Tänzerinnen bei Gauthier Dance Die Dedroog-Cousinen teilen Arbeitgeber, Leidenschaft und Garderobe

Die Cousinen Karlijn und Anneleen Dedroog (von links) haben als Tänzerinnen bei Gauthier Dance ihr Glück gefunden. Foto: /ichtgut/Ferdinando Iannone

Die Belgierin Anneleen Dedroog lebt bereits seit 2011 in Stuttgart, ihre Cousine Karlijn folgte ihr 2022 zu Gauthier Dance. Auch bei der nächsten Premiere im Theaterhaus tanzen sie gemeinsam.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Zwei Künstler mit demselben Nachnamen gab es in dieser Kompanie schon einmal. Doch während der Tänzer Maurus und der Kompaniechef Eric Gauthier nicht familiär verbandelt waren, liegt der Sachverhalt bei den beiden Dedroog-Damen Anneleen und Karlijn anders. Die Tänzerinnen aus Belgien sind Cousinen und stammen aus zwei kleinen, rund eine Autostunde voneinander entfernten Städtchen in der Nähe von Maastricht, aus Borgloon und Neeroeteren, deren flämische Namen sie der Reporterin im Büro des Probezentrums von Gauthier Dance am Löwentorbogen besser selber in den Block schreiben.

 

Die Vertrautheit der beiden ist deutlich spürbar, als sie für den Fotografen sehr heiter in der Sitzecke posieren. Familienbande haben schließlich auch dafür gesorgt, dass die Dedroogs heute gemeinsam auf einer Bühne tanzen. Die Vorstellungen von Gauthier Dance und der großen Cousine zu besuchen gehörte für Karlijn früh dazu. Bigonzettis „Cantata“ und der „Celebration“-Abend zum fünften Geburtstag von Gauthier Dance 2012 ist die erste Show, die sie als junger Teenager miterlebt. Bei „Mega Israel“ fiel dann Karlijns Entscheidung: Sie wollte wie Anneleen professionelle Tänzerin werden; Ballettunterricht hatte sie, seit sie vier Jahre alt war.

Teilen dieselbe Leidenschaft: Anneleen und Karlijn Foto: LG//Ferdinando Iannone

Dass die damals 16-Jährige ganz konkret in die Fußstapfen der um acht Jahre älteren Cousine tritt und ebenfalls die Königliche Ballettschule in Antwerpen besucht, ist kein Zufall. „Das ist die einzige Ausbildungsmöglichkeit in Belgien“, sagt Anneleen und lacht. Die Nachwuchskompanie Dantzaz in San Sebastián wählen beide im Anschluss sehr bewusst, junge Tänzer würden dort mit Rücksicht auf kommende Engagements gefördert und eingesetzt.

Gauthier Dance war jung und inspirierend

Als Anneleen spontan für eine Kollegin einsprang und bei einer Benefizgala von Gauthier Dance auftrat, reiste sie mit einem Vertrag zurück ins Baskenland. „Gauthier Dance war damals eine kleine, nur achtköpfige Kompanie, das hat mir gefallen. Alle waren so jung und inspirierend“, sagt die Tänzerin, die als Vertretung für eine schwangere Kollegin kam – und blieb: „Hier ist im positiven Sinn so viel zu tun. Anderswo hätte ich nicht mit so vielen Choreografen zusammenarbeiten können und wäre nicht zu der Tänzerin geworden, die ich heute bin“, sagt Anneleen.

Die Dedroog-Cousinen verbringen viel Zeit gemeinsam im Studio. Foto: LG//Ferdinando Iannone

Diese Energie war bis nach Belgien zu spüren, wo Karlijn 2018 beim Königlichen Ballett von Flandern und seinem damaligen Direktor Sidi Larbi Cherkaoui untergekommen war. „Diese Kompanie tourt nicht so viel, und bei 45 Tänzerinnen und Tänzern wird man auch nicht so oft eingesetzt“, begründet die jüngere der beiden Cousinen ihre Entscheidung, der älteren nach Stuttgart zu folgen. „Bei Gauthier Dance gibt es sehr viel mehr Vorstellungen, hier muss ich tanzen. In Flandern musste ich um meinen Platz kämpfen“, sagt Karlijn.

