. „Durch die Lesung bekommt man einen besseren Einblick in die Schicksale der Menschen“, sagt sie.

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