„Tag der Archive“ in Stuttgart Wie Sternentante und Mondonkel kommuniziert haben

Von Petra Mostbacher-Dix 

Viel zu entdecken: Am „Tag der Archive“ konnten Interessierte tief in die Schätze des Stadtarchivs Stuttgart eintauchen. Dabei ging es auch viel um moderne Technik.

Schätze im Stadtarchiv  – Besucher der Veranstaltung erhielten Einblicke in die Stadtgeschichte. Foto: Lichtgut//Ferdinando Iannone 6 Bilder
Schätze im Stadtarchiv – Besucher der Veranstaltung erhielten Einblicke in die Stadtgeschichte. Foto: Lichtgut//Ferdinando Iannone

Stuttgart - Menschentrauben neugieriger Gesichter vor dem Schaufenster, allerlei Brillen dahinter – und das Objekt der Begierde: ein Schwarz-Weiß-Fernseher. 548 DM kostete das gute Stück damals, zeigt ein Bericht über die Deutsche Funkausstellung 1965 auf dem Killesberg. Dort machten auch ein Bildtelefon Furore und Transistorradios. Die Aufnahmen sind Teil eines der Jahresdokumentationsfilme, die die Stadt Stuttgart seit den 1960er-Jahren anfertigen ließ, um besondere Ereignisse festzuhalten. Zu sehen waren sie nun im Stadtarchiv Stuttgart zum „Tag der Archive“.

Zum zehnten Mal rief der Verband deutscher Archivarinnen und Archivare e.V. (VdA) am Samstag diesen bundesweiten Aktionstag aus – Motto „Kommunikation. Von der Depesche bis zum Tweet“. Hierzu konzipierten die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Stadtarchivs viele Aktionen, wie die Filmvorführung. „Der Ausschnitt zeigt, wie enorm sich die Technologie in 55 Jahren sich entwickelte“, sagte Günter Riederer. Filme kämen in Spezialarchive, daher habe das Stadtarchiv wenige, indes einige historische Streifen, wie Kriegsfilmchroniken, einen Film über die Deportation jüdischer Mitbürger vom November 1941 – und eben den 45 Minuten langen Jahresdokumentationsfilm, in dem es auch um die Einweihung der Müllverbrennungsanlage Münster oder der Zentralbücherei im Wilhelmspalais geht.

Dokumente zur Langzeitarchivierung gespeichert

Gezeigt wurde der 16 Millimeter gedrehte Streifen freilich digital. Es gebe keinen Filmprojektor im Haus, sagte Heike Maier in ihrem Kurzvortrag „Speichern Sie noch oder archivieren Sie schon?“ über die Website meindigitalesarchiv.de. Die Aufgabe des Stadtarchivs sei es, für die Öffentlichkeit und Forschung Dokumente aufzubereiten. Derzeit würden diese in PDF/A, einem Dateiformat zur Langzeitarchivierung digitaler Dokumente gespeichert, antwortete sie auf die Bedenken eines Besuchers, dass sich die Technologie rasant weiterentwickele. „Die Archive und Museen tauschen sich in Sachen Standard aus – vorne dran die Library of Congress, die größte Bibliothek der Welt.“

Der Charme des Stadtarchivs ist indes, dass Bürger Archivgut und Bibliotheksgut in realer Form nutzen können. „Letzteres sind Verlagswerke, bei Archivgut handelt es sich um Unikate, über 30 Jahre alte amtliche Akten und Dokumente der Stadtverwaltung, aber auch Personalunterlagen, die das heutige Stuttgart mit den Vorstädten betreffen“, sagte Katharina Beiergrößlein, als sie durch Lesesaal, Bibliothek und hinter die Kulissen in die Papierwerkstatt der Restauratoren und die Magazine führte.

Gesammelt würde zu den Themen Stuttgarter Stadtgeschichte, Württembergischer Landesgeschichte sowie Archivwesen. In Sachen Kunst und Grafik interessiere vor allem das Motiv, also wichtige Ereignisse, Personen und Architektur. Sie verwies auf eine Darstellung des Tagblattturms, gemalt von Alice Harburger, oder ein Gemälde der Lindenspür-Mahlzeit: Der Stuttgarter Bürgermeister Wolff Friedrich Lindenspür verfügte 1648, dass jährlich für dienstälteste Beamte und Kirchenmänner sowie „verbürgerte arme Leut“ eine „christliche und ehrliche Mahlzeit“ ausgegeben werden sollte.

Das Gedächtnis der Stadtgesellschaft

Das Stadtarchiv sei das Gedächtnis der Stadtgesellschaft, betonte denn auch Archivdirektor Roland Müller. Es bewahre jene Dokumente von bleibendem Wert für die Geschichte der Stadt und stelle sie Bürgern zur Verfügung. Die können das zudem umgekehrt tun: Im Lesesaal konnten man sich unter dem Motto „Ich hab’ da was gefunden“ beraten lassen. So sammeln die Archivare auch historisch wertvolle Unterlagen von Unternehmen, Vereinen und Initiativen. Jürgen Lotterer, zuständig für Nichtamtliches Schriftgut, Nachlässe, archivische Sammlungen, wurde viel gefragt. Da ging es einmal um Schriftwechsel mit Umweltbehörden, Poster und Flyer der 70er-, 80er-Jahren eines Umweltaktivisten. Ein anderes Mal um Widerstand gegen Umbauten und Planungen im Stuttgarter Westen in den 90er-Jahren. „Das sind immer noch aktuelle Themen“, so Lotterer. „Es zeigt, wie relevant Archive für politische Bildung und Mitgestaltung sind, für die Umstände und Blickweisen in einer bestimmten Zeit sensibilisieren.“

Wie die Rundbücher des höheren Lehrerinnenseminars oder die Kinderbriefe an die „Sternentante“ und „Mondonkel“. Letztere schrieben Kinder in schönster Schrift in den 1930ern an das Planetarium etwa nach einer Lesung von Theodor Storms Märchen „Der kleine Häwelmann“. Auf diese Weise habe die Einrichtung mit seinen kleinsten Besuchern kommuniziert, erläuterte Siglind Ehninger. Ihre Kollegin Hanna Schreiber indes hatte Feldpostbriefe des Ersten und Zweiten Weltkriegs und dazu Familienfotos herausgesucht. Schriftstücke, die von den Menschen im Desaster erzählen: Sie schrieben, was ihnen fehlt, von der Angst um die Familienmitglieder nach den Bombennächten 1944 oder dem Verbot im Zweiten Weltkrieg, von der Lage zu berichten. Ein Soldat notierte etwa, dass er ab sofort immer verschlüsselt schreiben werde, wo er sich befinde: „Ihr müßt aber das Wort von hintenherein lesen.“

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