Familientreffen beim Gastspiel

Dass die Dedroogs die Karrieren ihrer Liebsten live mitverfolgen, ist bis heute so geblieben. Jüngst seien bei einem Gastspielstopp von Gauthier Dance mit „15 Years Alive“ in Leverkusen rund 40 Großeltern, Mamas, Papas, Onkels, Tanten und andere Verwandte im Publikum gewesen, erzählen die beiden Cousinen. Leider habe es nicht geklappt, jemand von ihnen für Ohad Naharins Ballett „Minus 16“, das mit der Beteiligung von Menschen aus dem Publikum endet, auf die Bühne zu holen. „Alle saßen zu weit hinten“, bedauert Anneleen.

Familientreffen im kleinen Rahmen gibt es bei Gauthier Dance dafür täglich. Außer der Arbeit im Studio teilen die beiden Cousinen eine Garderobe und sind sich so nah, dass sie auf private Treffen getrost verzichten können. „Wir haben nur am Sonntag frei und beide einen Freund, da bleibt nicht viel Zeit für anderes“, sagt Anneleen.

Begeisterung für Hofesh Shechter

In „Anthology“, dem neuen, ihrem Resident-Choreografen Hofesh Shechter gewidmeten Programm von Gauthier Dance, sind die 24-Jährige und die 33-Jährige gemeinsam auf der Bühne zu erleben, in Shechters „Contemporary Dance 2.0“ haben sie bereits zusammen getanzt. Und die intensive Körperlichkeit, auf die der aus Israel stammende Tanzmacher setzt, entspricht dem Naturell der beiden energiegeladenen Belgierinnen bestens.

„Hofesh Shechter hat eine sehr eigene Tanzsprache“, erläutert Karlijn ihre Begeisterung für den Künstler, dessen Stück „Uprising“ ihr einst den Impuls gab, den Tanz zum Beruf zu machen. „Wir kümmern uns bei den Proben nicht ständig mit dem Blick in den Spiegel darum, wie wir aussehen. Wichtiger ist ihm, wie sich Bewegungen für uns anfühlen.“ Auch Anneleen arbeitet gern mit Hofesh Shechter zusammen. „Er bringt viel Energie mit. Seine Stücke haben eine tiefe Menschlichkeit und viel Humor, das prägt auch die Proben. Mit ihm zu arbeiten ist immer eine große Freude.“

Anthology: Shechter x Gauthier Dance: Premiere 20. Juni, 20 Uhr. Weitere Aufführungen im Theaterhaus bis zum 29. Juni.

Info

Termin
„Anthology: Shechter x Gauthier Dance“ hat am 20. Juni um 20 Uhr Premiere. Weitere Aufführungen gibt es im Theaterhaus bis zum 29. Juni.

Programm
Mit der Shechter-Hommage verbeugt sich Gauthier Dance vor ihrem Artist in Residence. Seit drei Jahren arbeiten der israelische Choreograf und die Theaterhaus-Kompanie zusammen, „Anthology“ gibt mit „Contemporary Dance 2.0“, „Swan Cake“ und einem nagelneuen Bonus-Track einen Überblick.

Künstlerinnen
Anneleen Dedroog kam als Sechsjährige zum Tanz, weil sie wie die kleinen Tänzerinnen auf der Bühne des örtlichen Kulturzentrums nach dem Nikolaus-Umzug dem Sinterklaas und seinem Süßigkeitensack besonders nah sein wollte. Die heute 33-Jährige stieß 2011 von der Dantzaz Konpainia in San Sebastián zu Gauthier Dance. Ihre 1999 geborene Cousine Karlijn tanzte vier Jahre beim Königlichen Ballett von Flandern unter Sidi Larbi Cherkaoui, bevor sie 2022 zu Gauthier Dance kam.

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