Berlin riecht nach Buletten, Bayern gibt sich auf der Ländermeile kleinkariert und Baden-Württemberg verteilt eine Riesentorte unters Volk. Eindrücke von den Feiern zum Tag der Deutschen Einheit in Stuttgart.

Leben: Erik Raidt (era)

Stuttgart - Der Kölner Dom steht im Weg. Das Wahrzeichen stört beim Blick auf jene weiße Zeltstadt, die über Nacht vor dem Rotebühlplatz entstanden ist und nun staatstragend als Baden-Württemberg-Pavillon eröffnet werden soll. Vorher muss der Dom jedoch zur Seite geschoben werden. Während Ministerpräsident Winfried Kretschmann mit seiner Frau Gerlinde das Bürgerfest in Stuttgart eröffnet, fristet das nachgebaute Wahrzeichen ein Schattendasein am Rande des Pavillons.

Alles drängt sich, manches staut sich. Menschenmassen ergießen sich zwei Tage lang auf die Theodor-Heuss-Straße, die sich von einer Party- in eine Ländermeile verwandelt hat, auf der sich die 16 Bundesländer präsentieren. Die Polizei spricht zuletzt von einer halben Million Besucher.

Am Tag der Einheit spielen die Regionen mit den Klischees: Bayern gibt sich kleinkariert in Weiß und Blau, der Stand des Spreewalds droht unter Gurkengläsern einzustürzen, vor Mecklenburg-Vorpommern drehen Orgelspieler am Rad. Berlin riecht nach Buletten, die es im 23. Jahr der Einheit auch vegetarisch gibt. Die Hauptstadt dünstet aus, die Schwaden ziehen mitten durch das Brandenburger Tor – unter dessen Miniaturausgabe aus Pappmaché die Besucher sich gegenseitig mit Smartphones fotografieren. Das Tor wird zum beliebtesten Fotomotiv der Stuttgarter Einheitsparty. Was Köln kann, kann Berlin schon lange.

Die Angst der Überwachung lastet auf den Menschen

Wer will, kann sich den Tag der Deutschen Einheit durch den Magen gehen lassen oder Postkartenmotive aus Rügen in Jutetüten stopfen. Die Einheitsfeier lässt sich zwischen dem Rotebühl- und dem Schlossplatz als Mischung aus Grüner Woche und Reisemesse konsumieren. Doch wer genau hinsieht, findet Orte, an denen man zuhören kann und dabei jene Geschichten erfährt, die ohne die Wende und die deutsche Wiedervereinigung anders verlaufen wären.

Geschichten wie sie Maximilian Wolf erzählt. Der 20-Jährige sitzt im Baden-Württemberg-Pavillon in einer Talkrunde, gemeinsam mit dem Landesminister Peter Friedrich, der für den Bundesrat und für Europa zuständig ist. Wolf erinnert sich daran, wie seine Eltern kurz nach der Wiedervereinigung von Jena aus in den Westen zogen und wie sie der Zufall nach Stuttgart spülte, wo er selbst 1993 auf die Welt kam. „Meine Eltern haben den Umzug damals finanziert, indem sie zu Hause Christstollen gebacken haben. Mit dem Wartburg voller Gebäck sind sie dann nach Berlin gefahren und haben die Stollen dort verkauft.“ Wolfs Eltern trennten sich früh. Der Junge zog mit seiner Mutter zurück in den Osten, während sein Vater in Stuttgart blieb.

So wurde Maximilian Wolf groß im wiedervereinigten Deutschland. Bis heute ist er ein Ost-West-Kind geblieben. Nach und nach hat er im Laufe der Jahre Bruchstücke seiner Familiengeschichte erfahren. „Vor zwei Jahren hat mein Opa seine Stasiakte angefordert. Er war überrascht, wie viel über ihn drinstand und wer alles etwas über ihn aussagte.“ Durch die Gespräche mit seinen Großeltern sei ihm klar geworden, wie die Angst vor der Überwachung auf den Menschen lastete. „Wenn ich mit meinen Eltern über die Wiedervereinigung rede, dann sagen sie mir, wie viel Glück ich habe, dass ich in Freiheit aufwachse.“

Kretschmanns zwei Tage lang im Dauereinsatz

Unter dem Eindruck seiner Familiengeschichte findet es Maximilian Wolf keineswegs selbstverständlich, dass er nun nach dem Abitur seinen Studienort und sein Fach frei wählen kann. In Stuttgart fühlt er sich ebenso zu Hause wie in Jena. Die deutsche Einheit hat die Weichen gestellt – nicht nur für das Land, auch für sein Leben.

