Es ist genau acht Wochen her, da stand an dieser Stelle schon mal ein Kommentar über Tadej Pogacar. Der Superstar unter den Radprofis hatte gerade den Giro d’Italia locker und leicht mit fast zehn Minuten Vorsprung gewonnen, der frühere Tour-Sieger Geraint Thomas meinte, diese Leistung sei „nicht normal“, und die Schlussfolgerung lautete: Es gibt keinerlei Beweis, dass der Slowene betrügt, doch eine derartige Überlegenheit genügt angesichts der dopingverseuchten Vergangenheit des Radsports, um seine Leistungen kritisch zu hinterfragen und mit Skepsis zu betrachten. Nun, zwei Monate später, gilt das umso mehr.
Nach dem Giro d’Italia hat Tadej Pogacar nun auch die Tour de France dominiert, dieses Double gelang zuletzt 1998 dem Epo-Doper Marco Pantani. In den beiden Rennen gewann Pogacar zwölf Etappen (6x Giro/6x Tour), und damit sogar mehr als einst Eddy Merckx (3/8). Er pulverisierte mehrere Bestmarken an legendären Anstiegen, unter anderem hinauf zum Plateau de Beille: Pogacar (39:41) war unglaubliche 3:40 Minuten schneller als der bisherige Rekordhalter Pantani. Hinterher wurde er von vielen Experten als „Alien“ betitelt, was zwei Leute, die es wissen müssen, nachvollziehen konnten. Tom Steels, der Sportliche Leiter von Soudal-Quickstep erklärte, Pogacar fahre „außer Konkurrenz“. Und Ralph Denk, der Teamchef von Red Bull-Bora-hansgrohe, stufte den Auftritt des Slowenen als „abartig“ ein.
Der Radsport ist in eine neue Zeit aufgebrochen
Selbst bei hartnäckiger Suche findet sich kaum noch jemand, der eine plausible Erklärung für die Dominanz von Pogacar parat hat. Natürlich ist Vieles völlig anders: Material, Ernährung, Trainingswissenschaft, Datenanalyse – der Radsport ist in eine neue Zeit aufgebrochen. Aber reicht das, um Bestmarken aus der Hochdopingära einfach auszulöschen?
Fakt ist, dass die Sportmedizin früher eine große Rolle gespielt hat – und dies immer noch tut. Wenn Tadej Pogacar eine halbe Stunde lang sieben Watt pro Kilogramm Körpergewicht tritt, muss er an seine Grenzen gehen. Im Rennen, aber auch schon in der Vorbereitung. Dazu gehört mittlerweile zum Beispiel, im Höhentrainingslager Messgeräte zu nutzen, bei denen Kohlenmonoxid eingeatmet wird – das passiert beim Team UAE. Im Missbrauchsfall wird dieses Kohlenmonoxid öfter zugeführt, um eine Sauerstoffarmut auszulösen, die der Körper dann mit der vermehrten Bildung roter Blutkörperchen ausgleicht. Verrückt? Nein, womöglich längst die Realität. Verboten wäre das nicht, im Gegensatz zu Aicar, einem Schlankmacher, der zugleich Energie liefert – und auf den trotz vorhandener Nachweismethoden kaum getestet wird.
Das sind Schwächen im System, für die Tadej Pogacar, der sympathische Supermann, nichts kann. Der Double-Sieger war in diesem Sommer derart überlegen, dass sich Matxin Fernandez bestätigt fühlen muss. Der Sportchef des UAE-Teams behauptet, dass Pogacar der beeindruckendeste Radfahrer ist, den es je gegeben hat, und dass es auch nie einen beeindruckenderen geben wird. Ob das sauber geht? Die Pogacar-Fans in den sozialen Medien hegen daran keine Zweifel, viele andere sehr wohl. Am Ende bleibt es, solange das Gegenteil nicht bewiesen ist, auch eine Glaubensfrage.