Die einen sind die Kleinen, die als Kind immer geärgert wurden und sich behaupten mussten. Die anderen sind die Großen, die sich um die Jüngeren kümmern und zurückstecken mussten. Dann gibt es die Sandwich-Kinder in der Mitte, die nicht so Recht wissen, wo sie hingehören. Nicht erst seit William und Harry, den im Clinch liegenden Prinzenbrüdern der Britischen Krone, wissen wir, dass sich Geschwister auch entzweien können. Andere bleiben ein Leben lang eng verbunden.
Immer wieder kommt es vor, dass Brüder und Schwestern auch im beruflichen Leben einen gemeinsamen Weg gehen. Wie ist das, wenn die kleine Schwester die Chefin ist? Wie klappt es, wenn man nicht nur zusammen Geschäfte führt, sondern auch gemeinsam unterm Weihnachtsbaum sitzt? Wir haben anlässlich des Tags der Geschwister am 10. April mit einem Schwestern- und zwei Brüderpaaren auf den Fildern gesprochen, die beides sind – Geschäftspartner und Geschwister.
Alexander und Matthias Lapp
Wenn Alexander und Matthias Lapp mit dem gleichen Pullover in die Firmenzentrale im Möhringer Synergiepark kommen, dann liegt das nicht etwa daran, dass ihre Großmutter ihnen das gleiche Geschenk gemacht hätte. Vielmehr haben sich beide per Zufall dasselbe Kleidungsstück gekauft. „Das ist sogar schon mehrmals passiert“, sagt Matthias Lapp.
Das Beispiel zeigt: Die Brüder sind auf einer Wellenlänge. „Wir haben festgestellt, dass wir stark überlappende Interessen und einen ähnlichen Geschmack haben“, sagt Alexander Lapp. Trotz aller Übereinstimmung seien die Charaktere aber recht unterschiedlich. Sein älterer Bruder formuliert es so: „Alexander versucht auf charmante Art, die Leute mitzunehmen. Eher durch die Blume. Ich gebe Feedback sehr direkt und stehe auch dazu.“
Die 36 und 38 Jahre alten Brüder ticken nicht nur bei der Wahl ihrer Pullover ähnlich, sondern auch bei Geschäftlichem. Die Enkel der Firmengründer Oskar und Ursula Ida Lapp arbeiten beide im gleichnamigen Familienunternehmen. Von der Gründung in der hauseigenen Garage hat sich der Anbieter von Kabelsystemen zu einem weltweit agierenden Unternehmen mit mehr als 4500 Mitarbeitern entwickelt. Der Vater und der Onkel haben die Firma groß gemacht. Schon dieses Bruderpaar habe gut funktioniert, weil sie sich eng abgestimmt hätten, erzählt Matthias Lapp. Jeden Dienstag seien die beiden miteinander Pizza essen gegangen. Das behalten er und sein Bruder bei – zwar ohne die Pizza, aber ein Vier-Augen-Gespräch steht jede Woche einmal fest im Terminkalender. „Und darüber hinaus sprechen wir noch x-mal“, sagt Alexander Lapp.
Die Rollen im Unternehmen sind ganz unterschiedlich: Matthias Lapp ist Geschäftsführer der Regionen Lateinamerika, Europa, Mittlerer Osten und Afrika; Alexander Lapp ist zuständig für Digitalisierung und E-Business. „Bei Grundsatzthemen sind wir gleicher Meinung“, sagt Matthias Lapp. Klar würde auch mal diskutiert oder gestritten, aber bei der Frage, wo sich das Unternehmen hinbewegen soll, „da kommt nichts zwischen uns“.
Die Verbindung der Brüder ist enger geworden, je älter die beiden wurden. Als Kinder sei es mit ihnen „klassisch“ gewesen, „wie zwei Brüder so sind“, sagt Matthias Lapp und grinst. Im Haus habe es halt nur einen Computer gegeben, um den man sich einigen musste. Als Teenager hätten sie dann immer mehr zusammen gemacht, zum Beispiel Skiurlaube mit gemeinsamen Freunden.
Und auch heute noch haben die Lapp-Brüder nicht nur über die Firma miteinander zu tun, sondern auch privat. Erst neulich seien sie coronakonform mit ihren Familien spazieren gewesen. „Da haben wir nicht einen Satz über geschäftliche Dinge gesprochen“, sagt Matthias Lapp. Meistens aber, ergänzt sein jüngerer Bruder, falle am Ende eines privaten Treffens irgendwann der Satz: „Du, nur ganz kurz noch...“ Dann gehe man halt rasch auf die Seite. Das nehme aber nie überhand, denn: „Unsere Frauen sind ein gutes Korrektiv“, sagt Matthias Lapp und lacht.
