Tageseltern Profis für familiäre Geborgenheit

Die Tageseltern Petra Heller, Ayse Gül Aydin, Sylvia Rauch und Jens Marquardt sind überzeugt von der Qualität ihrer Betreuungsform. Foto: Roberto Bulgrin

Tageseltern leisten im Kreis Esslingen einen wichtigen Beitrag zur Kleinkindbetreuung. Doch immer noch sind sie mit Vorbehalten und Unkenntnis konfrontiert.

Petra Heller kann sie ja verstehen, die Vorbehalte von Eltern: „Da gibt man seine kleinen Kinder in die Obhut fremder Leute, in Wohnungen, die man nicht kennt, scheinbar ohne Kontrolle.“ Als stellvertretende Geschäftsführerin des Tageselternvereins Kreis Esslingen ist Petra Heller angetreten, diese Vorbehalte zu entkräften – gerade weil sie so verständlich scheinen. Sie sind eine Hürde für Tagesmütter und -väter, die professionell Kinder, überwiegend unter drei Jahre, betreuen – nicht in der Kita, sondern als selbstständige Berufstätigkeit in der eigenen Wohnung oder anderen geeigneten Räumen.

 

Wie überwindet man diese Hürde? Durch Information – oder persönliche Empfehlung. Für Information und Aufklärung sorgt der Tageselternverein im Kreis Esslingen seit nunmehr genau 15 Jahren. Seit 16 Jahren ist Sylvia Rauch Tagesmutter in Ochsenwang. Was sie über die Hürde hebt, ist ihr Ruf: „99 Prozent der Eltern kommen zu mir durch Mundpropaganda.“

Bei Ayse Gül Aydin, die in Denkendorf zusammen mit ihrem Bruder und ihrer Schwägerin Tagesbetreuung anbietet, ist das nicht viel anders, auch nicht bei dem Plochinger Tagesvater Jens Marquardt, der mit seiner Frau zusammenarbeitet. Steht er als Mann unter besonderem Generalverdacht? „Nein. Teilweise sind die Eltern sogar froh, dass ihre Kinder auch mal einem Mann begegnen. In den Kitas und Grundschulen gibt es ja fast nur Frauen.“ Lediglich manche muslimische Eltern äußerten Bedenken bei der Betreuung von Mädchen. Auch Aydin, selbst Muslima, hat das schon erlebt: „Aber andere machen auch manchmal Schwierigkeiten.“

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Deshalb sei Information wichtig, betont Sylvia Rauch. Auch weil das Bild der Kindertagesbetreuung in der Öffentlichkeit veraltet sei, also Vorbehalte und Unkenntnis Hand in Hand gehen. „Seit ich vor 16 Jahren angefangen habe“, sagt Rauch, „hat sich vieles entwickelt.“ Welche Voraussetzungen Tageseltern heute erfüllen müssen, sei in den Köpfen der Allgemeinheit noch kaum präsent. Beispielsweise wurde die Grundqualifikation von 60 auf 300 Unterrichtseinheiten erweitert. Die Pflegeerlaubnis muss alle fünf Jahre erneuert werden, die Räumlichkeiten werden einmal im Jahr überprüft. Außerdem sind jährliche Fortbildungen ebenso vorgeschrieben wie Schutzkonzepte gegen Unfälle und Übergriffe aller Art, und seien es Nachbarn, die Betreuungskinder im Planschbecken fotografieren.

Trotzdem ist Tagesmutter oder -vater kein gesetzlich geschützter Ausbildungsberuf, erklärt Heller, und Aydin sagt: „Als Fachkräfte sind wir nicht so anerkannt wie die Erzieherinnen.“ Grundsätzlich kann jeder und jede unter dem Etikett „Tagesmutter/-vater“ Babysitterdienste wo auch immer anbieten. Aber: Die Förderung durch den Landkreis gibt es nur für qualifizierte Tageseltern, wie sie im Tageselternverein organisiert sind.

Diese Förderung widerlegt auch ein anderes Vorurteil: Kindertagespflege sei teuer, da privat. Tatsächlich liegen die Elternanteile an den Gebühren meist nicht über denen einer Kita, teilweise sogar darunter.

