Tabletten gegen Corona-Erkrankung Hersteller fordern mehr Geld für Medikamente

Das Biotechunternehmen Atriva aus Tübingen forscht an einem Medikament für an Covid-19 Erkrankte. Unser Laborbild zeigt weiße Löcher in Zellkulturen. Dort hat das Virus Zellen zerstört. Rechts dagegen hat das Medikament gewirkt. Foto: Helen Hofmann

Mit neuen Therapeutika wollen Unternehmen an Covid-19 erkrankten Patienten helfen. Vom Bund wird dies mit 50 Millionen Euro unterstützt. Die Firmenlobby Beat-Cov will mehr als das Zehnfache. Auch der Medikamentenhersteller Atriva aus Tübingen ist mit von der Partie.

Wirtschaft: Ulrich Schreyer (ey)

Stuttgart - „Unser Medikament wird dort eingesetzt, wo es am meisten Nutzen bringt“, sagt Rainer Lichtenberger – bei Menschen, die an Covid-19 erkrankt sind und bereits im Krankenhaus liegen. Lichtenberger ist Geschäftsführer des Medikamentenentwicklers Atriva in Tübingen. Die Tabletten aus Tübingen sollen Patienten vor einem schweren Verlauf der Krankheit und einer Verlagerung auf die Intensivstation bewahren. Atriva gehört zu einem losen Zusammenschluss von vier Firmen, die verlangen, dass der Staat mehr Geld für die Entwicklung von Medikamenten gegen Covid-19 bereitstellt.

 

Vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gibt es dafür bis Ende 2023 insgesamt 50 Millionen Euro – viel zu wenig, wie die unter dem Namen Beat-Cov angetretene Lobby-Gruppe kritisiert. „Diese Summe ist zu gering“, meint Lichtenberger. Schließlich müsse sehr viel geforscht werden, um ein wirksames Medikament zu erhalten. Zwischen 500 und 750 Millionen Euro sollten es schon sein, fordert die Beat-Cov-Lobby, alles kleine mittelständische Firmen.

„Die Politik darf nicht einfach abwarten“

Auch die Immunic AG aus Gräfelfing bei München gehört zu den Streitern für mehr Geld für Medikamente. Die Muttergesellschaft sitzt zwar in New York, die Musik aber spielt in Bayern. Dort arbeiten fast alle der 30 Mitarbeiter. Ebenso wie Atriva stellt auch Immunic Tabletten her.

„Wenn wir als Bundesrepublik den Kranken helfen wollen, darf die Politik nicht nur abwarten und schauen, was die Unternehmen machen. Sie muss die Firmen unterstützen“, fordert Vorstand Daniel Vitt – auch „weil ich meinen Aktionären nicht sagen kann, ich produziere jetzt einmal ein paar Millionen Tabletten auf Halde und auf Risiko, falls es mit dem Medikament nichts wird“. Wie andere Biotechfirmen ist auch Immunic an der New Yorker Technologiebörse Nasdaq vertreten.

Weltweit sind Millionen Menschen erkrankt

Das Programm des Bundesministeriums hält Vitt nicht nur wegen des seiner Ansicht nach zu geringen Umfangs für schlecht. Bisher nämlich würden nur Studien in frühen Phasen gefördert. „Doch wenn wir möglichst bald ein Medikament zu den Patienten bringen wollen, müssen die Spätphasenprojekte gefördert werden, bei denen die Zulassung in absehbarer Zeit möglich ist“.

Wie seine Kollegen unterstützt Vitt natürlich auch die Forschung an Impfstoffen. Doch dass auch Medikamente nötig seien, zeige ganz aktuell der Einkauf eines Antikörpermedikaments durch Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU). „Weltweit gibt es Millionen Erkrankte“, sagt der Manager und bemüht einen Vergleich: „Als man den Airbag erfunden hat, hat man auch nicht den Rettungsdienst abgeschafft“.

Experte: Es gibt kein wirksames Mittel für Kranke

Nicht nur Unternehmen warnen vor einer zu einseitigen Fixierung der Förderung auf Impfstoffe. Bisher gebe es „kein einziges wirksames Mittel“ für an Covid-19 Erkrankte, sagt etwa Peter Kremsner, der Direktor des Instituts für Tropenmedizin an der Universität Tübingen. Auch Remdesivir sei unwirksam. Deshalb sei es „wichtig, dass der Staat die Entwicklung von Medikamenten fördert“, meint Kremsner. Schließlich könnten auch nicht alle Menschen geimpft werden.

Weltweit werden nach den Angaben von Rolf Hömke, dem Forschungssprecher des Verbands der forschenden Pharmaunternehmen (VfA), derzeit mehrere Hundert Medikamente auf ihre Wirksamkeit gegen Covid-19 getestet. In Deutschland würden 35 therapeutische Medikamente von Unternehmen und Forschungseinrichtungen entwickelt – auch von ausländischen Firmen, die ein Labor in Deutschland haben.

