Tag der offenen Tür beim Weingut Stadt Stuttgart Der Trend geht zu mehr Weißwein

Von Thorsten Schöll 

Wenn das Weingut Stadt Stuttgart die Türen zu ihren Gewölbekellern öffnet, dann zieht das viele Weinliebhaber an. Und einige Weinneuheiten gibt es auch.

Vor allem bei Weißweinen wird der Lagencharakter deutlich. Foto: Julia Schramm/Julia Schramm 9 Bilder
Vor allem bei Weißweinen wird der Lagencharakter deutlich. Foto: Julia Schramm/Julia Schramm

Stuttgart - Sechs Riesling-Weine stehen zur Auswahl – von der Landwein-Kategorie bis zum Premium-Gewächs. Themenverkostung. Bei kaum einer anderen Weinsorte wird der Lagencharakter deutlicher. Aber genau genommen sind es nur fünf. „Der Orange aus Riesling und Weißburgunder ist was sehr Spezielles.“, sagt Timo Saier. Nicht nur, weil im Glas statt der klassischen Gelb- und Grünreflexe bei diesem Wein Braun- und Orangetöne dominieren.

Beim Tag der offenen Tür in den Gewölbekellern des Weinguts der Stadt Stuttgart herrscht am Samstagnachmittag reges Treiben. Schon kurz nach Mittag finden sich in den Verkaufsräumen in der Sulzerrainstraße 24 in Bad Cannstatt Weinliebhaber zur Verkostung, zum Probieren oder einfach auf ein Glas Wein nach Wahl ein. Timo Saier, Betriebsleiter des Weinguts der Stadt, war vom Erfolg des neuen Orange, der erstmals beim diesjährigen Weindorf präsentiert worden war, überrascht: „Man lehnt ihn entweder ganz ab oder ist begeistert – ein Wein der polarisiert.“

Deutlich frühere Lese

Interessierten erklärt Saier am Samstag, was es mit dieser Weinneuheit auf sich hat: „Der Orange ist oxydativer ausgebaut, mit Maischestandzeit. Das führt zum charakteristisch hohen Gerbstoffgehalt.“ Insofern sei der Orange auch eher ein Wein für nach dem Essen, zum Beispiel zum Käse. Vergleicht man einen klassischen Riesling und den Orange direkt, werden die Unterschiede auch für den Laien sofort erkennbar: Die Kräuternoten dominieren. „Wir sind da schon viel eher beim Rotwein“, sagt der Weinexperte. Eine ältere Frau meint lapidar, es sei wohl eher „ein Wein für die Jüngeren“. Geschmäcker, das macht der Orange wie kein anderer deutlich, sind eben verschieden.

Dass beim Weingut der Stadt Stuttgart an diesem Tag gerade der Riesling zur Themenverkostung präsentiert wird, hat seinen Grund auch darin, dass die Traubensorte in der Stadt auf sehr unterschiedlichen Lagen angebaut wird: Cannstatter Halde, Zuckerle oder Stuttgarter Mönchhalde – jede hat seine ganz eigene Charakteristik. Leicht indes sind sie alle: „Wir lesen früh, bauen trocken aus und wollen nicht über 12,5 Prozent Alkohol kommen“, sagt Saier. Säurebetont soll der Wein sein. Das erzeuge eine filigrane Struktur, die es zu erhalten gelte. Die frühe Lese sei auch der Klimaerwärmung geschuldet, andernfalls entstehen heutzutage zu hohe Alkoholkonzentrationen – und das schlägt sich speziell beim Riesling auf den Geschmack nieder.

Trollinger wird nicht vergessen

Überhaupt ist in der Ägide von Timo Saier, der seit knapp vier Jahren das Weingut leitet, der Weißwein auf dem Vormarsch. War die Palette bis vor einigen Jahren arg rotwein- und trollingerlastig, stehen mittlerweile auf den derzeit 14 Hektar Weinanbaufläche der Stadt rund 50 Prozent rote und 50 Prozent weiße Reben. Von den rund 70.000 Litern Wein, die 2019 produziert wurden, fallen mehr als 33.000 Liter auf Weißweine, aber nur etwa 30.000 auf Rotwein. „Wir haben sowohl die Weinstilistik als auch den Sortenspiegel verändert“, sagt Saier. Ohne freilich den Trollinger als Traditionswein aufzugeben. Er werde nach wie vor in Mengen angebaut, die der Markt verlange. „Unser Ziel ist es, wirtschaftlicher und ökologischer zu arbeiten und gleichzeitig die Qualität zu steigern.“ Bei deutlich internationaleren Sorten, um den Wein auch deutschlandweit vermarkten zu können.

Dass das Weingut der Stadt dauerhaft auf mehr Ökologie im Weinbau setzt, habe auch zur Folge, verrät Saier, dass es in Stuttgart künftig mehr „Piwis“ geben wird. Pilzwiderstandsfähige Sorten werden denn auch in absehbarer Zeit an der Weinsteige kultiviert, die derzeit noch brachliegt. Dort sollen in Zukunft Sorten wie Cabernet blanc, Sauvignac oder Souvignier gris wachsen. „Das wird eine richtige Biofläche“, sagt Saier.

Im Gewölbekeller in der Sulzerrainstraße dürfen die Weinliebhaber sich am Samstag freilich noch vor allem an Traditionellem erfreuen. Wo man hinschaut finden sich Spätburgunder, Riesling, und Lemberger in den Gläsern – und natürlich auch des Schwaben Liebster: der Trollinger.

Sonderthemen