Viel Flexibilität bei den Öffnungszeiten

Die eigentlichen Vorzüge ihres Betreuungsmodells verorten die Vertreterinnen und der Vertreter der Zunft allerdings auf anderem Feld als dem Geld. Etwa bei der Flexibilität: „Wir bieten Öffnungszeiten bis 18.30 Uhr an“, sagt Jens Marquardt. „Einmal habe ich ein Kind sogar ab 5.30 Uhr betreut. Da kommt keine Kita ran.“ Für Alleinerziehende mit unkomfortablen Arbeitszeiten oft die einzige Rettung.

Bei Tageseltern findet die Betreuung in einer familiären Atmosphäre statt. Foto: dpa

Vor allem sehen sich die Tageseltern als Profis für familiäre Geborgenheit. „Wir haben kleine Gruppen“, sagt Marquardt – erlaubt sind maximal fünf Kinder pro Betreuungsperson, in der Praxis sind es oft ein oder zwei weniger, weil die Raumgröße die Kinderschar limitiert. Wichtiger als Zahlen sei bei den kleinen Kindern ohnehin die Bindung an eine Bezugsperson, sagt der Tagesvater. Heller ergänzt: „Genau das macht die familiäre Atmosphäre aus und ist vielleicht der wichtigste Unterschied zu den Krippen, wo ja oft schon während eines Tages die Erzieherinnen mehrfach wechseln.“

Problem: Vertretung im Krankheitsfall

Aber – bange Elternfrage: Was ist mit der Vertretung im Krankheitsfall? Bislang ein Problem, das jede Betreuungsstelle für sich selbst lösen muss. Was Aydin und Marquardt. die mit Partnern arbeiten, leichter fällt als der Einzelkämpferin Rauch. Sie beklagt, dass das Kreisjugendamt mit „völlig wirklichkeitsfremden Vorstellungen“ den Einsatz von Vertretungskräften eher verhindere als fördere. Zum Beispiel müsste jede Springerin für jeden Raum, in dem sie eingesetzt wird, eine eigene Pflegeerlaubnis haben.

Doch trotz aller Widrigkeiten, zu den auch komplizierte Abrechnungen bei Kindern aus verschiedenen Kommunen gehören, sind die Tageseltern überzeugt von der besonderen Qualität ihrer Betreuungsform – als Alternative zur Krippe, nicht als Notlösung, weil gerade Plätze fehlen. Diesen Eindruck erwecken die Diskussionen in manchen Kommunen, wenn die Kita-Wartelisten länger und die Personallisten kürzer werden – und dann die Verwaltung die Kindertagespflege aus dem Zylinder zaubert. Doch auch hier hat sich die Lage verbessert: „Ich fühle mich mittlerweile schon wertgeschätzt und nicht mehr als Lückenbüßerin abgestempelt“, sagt Rauch. Eine ganz besondere Wertschätzung gibt es bisweilen auch von anderer Seite: „Wenn man Jahre später von ,seinen‘ Kindern zur Konfirmation eingeladen wird – das ist schon toll“, sagt Aydin.

Weniger Kinder, weniger Tageseltern

Betreuung
 Im Kreis Esslingen werden laut den jüngsten vorliegenden Zahlen 1322 Kinder von Tageseltern betreut. 921 von ihnen sind unter drei Jahre alt, bei den übrigen 401 handelt es sich um Anschlussbetreuung nach der Kita oder der Schule. Mit den Geburtenzahlen geht auch die Nachfrage leicht zurück. Bis Ende 2022 stieg sie an, damals wurden 1439 Kinder betreut. Den besonders deutlichen Rückgang in der Anschlussbetreuung führt der Tageselternverein auf den Ausbau der Angebote von Schulen und Kitas zurück.

Wirtschaftlichkeit
 Ein Lichtblick für Eltern, die einen Betreuungsplatz suchen: Im Moment haben die meisten Tageseltern Betreuungsplätze frei. Was allerdings die Wirtschaftlichkeit des freiberuflichen Geschäftsmodells gefährdet. Und so zu Engpässen führen könnte, denn die Zahl der Tagesmütter und -väter nimmt im Kreis Esslingen stetig ab: von 401 im Jahr 2020 auf 348 Ende 2024.  

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