Täglich bei Wolf und Co. in Tripsdrill Unter Geiern fühlt sich der Tierpfleger pudelwohl

Benedict Stirblies füttert einen Geier während der Flugschau. Foto: Simon Granville

Immer an der frischen Luft und bei den Tieren – Benedict Stirblies hat seinen Traumjob gefunden: Wildtierpfleger in Tripsdrill bei Freudental (Kreis Ludwigsburg).

Ludwigsburg: Oliver von Schaewen (ole)

„Na, komm!“ Die Stimme von Benedict Stirblies klingt sanft und vertrauenserweckend. In der Hand hält der Wildtierpfleger einen massigen, roten Fleischbrocken. Um ihn herum junge Polarwölfe, die mit ihrem weißen Fell zwar schön anzusehen sind, aber gierig dreinblicken. Zögernd umschleichen sie Stirblies. Plötzlich schießt eines der Tiere mit seinen großen, scharfen Zähnen nach vorne und schnappt sich das Rinderherz. Stirblies lässt ihn gewähren. Seine Hand bleibt unversehrt – das ist nicht selbstverständlich.

 

Wenn der Pfleger einen schlechten Tag hat, steigt das Bissrisiko

Tierbisse seien die Ausnahme, er habe aber schon welche abbekommen, erzählt der 32-Jährige. Die schmerzhaften Ereignisse gehören für den Leiter und Ausbilder der Tierpflege-Abteilung im Wildparadies Tripsdrill dazu. Sie passierten, wenn Mensch oder Tier einen schlechten Tag haben – oder sogar beide nicht fokussiert seien. Er hinterfrage sich diesbezüglich und achte in der Regel auf sich.

Ansonsten gebe es zwischen Mensch und Tier immer mal wieder überraschende Momente. „Als Tierpfleger muss man schon einen an der Waffel haben“, sagt Stirblies und grinst. Dann erzählt er vom Hirsch, den er vor einigen Jahren wegen einer Verletzung einfangen musste. Als die Betäubung des Tiers zu früh nachließ, wollte er den Hirsch niederdrücken, fand sich dann aber als Rodeoreiter auf ihm wieder. „Natürlich bin ich unsanft gelandet, aber zum Glück ist nicht mehr passiert.“

Die Abwechslung ist für den Leiter der Abteilung wichtig

Kein Tag ist wie der andere für den Mann, der nicht nur für die 60 Wildtierarten auf dem 47 Hektar großen Gelände zwischen Cleebronn und Freudental zuständig ist, sondern auch sieben Mitarbeiter anleitet: drei Tierpfleger, drei Auszubildende und einen jungen Mann, der im Freiwilligen Ökologischen Jahr mitarbeitet. „Für mich ist die Abwechslung das Wichtigste am Beruf“, sagt Benedict Stirblies. Wenig später betritt er die Voliere des einzigen Schwarzstorches in dem Gehege. „Er greift an, wenn man ihn ärgert“, sagt er. Aber der Vogel bleibt stoisch sitzen und lässt sich von Stirblies nicht provozieren. Vermutlich irritiert ihn die Übermacht von drei ausgewachsenen Männern, die ihn erwartungsvoll anschauen.

Viel Zeit hat Benedict Stirblies an diesem Montagmorgen nicht. Die Runde mit der Fütterung von Alpakas, Waschbären, Frettchen, Wölfen, Polarfüchsen und den europäischen Rotfüchsen ist durchgetaktet. „Ein Mitarbeiter ist leider erkrankt – das merkt man dann schon“, sagt der Ausbilder, der sich selbst als „streng“, aber umgänglich einschätzt. Selbst sei er schon als 13-Jähriger auf einem Bauernhof mit Tieren und ihren Verhaltensweisen in Kontakt gekommen. Im nordhessischen Herbsen mit seinen damals 360 Einwohnern habe er Kälber für eine Tierschau am Viehmarkt trainiert, später auch Rinder. „Ich habe Preise gewonnen und gemerkt, dass ich gut klarkomme.“

