Tafelladen Esslingen platzt aus allen Nähten Die schwere Suche nach neuen Räumen für die Tafel

Freuen sich über die neuen Räumlichkeiten der Tafel in der Sirnauer Straße in der Esslinger Altstadt: Leiterin Barbara Zaremba-Meyer und Sven Jaissle von der Caritas. Foto: Roberto Bulgrin

Der Tafelladen Carisatt in der Esslinger Neckarstraße ächzt unter immer mehr Kunden. Auf der Suche nach neuen Räumlichkeiten wurde das Betreiberteam nun fündig. Doch es sind noch Umbauarbeiten nötig.

Reporterin: Simone Weiß (swe)

Die Schlange vor dem Tafelladen in der Neckarstraße in Esslingen ist lang. Die Wartenden sind an diesem heißen Sommermorgen schlecht gelaunt. Ein Drängler, der sich an ihnen vorbeimogeln möchte, wird böse angeraunzt. In den Räumlichkeiten herrscht Enge, in den Flurreihen kommen zwei Menschen mit Einkaufstaschen kaum aneinander vorbei. Das Warenangebot kann in diesem Ambiente nicht gerade ansprechend präsentiert werden, und einige der Räumlichkeiten wie die Büros des Betreiberteams befinden sich in den oberen Etagen. Doch die Tage des räumlich beschränkten Einkaufens in dem von der Caritas Fils-Neckar-Alb betriebenen Ladenlokal sind gezählt. Ende dieses Jahres ist ein Umzug in die Sirnauer Straße 7 in der Altstadt geplant. Mit einer Eröffnung der neuen Räumlichkeiten wird im ersten Quartal 2025 gerechnet.

 

Barbara Zaremba-Meyer kann ihre Freude über die erfolgreiche Suche nach einem neuen Standort kaum verbergen. Etwa 1150 Menschen, sagt die Leiterin, haben in Esslingen einen Berechtigungsschein für einen Einkauf in einem Tafelladen: „Aber es werden immer mehr. Kunden und Warenvolumen nehmen ständig zu.“ Gedacht sind die Einrichtungen laut dem Dachverband Tafel Deutschland für Menschen mit geringem Einkommen. Die Grenze dafür orientiere sich an der Armutsgefährdungsschwelle, die in Deutschland aktuell bei 1251 Euro pro Monat für einen Single-Haushalt und bei 2627 Euro für einen Haushalt mit zwei Erwachsenen und zwei Kindern unter 14 Jahren liege. Zu den Besuchern der Tafel Esslingen zählen laut Barbara Zaremba-Meyer Kleinverdiener und die Bezieher von Bürgergeld, Grundsicherung, Wohngeld oder einer kleinen Rente. Einen sehr geringen Teil der Nutzer machten auch Studierende mit einem niedrigen BAföG-Satz aus. An alle diese Menschen würden durchschnittlich rund 3,5 Tonnen Lebensmittel pro Woche zu verbilligten Preisen weit unter dem Einkaufswert abgegeben.

Kundenkreis wird immer größer

Der Bedarf ist groß. Zwischen 120 und 150 Kunden kommen laut Barbara Zaremba-Meyer täglich in den Tafelladen Carisatt in der Neckarstraße. Um sie versorgen zu können, würden jeden Tag durchschnittlich etwa 36 Lebensmittelläden angefahren. Das Mitarbeiterteam bezieht die Waren von Discountern, Bäckereien oder auch Privatleuten. Von ihnen bekommt es Lebensmittel, die gut und konsumierbar, aber nicht mehr für den Verkauf gedacht sind. Manchmal meldeten sich auch Firmen, die von einem Jubiläum oder einer anderen Veranstaltung Essen übrig haben.

Doch das Einsammeln einer ausreichenden Anzahl an Waren werde immer schwieriger, sagt Barbara Zaremba-Meyer. Denn Anbieter kalkulierten nicht mehr so großzügig wie früher und achteten strenger darauf, dass nicht mehr so viele Lebensmittel am Abend übrig bleiben – dadurch habe das Angebot für die Tafelläden abgenommen.

Verantwortlich dafür sei auch die zunehmende Digitalisierung, ergänzt Sven Jaissle, der Leiter Wirtschaft und Finanzen bei der Caritas. Die Berechnung der Warenmengen übernähmen zunehmend Computer, wodurch weniger Reste anfielen. Allerdings, so korrigieren Barbara Zaremba-Meyer und Sven Jaissle falsche Vorstellungen, verstünden sich die Tafelläden nicht als Vollversorger. Die Einrichtungen seien ein Zusatz- und Ergänzungsangebot zu anderen Hilfen, sie könnten nur die Anzahl an Lebensmitteln verteilen, die sie auch einsammeln. Durch die Tafelläden solle, so Zaremba-Meyer, vor allem verhindert werden, dass täglich viele Tonnen an noch verzehrbaren Lebensmitteln vernichtet werden. In anderen europäischen Ländern sei diese Art der Verschwendung gesetzlich verboten. In der Bundesrepublik indes nicht.

Tafelladen wird zu eng

Der Tafelladen ist noch in der Neckarstraße angesiedelt. Doch die dort zur Verfügung stehenden gut 400 Quadratmeter, die zudem auf drei Stockwerke verteilt sind, reichten für den steigenden Kundenkreis nicht mehr aus, erklärt Sven Jaissle. Das Team, zu dem auch 45 Ehrenamtliche und 15 Menschen aus vom Jobcenter geförderten Maßnahmen zählen, möchte zudem einen Textilbereich zur Weitergabe von Secondhand-Kleidung eröffnen, der wegen der bisherigen baulichen Situation nicht betrieben werden konnte. Nach langer Suche ist das Team nun in der Sirnauer Straße fündig geworden.

In den Räumlichkeiten der ehemaligen Wirtschaftshilfe, in denen auch die Heimstatt angesiedelt ist, müssen aber umfangreiche Bauarbeiten vorgenommen werden, führt Sven Jaissle aus. Elektrizität und Brandschutz müssten erneuert werden. Sanitäranlagen, auch mit barrierefreien Toiletten und Duschen für die Mitarbeitenden, müssten installiert werden.

Für die Umbaumaßnahmen würden Kosten von rund 365 000 Euro veranschlagt. In der Sirnauer Straße, „mitten im Herzen von Esslingen“, stehen etwa 700 Quadratmeter Nutzfläche zur Verfügung und alle Räume sind auf einer Etage angesiedelt.

Die Tafelläden helfen von Armut betroffenen Menschen

Zahlen
Bundesweit gibt es nach Angaben des Dachverbandes Tafel Deutschland etwa 970 Tafeln. Die erste Einrichtung wurde 1993 durch die Initiativgruppe Berliner Frauen in Berlin gegründet. Die Idee dahinter ist, dass einwandfreie überschüssige Lebensmittel von Händlern und Herstellern gesammelt und regelmäßig an mehr als zwei Millionen armutsbetroffene Menschen im ganzen Land verteilt werden. Die Tafeln haben in Deutschland etwa 60 000 Helferinnen und Helfer.

Ortswechsel
Die Esslinger Tafel wird seit 26 Jahren von der Caritas Fils-Neckar-Alb betrieben. In den neuen Räumlichkeiten in der Sirnauer Straße sind ein großer Verkaufsraum, Büros, Vorbereitungsflächen, Sanitäranlagen und eine Küche geplant. Weitere Tafeln gibt es im Kreis Esslingen auch in der Max-Eyth-Straße 1 in Kirchheim, in der Mönchstraße 10 in Nürtingen oder in der Echterdinger Straße 51 in Filderstadt.

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