Tag gegen Menschenhandel Der böse Zauber wirkt auch in Stuttgart

Mit dem Walk for Freedom soll auch dieses Jahr anlässlich des europäischen Tags gegen Menschenhandel ein Zeichen gegen Zwangsprostitution gesetzt werden. Foto: dpa/Christoph Schmidt

Niemand ist glaubwürdiger als eine Leidensgenossin, die ihr Leben als Zwangsprostituierte hinter sich gelassen haben. Ein Pilotprojekt am Stuttgarter Fraueninformationszentrum setzt genau darauf.

Familie/Bildung/Soziales: Hilke Lorenz (ilo)

Stuttgart - Es ist immer die gleiche Methode: Wenn du nicht gehorchst, geschieht deiner Familie Furchtbares. So sagt es der Juju-Zauber, mit dem nigerianische Frauen gezwungen werden, als Prostituierte zu arbeiten. Denn die Wirklichkeit hat mit dem Versprechen vom Leben als Zimmermädchen meist nichts gemein. Menschenhändler schleusen die Frauen nach Europa und zwingen sie, die Reisekosten in Bordellen abzuarbeiten. Oft sind das hohe fünfstellige Beträge – Für viele ein Teufelskreis.

 

Die Opferzahlen steigen

Das Fraueninformationszentrum (FIZ) in Stuttgart hat 2019 insgesamt 122 Frauen beim Ausstieg betreut. 89 der Frauen kamen aus Nigeria. Die bisher erhobenen Menschhandelsdaten sind alles anders als vollständig. Die einzige deutsche Erfassung, das Lagebild des Bundeskriminalamtes aus dem Jahr 2019, besagt, dass die Zahl der nigerianischen Menschenhandelsopfer seit 2016 deutlich angestiegen ist. In der BKA-Statistik sind es im Jahr 2018 61 Personen, 2017 waren es 39 Opfer, ein Jahr zuvor 25 Opfer. Erfasst werden darin nur abgeschlossene Ermittlungsfälle. Auf die Mängel bei der Erhebung von Daten auf internationaler Ebene weist der Koordinierungskreis gegen Menschenhandel anlässlich des Europäischen Tags gegen Menschenhandel am 18. Oktober hin.

Wer es geschafft hat, überzeugt

Um konkret zu handeln, hat das FIZ ein Pilotprojekt entwickelt. Afrikanische Frauen, die selbst von Menschenhandel und Ausbeutung betroffen waren, begleiten darin ehrenamtlich andere Frauen auf ihrem Weg zurück in die Normalität. Dabei helfen sie beim Gang zur Ausländerbehörde nicht nur als sprachliche sondern auch als kulturelle Dolmetscherinnen. Finanzielle Unterstützung kommt von der Diözese Rottenburg-Stuttgart und der Diakonie Württemberg. Sieben Aktivistinnen haben die Workshop-Ausbildungsphase schon hinter sich, zehn weitere durchlaufen sie gerade. Für alle Betroffenen ist es eine Win-Win-Situation. Das FIZ kann dem hohen Beratungsbedarf gerecht werden und seine ehemaligen Klientinnen erleben sich selbst als wieder lebenstüchtige, selbstbestimmte Frauen. Und was ist überzeugender, als eine Frau, die den Ausstieg geschafft hat. Dann verliert der Teufelszauber seine Macht.

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