Beatrix Hess und Ulrike Hess-Nähr
Sie seien ein bisschen wie zwei Pluspole, die sich abstoßen, sagt Ulrike Hess-Nähr über sich und ihre Schwester. „Manchmal ja“, stimmt Beatrix Hess zu. Sie seien einfach sehr unterschiedlich. „Ich habe schon in Kinderjahren gelernt, mich zurückzunehmen. Ich musste verzichten lernen“, sagt die 57-Jährige. Als älteste von drei Schwestern habe sie sich häufig um die jüngste, körperbehinderte Schwester kümmern müssen. Ulrike Hess-Nähr schildert es so: „Ihr Freiheitsdrang war nicht so groß. Ich war immer unterwegs.“
Und doch sind beide eng miteinander verbunden. Aufgewachsen sind die Hess-Schwestern im Blumengeschäft, wie sie lachend erzählen. Der Vater hatte den gleichnamigen Blumenladen in Leinfelden an der Echterdinger Straße im Jahr 1958 gegründet. Die fünfköpfige Familie wohnte im selben Haus darüber. Nachmittags halfen Beatrix und Ulrike in der Gärtnerei, bei der Grabpflege oder bei der Pflanzenpflege von Kunden. „Wir waren aber nie gleichzeitig dabei, immer nur eine. Um die verschiedenen Begabungen zu fördern“, erzählt Ulrike Hess-Nähr. Ihre Schwester ergänzt: „Ich musste mehr Hausaufgaben machen.“ Gespielt hätten sie eigentlich nie miteinander, zumindest nicht zu zweit, in der Gruppe mit Nachbarskindern schon. „Wir waren zu unterschiedlich“, sagt Beatrix Hess. „Die Verbindung war nicht da zwischen uns“, sagt ihre drei Jahre jüngere Schwester. Beide nicken, einig über die Uneinigkeit.
Die Ausbildung zur Floristin haben die Schwestern in anderen Betrieben gemacht, sammelten Erfahrungen im Ausland. Doch beide kehrten zum elterlichen Geschäft zurück. 2003 übergab der Vater den Betrieb an Ulrike Hess-Nähr. Ursprünglich habe er beiden Töchtern verschiedene Abteilungen zuschreiben wollen, erzählt Beatrix Hess, doch dann habe sie gesundheitliche Probleme bekommen, und bei anderen Betrieben habe der Vater gesehen, wie die geteilte Führung nicht funktionierte. Außerdem sei sie auch stark eingespannt gewesen durch ihre Tätigkeit im Gemeinderat, in dem sie seit 15 Jahren die Freien Wähler vertritt. Also habe der Papa entschieden, dass Ulrike die Geschäftsführung übernimmt. „Das war schon nicht so einfach. Ich bin ja die Jüngere“, sagt diese.
Inzwischen sind die Schwestern ein eingespieltes Team. Jede hat ihren Bereich: Beatrix liebt die Floristik, kümmert sich um die Ladengestaltung und das tägliche Geschäft. Nebenbei führt sie für die IHK Meisterprüfungen durch. Ulrike hat ein Händchen für Freiland- und Zimmerpflanzen und hat die Betriebsleitung inne, kümmert sich um die Finanzen und den Einkauf. „Beatrix ist die zweite Chefin. Ohne meine Schwester könnte ich es nicht machen“, betont Ulrike Hess-Nähr.
Denn es gebe immer viel zu tun im Laden. Eigentlich seien sie von montags bis sonntags von morgens bis abends zusammen, sagt Beatrix Hess. Sie seien ein eingespieltes Team. Zusammengeschweißt habe sie, dass sie 15 Jahre lang gemeinsam ihre Mama gepflegt hätten. „Man hält zusammen. Das wurde uns so vorgelebt“, sagt Hess-Nähr, und ihre Schwester nickt.
Ferdinand und Maximilian Trautwein
Beruflich gesehen durchleben die Trautwein-Brüder gerade die Krise ihres Lebens. Als Gastronomen fahren die beiden 35 und 33 Jahre alten Geschwister zurzeit mit angezogener Handbremse. Eigentlich sind Ferdinand und Maximilian Trautwein Gastgeber – doch die Coronapandemie macht es ihnen im Lockdown unmöglich, Gäste zu empfangen. In ihrem Lokal, dem Gasthaus zur Linde in Möhringen, bleibt die Küche seit November kalt; Aufträge in der Catering-Manufaktur in Plieningen liegen komplett brach. Immerhin werden dort trotzdem jeden Tag ein paar Kochtöpfe heiß, denn das Küchenteam kocht Speisen zum online Bestellen oder zum Mitnehmen – kalt im Glas oder vakuumiert zum Aufwärmen zu Hause. „Man kann damit nicht das große Geld verdienen, es ist eher Schadensbegrenzung“, sagt Maximilien Trautwein, der 19 Monate Jüngere der beiden. „Aber wir sind zufrieden.“
Dass sie ihren Online-Shop ganz kurzfristig hochziehen konnten, lag nicht zuletzt daran, dass die beiden nicht nur Geschäftspartner sind, sondern auch Geschwister. „Das war an einem Tag beschlossen“, erzählt Maximilian Trautwein. Als Brüder spreche man sich ab und beschließe – Punkt. „Man muss miteinander können, sonst geht es nicht“, sagt der 33-Jährige. Klar gebe es auch mal Reibereien, aber letztlich würden immer beide versuchen, für ihre Gäste das Beste herauszuholen. Als Team zu agieren haben sie schließlich schon als Kinder gelernt, als sie zusammen in derselben Mannschaft Fußball gespielt haben.
Aus dem Weg gehen können sich die Trautwein-Brüder wenig, denn sie arbeiten nicht nur zusammen, sondern wohnen auch noch unter einem Dach. Allerdings in getrennten Wohnungen, „einer oben, einer unten“. Ab und zu kocht mal einer für den anderen. Oder – in Zeiten ohne Coronapandemie – sie gehen zusammen essen. Ob das dann aber als Geschäftstermin oder als privates Treffen gilt, das wissen beide nicht so genau, denn als Gastronomen würden sie natürlich immer ganz genau hinschauen, was die Konkurrenz auf der Speisekarte hat und wie die Gerichte serviert werden. Ferdinand und Maximilian Trautwein sehnen den Tag herbei, an dem sie selbst wieder Gäste willkommen heißen dürfen.