Tag der Gehörlosen Au d’Hände schwätzed Schwäbisch

Von Rebecca Beiter 

Gibt es eine schwäbische Gebärdensprache? Und wie leben Taube in Stuttgart, wenn die Stadt um sie herum stumm bleibt? Wir sprechen mit zwei gehörlosen Stuttgarterinnen.

Stuttgart - Erstaunlich viele Geräusche erfüllen den Raum, in dem sich 13 taube Stuttgarter zu einer Tasse Kaffee treffen. Hier, beim Gehörlosenzentrum am Olgaeck, ersetzen beim Kaffeeklatsch die Hände mit ausladenden Gesten die Sprache. Doch leise sind die Gehörlosen deswegen nicht. Insbesondere die Älteren sprechen so gut sie können zu ihren Gebärden mit. Sie hören nicht, was sie sagen. Das macht es für Hörende schwer, die ungewohnt ausgesprochenen Worte zu verstehen. Aber Taube sind nicht stumm, und so klingen Lachen, Jauchzen und einzelne Satzstücke durch den Raum.

Am letzten Sonntag im September ist der internationale Tag der Gehörlosen. Deutschlandweit waren im Jahr 2013 rund 315 000 Menschen von Taubheit, Gehörlosigkeit oder einer Sprechstörung betroffen, so die Zahlen des Statistischen Bundesamts. Wie viele Gehörlose und Schwerhörige in Stuttgart leben, ist unbekannt. Rund 15 von ihnen treffen sich jeden Mittwoch in der Hohenheimer Straße 5, dem Gehörlosenzentrum, zu Zopfbrot und Kaffee.

 

Trotz Taubheit mitten im Leben

Zwei von ihnen sind Edith und Patricia Wahl. Sie sind Mutter und Tochter. Blond, modern gekleidet, mit Sonnenbrille in den Haaren sitzt Patricia, die Tochter, am Tisch. Sie arbeitet seit 24 Jahren bei Porsche, hat einen Partner, kurz: Patricia Wahl steht mitten im Leben. Durch ihre Taubheit lässt sie sich nicht einschränken. Im Alter von vier Jahren verlor sie das Gehör. „Ich weiß, dass ich das Vogelzwischtern mochte“, erinnert sie sich. Doch die Erinnerungen verblassen, in ihren Träumen gebärdet sie statt zu sprechen. Die lebensfrohe Frau liest von den Lippen und versucht, so deutlich wie möglich zu sprechen. Eine Unterhaltung mit ihr ist möglich, doch Unbekannte scheuen davor häufig zurück, erzählt sie. Hörende würden ihrer Erfahrung nach Gehörlose umgehen, die Berührungsängste sind nach wie vor da.

„Blindheit trennt Menschen von Dingen, Taubheit trennt Menschen von Menschen“, sagt Sonja Fertig, Leiterin der Dolmetschervermittlungzentrale für Gehörlose. Sie plädiert für mehr Mut im Umgang mit Tauben. Ihre Tipps: Augenkontakt halten, in kurzen Sätzen sprechen, im Hellen stehen und deutlich reden, das vereinfacht das Lippenlesen. Sie selbst ist nicht taub, beherrscht die Gebärdensprache aber gut.

 

Schwäbische Gebärdensprache

In der Gebärdensprache gibt es ein Alphabet, in dem jedem Buchstaben eine Handstellung zugeordnet ist. Aber im Alltag kommt dieses Alphabet selten zum Einsatz. Die meisten Worte haben eigene Gesten, sodass nicht jedes Wort buchstabiert werden muss.

Gibt es eine schwäbische Gebärdensprache? Jein, erklärt Patricia Wahl. Es gibt Gebärden, die nur in bestimmten Regionen üblich sind. Meistens beschreiben diese aber regionale Dinge wie ein spezielles Gericht, das nur dort gegessen wird, oder einen bekannten Ort oder ähnliches. Die Vielfalt einer Region und der dortigen Wortschöpfung findet auch in Gebärden Ausdruck. Aber einen Dialekt, wie es ihn in der Sprache gibt, ist in der Gebärdensprache nicht üblich. Die Grammatik oder die Art des Satzbaus ändert sich nicht grundlegend in der Gebärdensprache, während ein hörender Schwabe oder ein Bayer in ihrer Grammatik durchaus vom Hochdeutschen abweichen.