Der größte Fehler im Umgang mit Tieren sind falsche Belohnungen

Falsche Belohnungen seien der größte Fehler im Umgang mit Tieren. „Sie brauchen eine Orientierung, um zu wissen, ob sie etwas richtig oder falsch gemacht haben.“ Benedict Stirblies hat offenbar viel richtig gemacht, sonst würde er nicht einer Tätigkeit nachgehen, die viele junge Leute heutzutage als Traumberuf ansehen. Doch ohne Fleiß keinen Preis: Er selbst habe bei seinen Praktika immer „100 Prozent“ gegeben – so habe er an den Stationen seiner beruflichen Laufbahn schnell reingefunden.

Er habe sich nie gescheut, Verantwortung zu übernehmen, erzählt der Tierpfleger. „Man hat mir etwas zugetraut.“ Sich selbst schone er nicht: „Wenn ein Tier Nachwuchs bekommt, kann es sein, dass ich die Nacht über bei ihm bleiben muss.“ Dienst nach Vorschrift sei ihm fremd. Vor Kurzem ist Benedict Stirblies jedoch selbst erstmals Papa geworden. Sein zwei Monate junges Töchterchen Freja möchte er so oft es geht sehen und am Naturleben teilhaben lassen.

Wenn es regnet, fliegen die Greifvögel sowieso nicht

Geradeheraus und ganz in seinem Element wirkt Benedict Stirblies, als er bei der Flugvorführung um 11.30 Uhr auftritt und das Publikum in Tripsdrill an seiner Begeisterung für Greifvögel teilnehmen lässt. Elegant landen Bussarde, Milane, Adler und Geier auf seiner Hand. Zum Glück lässt sich an diesem trüben Tag die Sonne blicken. „Wenn es regnet, machen Greifvögel gar nichts“, sagt Stirblies den etwa 50 Zuschauern, die bald darauf immer wieder die Köpfe einziehen, wenn eines der Tiere über ihnen hinwegfliegt. Gefährlich ist es aber nicht. Der Falkner, der einen Jagdschein machen musste, weil ein Greifvogel juristisch als Waffe gilt, beruhigt: „Wenn ein Vogel auf Ihrem Schoß landet, atmen Sie einfach weiter.“

Die Geschichten, die sich um die seltenen Raubvögel ranken, sind so erstaunlich, dass die Gäste immer wieder schmunzeln. „Normalerweise büxen Greifvögel nicht aus“, erzählt Stirblies. Zu bequem seien sie, da sie ja praktisch Vollpension bekämen und sich nicht wie wild lebende Artgenossen mit bis zu 20 Angriffen täglich vier Mäuse erbeuten müssten, um halbwegs satt zu werden. „Ein Falkner bindet ein Tier dadurch an sich, indem er ihm täglich die Freiheit schenkt.“ Sagt Stirblies und lässt den Weißkopf-Seeadler Clinton seine Runde drehen.

Der Storch Fridolin klappert, um beim Menschen zu balzen

Heimlicher Star ist jedoch Storch Fridolin, der viel fleißiger hin und her fliegt als die Greifvögel. „Er wurde 2019 von Geschwistern aus dem Nest geworfen“, erklärt Benedict Stirblies, während Fridolin klappernd vor ihm sein Leckerchen erwartet. Das Klappern sei das Balzen, „er macht es nur im Frühling“. Der Storch ist von Menschen aufgezogen worden, er balze um Zuwendung. „Er bringt mir auch Zweige zum Nestbau.“

Wann ist das Wildparadies geöffnet?

Frühling und Sommer
 Das Wildparadies Tripsdrill ist täglich von 9 Uhr an geöffnet: bis Ende April bis 19  Uhr, bis 16. Mai bis 20  Uhr und dann bis 18. August bis 21 Uhr.

Herbst und Winter
 Geöffnet ist von 19. August bis 9. September bis 20 Uhr, bis 6. Oktober bis 19 Uhr, bis 26. Oktober bis 18 Uhr und im übrigen Winter bis 17 Uhr.

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