Konzentriert und eindeutig in der Ansprache
Die neue Präses, seit Mai Nachfolgerin von Irmgard Schwaetzer, ist 25 Jahre alt und noch Studentin. Viele Hoffnungen ruhen auf ihr, wenn jetzt auch der Ratsvorsitzende Bedford-Strohm an der Spitze geht. Heinrich weiß das, aber man merkt ihr die Belastung erstmal kaum an. Ruhig und bestimmt dirigiert sie nicht nur die Online-Tagesordnung, konzentriert und eindeutig formuliert sie auch den ersten Bericht des Präsidiums der Synode nach einem halben Jahr „daily business“, wie sie sagt. „Gar nicht soviel Zeit“, meint sie selber. Aber offenbar hat sie die genutzt. Anna-Nicole Heinrich ist den Sommer über mit einer Freundin in Deutschland unterwegs gewesen, per Zug und ohne Hotelreservierungen. Sie wollte reden, Menschen treffen, auch und gerade kirchenferne, und überall hat sie bei prinzipiell Fremden einen Platz „auf dem Sofa“ gefunden. „Raus aus der Bubble“, aus der Blase also, das war ihr Credo.
Vieles in der Kirche müsste „offener“ werden
Drei Dinge habe sie bei ihrer Reise unter dem Motto „Hinaus ins Weite!“ vor allem mitgenommen, sagt Heinrich: „Begegnung schafft Vertrauen, Kontext prägt“ – und Kirche könne und müsse „viel offener sein“, als sie ist. „Wie nehmen wir unsere Verantwortung wahr?“ „Wie sprechen wir“, Stichwort Klima, „über die Schöpfung“? Das sind einige von vielen Fragen. In der anschließenden Diskussion gibt es nur Lob für Heinrich, aber als Elke König, Vizepräses der EKD, sie freundlich auffordert, die „Komplimente“ doch bitte zu kommentieren, wird die beredte Heinrich fast wortkarg: „Joa, danke!“, antwortet sie. Kein Aufhebens, bitte.
In der Sache liegen die Dinge schwierig genug. 2,5 Millionen Menschen haben die Kirche seit 2014 verlassen, eine Tatsache, die den scheidenden Heinrich Bedford-Strohm beim Abschied sehr schmerzt. Und bei der Bewältigung des Themas sexualisierte Gewalt steht die Evangelische Kirche wieder fast am Anfang, nachdem die Arbeit des Betroffenenbeirats im vergangenen Frühjahr ausgesetzt wurde. Dennoch hoffen gut 20 Millionen evangelische Christinnen und Christen auf einen Aufbruch – und Anna-Nicole Heinrich und die/der am Mittwoch zu wählende Ratsvorsitzende werden unbedingt dafür stehen müssen.
Am Montagnachmittag hat Heinrich, so gesehen, ihre erste ernste Bewährungsprobe, als das Thema „Schutz vor sexualisierter Gewalt in der Evangelischen Kirche in Deutschland“ auf der Tagesordnung steht. Der Sprecher des Beauftragtenrats nämlich, Bischof Christoph Meyns, ist seit Monaten erheblich in der Kritik: Zu uninformiert, zu zögerlich, heißt es. Drei Stunden sind angesetzt.
Und dann wird es doch wieder Rechtfertigungsrhetorik
Meyns sagt zwar, man habe „alles verspielt, wofür wir als Kirche stehen“, aber dann startet er doch eine Rechtfertigungsrhetorik, die den Eindruck aufkommen lässt, hier solle vor allem die Kirche selbst geschützt werden. So zumindest beurteilt es danach ein Betroffener wie Detlev Zander, der in Korntal sexualisierte Gewalt erfahren hat, die er auch in einem Buch („Und Gott schaut weg“) verarbeitete. Die EKD habe durch „Zögerlichkeit“ größten Schaden angerichtet, sagt Zander – und viele Mitglieder des Beirats stimmen ihm zu. Es sind schwere Stunde für die Evangelische Kirche, und auch Heinrich hat sichtlich zu kämpfen, wenn reihum festgestellt wird, dass es eine Diskussion auf Augenhöhe nie gegeben habe. Der EKD fehle „eine gemeinsame Vision und Zielsetzung hinsichtlich der Aufarbeitung sexualisierter Gewalt“, konstatieren in einem Statement ehemalige Beiratsmitglieder. Es ist, nicht nur in diesem Moment, in Bremen und im Netz sehr still an diesem Nachmittag.