„Tag der Wahrheit“ auf Arte Wenn der Nachbar unter Strom steht

Von Tilmann Gangloff 

Der SWR und Arte haben sich zu einem zweiteiligen, sehr sehenswerten Filmprojekt zum Thema Atomkraft zusammengetan. Herausgekommen ist ein Thriller aus Deutschland und eine Komödie aus Frankreich.

Der Mann, der mit Sabotage droht: Florian Lukas als   David Kollwein im deutschen AKW-Thriller „Tag der Wahrheit“. Foto: Arte
Der Mann, der mit Sabotage droht: Florian Lukas als David Kollwein im deutschen AKW-Thriller „Tag der Wahrheit“. Foto: Arte

Stuttgart - Die Idee ist gut, die Ausführung noch besser: Für ein gemeinsames Filmprojekt haben SWR und Arte nach einem Thema gesucht, das auf beiden Seiten des Rheins zwar die gleiche Brisanz besitzt, aber unterschiedlich behandelt wird. Die Antwort lag auf der Hand: Seit der Katastrophe von Fukushima sind über die Hälfte der Deutschen für den Ausstieg aus der Kernenergie, in Frankreich sind es gerade mal 20 Prozent. Die Filme, welche die Sender in Auftrag gegeben haben, spiegeln diese Haltung wider: Der deutsche Beitrag „Tag der Wahrheit“, der an diesem Donnerstag auf Arte läuft, ist ein düsterer Thriller, der explizit die Gefahren der Kernenergie thematisiert. Der französische Beitrag „Das gespaltene Dorf“, der am Freitag gezeigt wird, ist eine Komödie.

„Tag der Wahrheit“ betreibt eine explizite Kritik an den von der Politik geschützten Energiekonzernen. Zentrale Figur der Geschichte ist ein ehemaliger Angestellter des französischen Kraftwerks Haut-Rhin in der Nähe von Freiburg: David Kollwein (Florian Lukas) stürmt die Schaltzentrale und legt den Kühlkreislauf lahm. Die Folge wäre ein Super-GAU. Er fordert ein live im Fernsehen übertragenes Gespräch mit dem  französischen Innenminister. Während der zuständige Kriminalkommissar Jean-Luc Laboetie (Benjamin Sadler) fieberhaft nach einer Möglichkeit sucht, wie der perfekt vorbereitete Eindringling überwältigt werden kann, findet die deutsche Staatsanwältin Marie Hoffmann (Vicky Krieps) nicht nur raus, was den Mann zu seiner Verzweiflungstat getrieben hat, sondern stößt auch auf einen Vertuschungsskandal unerhörten Ausmaßes.

Der deutsche Thriller, die französische Komödie

Der Drehbuchautor Johannes W. Betz hat immer wieder packende TV-Thriller geschrieben und dabei Fakten und Fiktion perfekt miteinander vermischt, zuletzt in der „Spiegel-Affäre“. Das gelingt auch hier sehr überzeugend, denn „Tag der Wahrheit“ wirkt jederzeit plausibel und authentisch. Die Kraftwerkszenen sind wie schon in „Restrisiko“ (Sat 1) im nie in Betrieb gegangenen österreichischen AKW Zwentendorf entstanden. Die enorme Dichte des Films ist umso eindrucksvoller, weil ein derartiger Stoff für die durch die Tragi­komödie „Max Minsky und ich“ (2007) bekannt gewordene Regisseurin Anna Justice komplettes Neuland ist. Ihr Thriller imponiert durch ein hohes, konsequent durchgehaltenes Spannungsniveau mit exzellenter Schauspielerführung. Obwohl der Eindringling Kollwein die meiste Zeit in der Schaltzentrale verbringt, gibt es ständige Schauplatzwechsel, weshalb der Film sehr handlungsreich wirkt. Mutig ist zudem die Zweisprachigkeit. Die Franzosen sprechen zwar mit Rücksicht auf die Juristin oft Deutsch, aber viele Dialoge sind untertitelt.

Im Gegensatz zu „Tag der Wahrheit“ ist „Das gespaltene Dorf“ eine von Sonnenschein durchflutete Komödie. Die Geschichte erinnert an vergleichbare deutsche Filme, in denen idyllische Landschaften durch ein Luxushotel verschandelt werden sollen. Hier allerdings ist es ein weitaus brisanterer Auslöser, der die Gemeinde entzweit. Zentrale Figuren der Handlung sind einerseits die deutschstämmige, radikalökologische Bürgermeisterin Anna (Katja Riemann), andererseits der Firmenbeauftragte Antoine (Laurent Stocker), der das stillgelegte Bergwerk des Orts als Endlager für radioaktiven Müll untersuchen soll. Im Vordergrund des überraschend leichtfüßigen Films steht mithin der Riss, der sich durch die Gemeinschaft des aussterbenden Dorfes zieht. Zunächst unterstützt die Mehrheit das resolute Nein der Bürgermeisterin, aber dann erliegen immer mehr Bewohner den Verlockungen der rosigen Perspektiven, die der nicht unsympathische Antoine ausmalt.

Telefone auf dem Friedhof

Im Grunde erfüllt die Handlung alle Voraussetzungen für ein konfliktreiches Drama. Die Auflösung als Komödie – der Regisseur Gabriel Le Bomin ist auch Co-Autor des Films – bildet allerdings einen reizvollen Kontrast zum Thriller „Tag der Wahrheit“. Das liegt vor allem an Antoine, der kein gerissener Verführer ist, sondern dank der Verkörperung durch den Komödianten Laurent Stocker vielmehr ein Mann, der von seiner Arbeit überzeugt ist. Der Film erfreut zudem mit großen und kleinen Geschichten am Rande. Die Dorfbewohner etwa müssen zum Mobiltelefonieren auf den Friedhof gehen, weil dies der einzige Platz ist, an dem die resolute Anna die Funkstrahlung duldet. Das Endlager ist zwar mehr als bloß der Auslöser der Handlung, zumal sämtliche Argumente für und gegen eine Lagerung des 150 000 Jahre strahlenden Atommülls zur Sprache kommen, Anteilnahme aber erwecken im „Gespaltenen Dorf“ die liebevoll entworfenen Figuren.

Termine: Der Thriller „Tag der Wahrheit“ läuft an diesem Donnerstag, 20.15 Uhr, auf Arte, die Komödie „Das gespaltene Dorf“folgt am Freitag auf demselbem Sendeplatz.