Bei den Einheitsfeiern jongliert die Politik zwischen Bürgernähe und Populismus. Die Kretschmanns sind zwei Tage lang im Dauereinsatz – der stachlige Schopf des Ministerpräsidenten scheint allgegenwärtig. Winfried Kretschmann lädt seine Amtskollegen zum Abendessen ein, während seine Frau mit Vincent Klink kocht. Er dreht eine Runde auf der Ländermeile, sie lächelt fotogen, während eine Schwarzwälder Kirschtorte im XXL-Format verteilt wird. Die scheint den Bürgern besser zu schmecken als der grüne Veggie-Day.

Augenzwinkerndes und Staatstragendes

Der Schlossplatz ist kaum wiederzuerkennen. Vor dem Neuen Schloss ist das Berliner Politraumschiff sanft gelandet: Gewaltige Pavillons der Bundesregierung, des Bundesrats und des Bundestags machen dem Königsbau Konkurrenz. Im Inneren summt es vor Menschen, die sich für die Energiewende, für die Koalitionsverhandlungen oder den Plenarsaal interessieren. Wer will, dreht am Demografie-Glücksrad und beantwortet Quizfragen. Einheitsfeiern sind auch politisches Infotainment. Das nimmt kaum jemand wörtlicher als die FDP, die bittere Niederlagen süß verpackt und – voilà – „Freies demokratisches Popcorn“ serviert.

Die zweitägige Feier bietet in Stuttgart Augenzwinkerndes und Staatstragendes. Am Morgen des 3. Oktober spannt sich ein einheitsblauer Himmel über den Schillerplatz. Ein roter Teppich führt über die Pflastersteine zur Stiftskirche, schon eine Stunde vor dem Beginn des Gottesdienstes stehen dort die Pfadfinder Spalier. Wie bei einer Gruppenreise auf dem venezianischen Markusplatz werden die Bürgerdelegationen aus den einzelnen Bundesländern in das Gotteshaus gelotst – es geht immer den Fähnchen nach. Die Promis finden den Weg allein. Vor dem Beginn des Gottesdienstes plaudern die Altministerpräsidenten Lothar Späth und Erwin Teufel miteinander, vielleicht auch über das Jahr 1997, als Stuttgart letztmals Gastgeber der Einheitsfeiern war. Damals hieß der Kanzler Kohl und der Bundespräsident Herzog.

Freiheit, Würde, Einheit und Solidarität

Schon sitzen alle Gäste, der Fernsehpfarrer hat die Gemeinde mit launigen Worten auf den Tag eingestimmt, da betreten Angela Merkel und Joachim Gauck als Letzte die Stiftskirche. Philipp Rösler hat sich zu diesem Zeitpunkt bereits die Geschichte der Stiftskirche erklären lassen, die bis ins Jahr 1170 zurückreicht, und dabei einiges über den württembergischen Reformator Johannes Brenz erfahren. Darüber verliert der katholische Erzbischof Robert Zollitsch in seiner Predigt naturgemäß kein Wort. Er erinnert an die Montagsdemos in der DDR. Die friedliche Revolution ging auch von den Gotteshäusern aus, beispielsweise bei den Friedensgebeten in der Leipziger Nikolaikirche.

Der Tag der Einheit mache deutlich, „welche Wende, ja welches Wunder sich in unserem Land ereignet hat“, sagt Zollitsch. Freiheit, Würde, Einheit und Solidarität seien keine Worte aus dem Geschichtsbuch, ergänzt der evangelische Landesbischof Frank Otfried July, der nicht nur über Deutschland redet, sondern auch über das Schicksal von Flüchtlingen, die hierzulande eine neue Heimat suchten. Ein knappes Vierteljahrhundert nach der Wiedervereinigung ist die Einheit des Landes nicht mehr nur eine Frage von Ost und West.

Feierlichkeiten sind in 16 Jahren wieder in Stuttgart

Der Gottesdienst endet mit einem Orgelspiel. Vor dem Eingang der Stiftskirche brummen bereits die Motoren der Limousinen von Angela Merkel und Joachim Gauck. Fast alle Prominenten haben sich auf den Weg zum Festakt in der Liederhalle gemacht. Da erst verlässt die Kanzlerin die Stiftskirche und entdeckt eine Gruppe aufgeregt schnatternder Mädchen: „Ihr habt doch hier gerade gesungen, oder?“, sagt Merkel, und schon steht sie mitten in einer Traube junger Sängerinnen: Gruppenbild mit Dame. Dann sitzen Merkel (Autokennzeichen: 0 – 2), der Bundestagspräsident Norbert Lammert (1 - 1) und der Bundespräsident Joachim Gauck (0 - 1) in ihren Fahrzeugen und brausen, eskortiert von Polizeimotorrädern, an der Schillerstatue vorbei. Der Dichter schweigt zu alledem. In 16 Jahren wird Stuttgart wieder die Feiern zum Tag der Deutschen Einheit ausrichten – dann mit anderen Hauptdarstellern.