Nach zwei eher durchwachsenen Tagen zum Auftakt durfte am Sonntag endlich ein erster echter Höhepunkt im Berlinale-Wettbewerb gefeiert werden. „Past Lives“, der hier ausnahmsweise nicht als Weltpremiere zu sehen ist, sondern kürzlich schon beim Festival in Sundance gezeigt wurde, ist ein kleines Meisterwerk! Die koreanisch-kanadische Filmemacherin Celine Song, die bisher vor allem fürs Theater sowie Serien-Skripte schrieb, erzählt in ihrem Regiedebüt von einer jungen Frau mit einer Biografie, die ihrer eigenen ähnlich ist.
Nora (Greta Lee) wandert als 12-Jährige mit ihren Eltern von Südkorea nach Kanada aus. Zu ihrem Schulschwarm von damals entsteht – Facebook sei Dank – nach zwölf Jahren wieder Kontakt, doch eine aufkeimende Online-Romanze bricht schnell wieder ab. Aber als Hae Sung (der in Köln geborene Teo Yoo) Jahre später tatsächlich in die USA kommt und um ein Treffen bittet, zeigt sich schnell, dass trotz Noras glücklicher Ehe mit Arthur (John Magaro) zwischen den beiden eine Verbindung besteht, die durch räumlichen wie zeitlichen Abstand nicht zu kappen ist. Song spinnt daraus einen unglaublich zarten, feinfühligen Film über erste Lieben, Neuanfänge und alte Verbundenheit, dessen Fragen nach dem „Was wäre wenn?“ durch den Migrationskontext noch eine ganz andere, kulturelle Tiefe gewinnt.
Mit derart virtuos inszenierten Emotionen – in kaum einer Reihe des Berlinale-Palasts wurden nicht die Taschentücher gezuckt – konnte Margarethe von Trotta, die am Dienstag ihren 81. Geburtstag feiert, nicht ganz mithalten. Die Altmeisterin des deutschen Kinos widmet sich in „Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste“ abermals einer großen deutschsprachigen Frauenfigur und nimmt konkret die nicht zuletzt durch den im vergangenen Jahr veröffentlichten Briefwechsel hinlänglich dokumentierte Beziehung der österreichischen Schriftstellerin zu ihrem Kollegen Max Frisch unter die Lupe.
Die stärksten Momente hat der Film in jenen mitunter traumartig gestalteten Passagen, in denen Bachmann mit einer Reise in die ägyptische Wüste über die Trennung von Frisch hinwegzukommen versucht. Ausgerechnet die komplizierte, oft toxische Liebe zu dem Schweizer macht Trotta aber nicht immer überzeugend greifbar, was auch daran liegt, dass Ronald Zehrfeld in der Rolle fehlbesetzt ist: Seine physische Präsenz als Schauspieler steht der intellektuellen Aura Frischs dann doch im Weg. Vicky Krieps in der Titelrolle ist allerdings eine Wucht und macht „Ingeborg Bachmann – Reise in die Wüste“ zumindest zu Trottas bestem Film seit „Hanna Arendt“.
Weltpremiere von „Boom! Boom! The World vs. Boris Becker“
Abseits des Wettbewerbs liefern am Wochenende vor allem zwei Dokumentarfilme mit prominenten Protagonisten Gesprächsstoff beim Festival. Am Sonntag gab sich Ex-Tennis-Superstar Boris Becker die Ehre, anlässlich der Weltpremiere von „Boom! Boom! The World vs. Boris Becker“, inszeniert von Alex Gibney, der von Wikileaks über Radprofi Lance Armstrong bis Scientology noch vor keinem kontroversen Thema zurückgeschreckt ist. Er hoffe, die Welt würde so eine andere Seite von ihm kennen lernen, sagte der Leimener bei der Pressekonferenz über sein Mitwirken an dem Film, das Ehre und Herausforderung gleichzeitig gewesen sei.
Die persönlichsten Interviews seines Lebens seien die beiden langen Gespräche gewesen, die er mit Gibney für den Film geführt hat, darunter eines kurz vor der Verurteilung und Inhaftierung im vergangenen Frühjahr. Rund um diese tatsächlich oft intimen Unterhaltungen, in denen man Becker auch weinen sieht, erzählt Gibney dann die gesamte Laufbahn seines Protagonisten nach, mit allen Höhen und Tiefen. Von Letzteren war allerdings in Berlin noch kaum etwas zu sehen, denn „Boom! Boom! The World vs. Boris Becker“ ist ein Zweiteiler, von dem hier nur der erste Film gezeigt wurde. Eine bedauerliche Entscheidung, denn zumindest bis hierhin ist das Ganze kaum mehr als eine kurzweilige Lobhudelei, in der auch Ex-Frau Barbara, Ex-Manager Ion Tiriac oder einstige Kollegen wie Michael Stich, John McEnroe oder Mats Wilander fast nur Gutes zu sagen haben.
Als geradezu ärgerlich entpuppte sich „Superpower“. Schon 2021 war Hollywoodstar Sean Penn mit seinem Regiekumpel Aaron Kaufman das erste Mal in die Ukraine gereist, um Präsident Selenskyi näher kennenzulernen. Als Russland dann seinen Krieg begann, reisten die beiden Amerikaner erneut an, wieder mit der Kamera im Gepäck.
„Selenskyj war angetreten, um sein Land in eine neue Ära der Freiheit zu führen. Doch durch die Ereignisse der zurückliegenden zwölf Monate ist er noch viel entschlossener geworden. Er ist an den Herausforderungen gewachsen und hat seine wahre Bestimmung gefunden“, sagte Penn am Samstag im Interview über den Mann, den er Tage zuvor noch in Kiew besucht hatte. Sein echtes Interesse für Selenskyj und die Situation in dem von ihm geführten Land nimmt man ihm auch im Film durchaus ab. Umso enttäuschender ist es, dass „Superpower“ über beides praktisch nichts zu sagen hat, was man nicht längst weiß – und sich viel zu sehr mit Penn selbst als mit der Ukraine beschäftigt.