Spritze statt Krankenhaus

Zu den Beat-Cov-Lobbyisten gehört auch Aicuris aus Wuppertal. Schließlich habe man „noch keine Ahnung, wie gut die Impfstoffe bei allen, vor allem älteren Menschen wirken“, sagt Geschäftsführer Holger Zimmermann. Die Medikamente aus Wuppertal bestehen aus inaktiven Viruspartikeln und werden als Spritze gegeben. „Wir bieten etwas an für frisch Infizierte, damit diese nicht ins Krankenhaus müssen“, sagt Zimmermann. Die Spritze soll „die angeborene Immunität verbessern“.

Mit mehr Geld vom Bund ginge es schneller

„Die 500 bis 750 Millionen Euro, die wir verlangen, sollen helfen, Entwicklungen, die ohnehin vorangetrieben werden, zu beschleunigen“, sagt Thomas Taapken, Finanzvorstand von Inflarx. Das Unternehmen mit Sitz in Jena entwickelt ein Medikament für Patienten, die bereits auf der Intensivstation liegen. Dieser Antikörper wird den Patienten als Infusion verabreicht.

„Rund 50 Prozent der Kranken auf den Intensivstationen sterben. Dagegen etwas zu haben ist wichtig“, sagt Taapken. Eine stärkere Förderung vom Staat sei schon deswegen nötig, weil vieles parallel geschehen müsse, um rasch voranzukommen – was für die Firmen ein höheres Risiko als das übliche Vorgehen in mehreren Schritten mit sich bringt: „Da geht es um Studien, die Produktion, die Zulassung und die Vermarktung“.

Ministerium: Mehr Menschen brauchen Impfstoffe als Medikamente

Das Bundesministerium für Bildung und Forschung allerdings hält die weit stärkere Förderung der Impfstoffentwicklung für durchaus gerechtfertigt: Bei dieser seien „wesentlich umfangreichere klinische Prüfungen notwendig“, erklärt ein Sprecher. Zudem würden die Impfstoffe im Gegensatz zu Therapeutika „einer großen Bevölkerungsgruppe verabreicht und nicht nur an an Covid-19 erkrankte Patienten“.

Deshalb sei bei Impfstoffen „auch die Erweiterung der Produktionskapazitäten förderfähig“. Dennoch aber wolle das Ministerium für sein Anfang Januar verkündetes 50-Millionen-Programm auch eine „Erhöhung der Finanzmittel in Abhängigkeit von der Antragslage prüfen“, heißt es aus der Behörde.

Erste Lieferungen bis Ende des Jahres möglich

„Wir haben schon etwas vorproduziert, so dass wir nach einer möglichen Zulassung schnell ein paar Millionen Tabletten liefern können“, meint Immunic-Geschäftsführer Vitt. Auch die Produktion könne rasch hochgefahren werden. Bei Erteilung einer Notzulassung könnten die Tabletten etwa Mitte des Jahres geliefert werden – „es kann aber auch Ende des Jahres werden“, meint Vitt.

Trotz vieler Impfungen bleibt das Virus präsent

Bei der Tablettenproduktion wurde in den Vergangenheit viel nach Asien verlagert. „Die Kapazitäten wurden aber nicht im gleichen Maße reduziert“, berichtet Lichtenberger, „deshalb gibt es bei Lohnfertigern noch freie Kapazitäten“. „Wenn alles optimal läuft, kann das erste Medikament Anfang 2022 bereitgestellt werden“, sagt der Atriva-Geschäftsführer.

Dann aber dürften weltweit noch immer viele Menschen nicht geimpft sein. „Experten sagen, das Virus ist gekommen, um zu bleiben“, erklärt Hömke. „Auch wenn die Pandemie überwunden ist, werden immer wieder Menschen erkranken. Und für diese werden Medikamente gebraucht.“ Inflarx jedenfalls glaubt, mit dem Medikament gegen Covid-19 auch vorsorgen zu können: „Unser Medikament kann auch bei anderen Pandemien eingesetzt werden, die noch kommen können“, meint Taapken.

Die Streiter für mehr Förderung

Aicuris:
Das Wuppertaler Unternehmen beschäftigt 70 Mitarbeiter. Anders als reine Entwickler macht die Ausgründung aus Bayer Healthcare mit jährlich 25 Millionen Euro auch schon einen nennenswerten Umsatz mit bisherigen Medikamenten. Sie hat allerdings auch Ausgaben in mittlerer zweistelliger Millionenhöhe für jede Studie an Patienten.

Atriva
: Das Tübinger Unternehmen beschäftigt 26 Mitarbeiter und sucht weitere. Einen Umsatz gibt es noch nicht, die Finanzierung geschieht unter anderem durch ein Darlehen der Europäischen Investitionsbank (EIB) und private Investoren.

Immunic:
Das Unternehmen aus Gräfelfing beschäftigt 30 Mitarbeiter, davon drei in den USA. Der Firmensitz der Muttergesellschaft ist New York. Bisher wurden 15 Millionen Euro in die Entwicklung eines Medikaments gegen Covid-19 gesteckt.

Inflarx:
Am Firmensitz in Jena arbeiten 20 Beschäftigte, 30 sind in München tätig. Zurzeit wird mit 360 Patienten die letzte Phase der klinischen Studien durchlaufen.

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