Tag der Architektur in Stuttgart Vergessene Schätze der Architektur

Von Julia Schenkenhofer 

Kein Mercedes-Benz-Museum, kein Fernsehturm und keine Weißenhofsiedlung: Beim bundesweiten Tag der Architektur gibt es in Stuttgart Architektur-Touren der besonderen Art.

Beim Tag der Architektur gibt es Stadtführungen durch Stuttgart ganz ohne Fernsehturm und Mercedes-Benz-Museum. Foto: Lichtgut/Julian Rettig 4 Bilder
Beim Tag der Architektur gibt es Stadtführungen durch Stuttgart ganz ohne Fernsehturm und Mercedes-Benz-Museum. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Stuttgart - Kein Mercedes-Benz-Museum, kein Fernsehturm und keine Weißenhofsiedlung: Bei der Auswahl der Gebäude für die Architektur-Touren am Samstag in Stuttgart zählten andere Kriterien als Prominenz, wie der Leiter der Tour-Süd Jakob Kierig erklärt: „Wir schauen für solche Touren immer was momentan aktuell ist. Die beiden ersten Gebäude auf unserer Tour waren fast vergessen und sind nun, dank einer Sanierung, wieder ganz aktuell und modern und das letzte ist ein Neubau und damit sowieso aktuell.“

Dass vor allem sanierte Gebäude besichtigt werden, passt zum diesjährigen Motto des Tags der Architektur „Archtektur bleibt“. Die Auswahl der Objekte ist für die Teilnehmer, die sich im Vorfeld für die Rundfahrt angemeldet haben, kein Grund für Kritik, ganz im Gegenteil: „Ich finde es toll, wenn alte Bausubstanzen saniert werden. Davon möchte ich heute Eindrücke sammeln“, kommentiert eine der Teilnehmerinnen aus Sillenbuch.

Moderne Gebäude im Bauhausstil

Das erste sanierte Gebäude das die rund 50 Teilnehmer der Tour-Süd besichtigen, ist die Inselsiedlung in Stuttgart-Wangen, die im Jahr 1929 gebaut und 2018 saniert wurde. Die Siedlung an der Geislinger Straße beherbergte in ihren Anfangsjahren Mitarbeiter des Automobilherstellers Mercedes-Benz im nahen Untertürkheim. Heute finden sich hier 304 Wohnungen für alle die Nähe zur Stadt und dennoch bezahlbaren und modernen Wohnraum suchen, erklärt Helmuth Caesar von der Stuttgarter Wohnungs- und Städtebaugesellschaft (SWSG).

Die Teilnehmer der Tour finden Gefallen an den modernen Gebäuden im Bauhaus-Stil: „Das ist wirklich optisch ansprechend, sehr familienfreundlich und die Raumgröße in den Wohnungen ist super“, sagt eine Teilnehmerin aus Stuttgart-Mitte, die das Konzept unbekannte Objekte die sonst nicht von innen und außen zu besichtigen sind, begrüßt.

Gemeindehaus „Elly Heuss Knapp“ wurde erst in diesem Jahr eingeweiht

Auch beim zweiten Stopp, der Siedlung Ziegelklinge in Stuttgart-Heslach, dürfen die Teilnehmer deshalb wieder einen Blick ins SWSG-Gebäude im Bauhaus-Stil werfen. Bei der sogenannten „Hustenburg“ aus dem Jahr 1929 sei die Sanierung, die voraussichtlich Ende des Jahres abgeschlossen sein wird, dabei eine besonders große Herausforderung gewesen. Das habe zum einen denkmalpflegerische Gründe und hängt zum anderen mit der Hanglage der Gebäude zusammen, berichtet ein Vertreter der Architektenpartnerschaft Stuttgart, die mit der Sanierung beauftragt wurden.

Der letzte Stopp der gut vierstündigen Tour ist schließlich auch das neuste Gebäude. Das Gemeindehaus „Elly Heuss Knapp“ an der Großen Falterstraße in Degerloch wurde erst in diesem Jahr eingeweiht und ist außerdem als einziges Gebäude des Tages kein Wohnhaus. Dennoch baut es auf seine Weise auch eine Brücke zur Vergangenheit, schließlich passt es sich trotz moderner Fassade optisch an die angrenzende Michaelskirche an. Außerdem beweist es, dass Architektur, getreu dem Motto des heutigen Tages, bleibt: Denn die weiße Fassade mit großen Fenstern an der Front ist optisch gar nicht so weit von den beiden ersten Gebäuden aus dem Jahr 1929 entfernt.

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