Beim Interview diskutierten Mutter und Tochter lange darüber, wie man das Wort „schwäbisch“ in Gebärden ausdrücken kann. Die frühere Gebärde ist mittlerweile verpönt. Dabei zog man die Hände, in Klavierspielerhaltung zu einer Kralle geformt, an den Körper – die Gebärde für Geiz. Jetzt gebärden sie es eher als eine Art Winken.

 

Alltag nach dem Terminplan der Dolmetscher

Einen einfachen Alltag hat Patricia Wahl trotz aller Inklusionsversprechen nicht. „Ich musste immer kämpfen, für die Ausbildung und dafür, einen Job zu bekommen“, berichtet sie. Jeden Gang zum Arzt, zu Ämtern, zu Fremden müssen Gehörlose lange planen, schließlich muss ein Dolmetscher mit. Diese sind rar: 63 gibt es in ganz Baden-Württemberg. Die Kosten für einen Dolmetscher tragen die Gehörlosen selbst, ob bei der Hochzeit oder im Krankenhaus. Nur im Bildungsbereich wird dieses wichtige Bindeglied zwischen der hörenden und der tauben Gesellschaft gezahlt.

Ein großes Problem für Gehörlose ist der Zugang zu Bildung. Rund 2000 schwerhörige und gehörlose Kinder gingen im Schuljahr 2012/2013 an öffentliche oder private Sonderschulen in Baden-Württemberg. Dort können sie ihrer Behinderung nach speziell gefördert werden. Doch längst nicht alle haben dieses Privileg, manche müssen an normalen Schulen dem Unterricht folgen. Deswegen lesen und schreiben viele Gehörlose schlecht. Niemand übersetzt ihnen die Texte in der Schule mit Gebärden. Statt den Sinn hinter den Worten zu verstehen, lernen sie nur auswendig. „Von Gleichberechtigung sind wir noch weit entfernt“, sagt Patricia Wahl. Auch Sonja Fertig von der Dolmetschervermittlung bekommt dies im Umgang mit Tauben mit: „Das Lippenlesen konnte vielen zwar im normalen Unterricht helfen, aber das Verständnis für die Sprache und das geschriebene Wort fehlt.“

 

Von Inklusion noch weit entfernt

Patricia und Edith Wahl wünschen sich einige Änderungen: Ein verpflichtender Grundkurs in Gebärdensprache in deutschen Schulen wäre ein denkbarer Ansatz, um die Barrieren zwischen Hörenden und Tauben abzubauen. Sie wünschen sich in Stuttgart mehr visuelle Hilfen für Taube. Insbesondere im öffentlichen Nahverkehr fordert sie mehr Informationen über die Anzeigetafeln, wenn der Fahrplan durcheinander kommt.

Außerdem hofft sie darauf, dass Nachrichten im Fernsehen künftig untertitelt werden und Zeitungen auch eine Seite in einfacher Sprache haben. „Davon profitieren nicht nur Gehörlose, sondern zum Beispiel auch Ausländer, die die deutsche Sprache lernen“, sagt sie, ihre Hände fliegen dabei wild durch die Luft. Das Thema Gleichberechtigung liegt ihr sichtlich am Herzen. Sie gebärdet sich in Rage, die Dolmetscherin kann die schnellen Handbewegungen kaum noch übersetzen.

Doch sie lächelt wieder, und setzt zu einem letzten Appell an: „Stuttgarter, seid mutig, sprecht uns Taube an und habt keine Angst vor uns, wir beißen nicht". Und ein kleines „oder vielleicht doch?“ kann sie sich nicht verkneifen. Ihr Lachen schallt durch den Raum. Ob taub oder nicht, diese Geste der Lebensfreude versteht schließlich jeder.