Täter spüren geheime Adressen per Handy auf Schutzlos im Frauenhaus?

Häusliche Gewalt als Grund: Zuflucht im Frauenhaus. Foto: yupachingping - stock.adobe.com

Die digitale Gewalt gegen Frauen nimmt zu. Und auch Frauenhäuser brauchen neue Schutzkonzepte, denn Täter spüren mit GPS-Tracking deren geheime Adressen auf.

Gewalttätigen Männer gelingt es immer öfter, durch digitale Kommunikation den geheimen Standort von Frauenhäusern aufzudecken. Sie nutzen die GPS-Ortung von Handys, überwachen Mails oder SMS oder lassen sich über die Smartphones ihrer Kinder – die mit der Mutter im Frauenhaus leben – die Adresse verraten: Das sind bundesweite Erkenntnisse des Vereins Frauenhauskoordinierung in Berlin, die einen Großteil der 380 Frauenhäuser in Deutschland vertritt und berät. „Wir haben eine Zunahme der digitalen Gewalt gegen Frauen“, sagt Koordinatorin Elisabeth Oberthür. „Parallel wächst die Gefahr der Aufdeckung von Frauenhausadressen durch Täter.“

 

Höhere Mauern und Sicherheitskameras

Die große Mehrheit der Frauenhäuser ist noch unter dem Schutz anonymer Adressen, aber einige wagen eine Vorwärtsstrategie und nennen die Anschrift öffentlich – einhergehend mit Baumaßnahmen wie höhere Mauern, Zäune, Kameras, Notfallknöpfe und Transponder-Systemen, die es Fremden im Haus verwehren, in die oberen Etagen zu gelangen. Im letzten Jahr seien 30 Frauenhäuser bekannt gewesen, die in der Umstellungsphase zur öffentlichen Nennung der Anschrift sind, sagt Oberthür.

Vier davon sind in Baden-Württemberg. Beim Frauen- und Kinderschutzhaus in Heilbronn sind die Pläne am weitesten gediehen. Der derzeitige Standort ist noch geheim, aber im Frühjahr werde ein anderes Gebäude mit einem „offenen Konzept“ bezogen, sagt der für das Projekt zuständige Sozialmanager Tobias Bothe von der Diakonie Heilbronn. Man werde eine Einweihungsfeier machen und die Anschrift im Netz und den Zeitungen publizieren.

Frauenhäuser sind kein Gefängnis: Vorteile eines „offenen Ansatzes“

„Anonymität im digitalen Zeitalter ist eine Illusion“, sagt Bothe. Er sei sicher, dass viele Taxifahrer in Heilbronn den Standort des Hauses längst wüssten. Vor zwei Jahren stieg die Mitternachtsmission – zu der das Frauenhaus Heilbronn gehört – in ein Bundesförderprogramm zur Umwandlung ein. Mit Personenschleusen, Paniktasten und Sicherheitskameras wird es sich rüsten. „Eine Festung wollen wir aber nicht schaffen, das Frauenhaus soll kein Gefängnis werden.“ Bothe sieht im „offenen Ansatz“ durchaus einige Vorteile: „Die Frauen müssen sich künftig nicht mehr verstecken, sie mussten ja bisher im Frauenhaus ihr altes Leben quasi zurücklassen. Das war für sie eine große Belastung.“

Kinder dürfen Wohnort nicht nennen

Das Gleiche gelte für die Kinder, die in der Schule nicht mal sagen dürfen, wo sie wohnen. Das werde bald anders. Mit einer festen Adresse falle die berufliche und soziale Integration der Frauen leichter, Verwandten- oder Freundesbesuche – mit Voranmeldung – seien möglich. Schließlich gebe es einige Frauen, die sogar die Täter mit in die Arbeit einbeziehen wollten, etwa, wenn es Fragen der Kinderbetreuung zu klären gebe. Auch das sei künftig denkbar.

Schutzwohnungen für Hochgefährdete

Von einem harten Kern von Männern müssen Frauen aber weiter rigoros abgeschirmt werden. Das ist der Fall bei hochgefährdeten Frauen, die etwa von Zwangsheirat oder Ehrenmord bedroht sind. Für sie werden anonyme Schutzwohnungen angeboten, deren Standort von Zeit zu Zeit wechsele, so Bothe.

Künftig gibt es zwei Standorte in Stuttgart: mit Adresse und anonym

Andere Städte gehen einen Mittelweg. Die Frauenhäuser in der Landeshauptstadt Stuttgart planen künftig jeweils zwei Standorte: einen kleineren anonymen Standort und einen mit bekannter Adresse, teilt das zuständige Sozialamt mit. „Für Frauen und Kinder kann es extrem wichtig sein, dass der Gefährder nicht weiß, wo sie sich aufhalten. So können die Betroffenen erst wieder ein Sicherheitsgefühl entwickeln“, sagt Stadtsprecherin Marie Kraft.

Den Stuttgartern ist der drastische Fall eines Täters vor Augen, der in einer Flüchtlingsunterkunft seine Frau mit körperlicher und psychischer Gewalt drangsalierte. Platzverweise, Gespräche mit dem Jugendamt, Hausverbot und ein gerichtliches Kontakt- und Näherungsverbot halfen nichts: Der Mann stellte seiner Frau und den gemeinsamen drei Kindern weiter nach. Der einzige Ausweg war hier das anonyme Frauenhaus.

Zunehmender Mut bei Frauen

„Die Anonymität der Frauenhäuser ist teilweise schwerer zu gewährleisten“, sagt Ute Leidig, Staatssekretärin im Sozialministerium in Stuttgart. Aber die Geheimhaltung sei in vielen Fällen unabdingbar: „Da geht es konkret um die Bedrohung von Leben.“ Mit 835 Plätzen für Frauen und Kinder in Frauenhäusern sieht Leidig den Südwesten „gut aufgestellt“ angesichts von bundesweit 5000 Plätzen. Der Bedarf sei hoch, was auch die Zahl der angemeldeten Neubauten signalisiere. „Es gibt bei den Frauen zunehmend den Mut, sich aus einer Situation der häuslichen Gewalt zu lösen.“ Beim Bundesförderprogramm „Gemeinsam gegen Gewalt an Frauen“ beteiligen sich ein Dutzend von 44 Frauenhäusern im Land, sie beantragten die Rekordsumme von 20 Millionen Euro für Umbauten. Einige Häuser – neben Heilbronn drei weitere – erwägen die offene Nennung ihrer Adressen.

In Baden-Württemberg schwanken die Zahlen der Partnergewalt – sie reichen von Nötigung, Nachstellung, bis hin zu Körperverletzung und Mord – in den letzten Jahren zwischen 12 000 und 14 000 Fällen. Laut Innenministerium sind 81 Prozent der Opfer weiblich. Es kam 2021 im Südwesten zu 18 Frauenmorden in Partnerschaften.

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