Tänzerinnen mit Behinderung Zeigen, wie man aufrecht geht

Von Petra Mostbacher-Dix 

Tanzen ist Kommunizieren ohne Worte jenseits aller Handicaps. Das beweisen Marina und Rebekka, eine junge Frau und ein Grundschulkind mit Down-Syndrom, die an der New York City Dance School in Feuerbach Jazz und Ballett trainieren.

Claudia Senoner zeigt Rebekka, wie ein Port de Bras geht Foto: Petra Mostbacher-Dix
Claudia Senoner zeigt Rebekka, wie ein Port de Bras geht Foto: Petra Mostbacher-Dix

Feuerbach - „So sah der Unterricht an der New York City Dance School (NYCDS) Stuttgart aus, bevor das Coronavirus den Betrieb erst einmal lahmlegte: „Beine strecken – prima!“ Elazar Fayzulaev zeigt Marina die Rolle rückwärts – Bodenübungen im Kurs „Kids Jazz Dance“ an der . „Prima!“, sagt die 20-Jährige. Sie versteht alles, aber spricht nicht, wiederholt Wörter. Marina hat eine Form von Trisomie 21, dem Down-Syndrom. „Sie ruht in sich selbst, zeigt auch, wenn sie was nicht will“, schmunzelt ihre Mutter Ulrike, die durch das Türfenster den Unterricht beobachtet. „Manchmal sondert sie sich kurz ab.“ Dann ermuntert sie ihre Tochter.

Die besucht seit 13 Jahren die Tanzschule. „Bewegung ist wichtig. Marina tanzte immer gerne vor dem Spiegel, liebte Ballerinen in Tütüs.“ Sie meldete ihr Kind im Ballett an, dann kam Hip Hop und nun Jazz. Diesen Kurs lässt die junge Frau nicht ausfallen, kommt regelmäßig nach ihrer Arbeit in der Werkstatt für Menschen mit Behinderung. „Mir war und ist wichtig, dass sie nicht nur unter Gleichgesinnten ist“, so Ulrike.

Bestens integriert und toll aufgenommen

Marina besuchte Regelschulen, ab der fünften etwa eine Außenklasse einer Schule, die mit einem Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum kooperiert. „Die kleine Schwester der Integration“, merkt Ulrike an, aber auch, dass ihre Tochter in der Außenklasse eher für sich war. „Für sie war es dennoch gut. Das gilt nicht für jedes Kind mit Handicap.“ An der Tanzschule sei sie bestens integriert, toll aufgenommen, bei den NYCDS-Tanzprojekten dabei, stand etwa in „Cinderella“ auf der Bühne des Ludwigsburger Forums. Dahinter kümmerten sich die zwölfjährigen Zwillinge Maya und Dania um sie. Die nicken und betonen unisono: „Das ist selbstverständlich, Marina ist so fröhlich, wir lachen viel.“ Hat das Tanzen sie verändert? „Es ist gut für den Muskelaufbau“, erklärt ihre Mutter. Durch ihre Überbeweglichkeit bekommen Down-Syndrom-Menschen schneller orthopädische Probleme. Tanzen sei zudem Kommunikation. Als in einer Probe fünf Mädchen mit Marina einen Überschlag machten, habe sie danach den ganzen Abend gelacht. „Das tat sie vorher nie!“ Ulrike erwähnt aber auch, dass manche Eltern sich an Kinder mit Handicap in den Kursen störten. Das ärgert Tanzschulchefin Sabine Lynch. „Die Kinder selbst haben kein Problem, sie lernen voneinander, das nennt sich soziale Kompetenz.“ Sie berichtet von dem blinden Jungen, den Stepplehrerin Sylvia Wilke Schritte fühlen ließ. „Der steppte super.“

In der Kinderballettstunde demonstriert derweil Tanzpädagogin Claudia Senoner, wie die Arme im Port de Bras einen Bogen formen. Rebekka, ebenfalls Down-Syndrom-Kind, macht begeistert mit. „Drehungen und Pferdchensprung machen besonders Spaß“, schwärmt die Achtjährige. „Sie hat sich früh auf Musik bewegt“, erzählt ihre Mutter Caroline, die mit ihrem Mann Stefan im NYCDS-Bistro wartet. Vor drei Jahren brachten sie Rebekka zum Ballett, um ihre Körperbeherrschung zu schulen. „Von unseren drei Kindern hat sie die beste Haltung“, sagt Caroline. Stefan lacht: „Sie zeigt uns, wie man aufrecht geht. Tanzen gibt Selbstbewusstsein.“

Von klein auf Selbstständigkeit gelernt

Auftritte vor 1200 Zuschauern wie bei „Cinderella“ trügen dazu bei. Ihre Tochter habe die Show ohne Hilfe von Mama und Papa gemeistert. „Wir haben sie am Bühneneingang abgeliefert, dort wieder abgeholt – sie war happy.“ Selbstständigkeit lernte Rebekka von klein auf, auch wenn Ärzte, Physiotherapeuten oder Erzieherinnen anderes empfahlen. „Ihre Entwicklung wird sich stark verzögern, hieß es, sie werde spät laufen lernen – sie lief mit zwei!“, so Caroline. „Gefragt wurde gar, ob uns unsere Tochter wirklich verstehe, als wir sie die Jacke selbst anziehen ließen.“

Manche Freunde hätten nicht mal zu Rebekkas Geburt gratuliert. „Uns war aber klar: Unser Kind wird so normal wie möglich aufwachsen, in die Gemeinschaft einbezogen.“ Doch sie erfuhren, dass mitunter das Helfersystem Menschen mit Behinderungen behindere, weil vor allem auf Defizite geschaut werde. „Jedes Kind – mit oder ohne Handicap – ist anders, fordert anders. Man muss die Perspektive wechseln zu den Ressourcen, nur so viel Therapie und Begleitung wie nötig.“ Schließlich fanden sie Therapeuten, die sie unterstützen – und eine Kita. Nach der Elternzeit arbeiteten beide wieder.

„Durch unsere älteren Kinder wussten wir: Schreien oder Bocken hat nichts mit Handicap zu tun“, so Stefan. Die Brüder lernten von der „besonderen Schwester“, waren mit ihr im Skikindergarten. Rebekka macht Leichtathletik, reitet, spielt Klavier – und tanzt. „Tanzen ist am tollsten“, lacht sie, bevor sie mit ihren Mädels in die Spielecke abtaucht. „Ich werde Tanzlehrerin.“




Unsere Empfehlung für Sie