Tajana Gali ist die Jeans Doktorin Die Retterin der Lieblingshose

Von Annette Clauß 

Tajana Gali ist Modedesignerin, hat aber auch kein Problem, Hosen zu reparieren. Sie verarztet lädierte Jeans so kunstvoll, dass man es kaum sehen kann. Ihre Dienste als „Jeans Doktor“ nehmen Kunden aus ganz Deutschland in Anspruch.

Tajana Gali aus Waiblingen repariert Foto: Gottfried Stoppel
Tajana Gali aus Waiblingen repariert Foto: Gottfried Stoppel

Waiblingen - So ist das mit der Lieblingsjeans: kaum hat sich der Stoff an alle Ausbuchtungen und Wölbungen des Körpers angepasst, so dass es nirgendwo zwickt und zwackt, kaum bilden Herr und Hose das perfekte Paar, schon folgt die niederschmetternde Diagnose: Gewebebruch! Und dann beginnt der langsame Abschied.

Tajana Gali kennt das Dilemma nur zu gut, schließlich schlüpft die Modedesignerin aus Waiblingen gerne in Jeans, ihr Mann trägt sogar nichts anderes. Weil er obendrein ungern einkaufen geht, hat die 50-Jährige im Lauf der Jahre so manche Jeans repariert und ausgebessert. Ihren ersten Patienten hat Tajana Gali Flicken verpasst, welche die Löcher und Risse von außen verdeckten. Das habe ziemlich bescheiden ausgesehen, gibt sie zu.

Doch mit der Zeit hat sie ihre Technik perfektioniert. Irgendwann verliefen die Schönheitsoperationen im Hause Gali derart erfolgreich, dass die lädierten Hosen um Jahre verjüngt wirkten. Das wusste so mancher Waiblinger zu schätzen, an die große Glocke hat Tajana Gali die Sache nicht gehängt. Vor einiger Zeit aber sah sie im Fernsehen eine Sendung über ihre Lieblingsstadt New York, in der ein „Denim Hospital“, ein Krankenhaus für Jeanshosen, vorgestellt wurde. „Die machen, was wir machen“, stellte sie verblüfft fest. Und setzte sich nach Recherchen mit einer Webdesignerin zusammen.

Das Ergebnis war eine Internetseite namens „Jeans Doktor“, auf der Tajana Gali das anbietet, was sie im Grunde schon seit Jahren tut: die quasi unsichtbare Reparatur von Lieblingsjeans. Große Erwartungen hatte die Modedesignerin, die viele Jahre lang auf internationalen Messen war, nicht. Doch drei Tage, nachdem die Seite an den Start gegangen war, klingelte es an der Tür, und der Postbote lieferte ein Paket mit der ersten Patientin, einer lädierten Jeans. Am nächsten Tag trudelte Nummer zwei ein, und so ging es weiter. Päckchen Numero drei kam aus Salzburg. „Ich dachte, jetzt flippe ich gleich aus. Seitdem läuft es.“

Ein Fan preist Tajana Gali sogar als „Jeans-Gott“

Berlin, Leipzig, Wanne-Eickel – verzweifelte Jeanshosenbesitzer aus der ganzen Republik und dem deutschsprachigen Ausland schicken ihre Sorgenkinder nach Waiblingen und bitten um eine Diagnose nebst Kostenvoranschlag. Überdurchschnittlich viele Männer sind gottfroh, dass der Jeans Doktor, den ein überglücklicher Hosenbesitzer gar als „Jeans-Gott“ preist, das Leben ihrer Hosen verlängert, sagt Gali: „Da kommt wohl der Gemütlichkeitsfaktor ins Spiel.“ Aber auch Frauen hängen an ihren Jeans – so sehr, dass sie bereit sind, fast so viel Geld in die Reparatur zu stecken, wie die neue Hose gekostet hat.

Schickimicki-Marken landen selten in Tajana Galis Atelier, ihre Patienten sind Modelle aus der unteren und mittleren Preisklasse. Zwischen 20 und 40 Euro müssen die Kunden hinblättern, je nachdem, wie viele Löcher und Risse zu reparieren sind. Bevor sie oder eine ihrer Schneiderinnen loslegen, hält Tajana Gali die Hosen erst mal gegen das Tageslicht. „Ich habe einen Blick dafür, wo der Stoff als Nächstes bricht.“ Dieser gefährliche Bereich muss großflächig behandelt werden, damit das Elend nicht wenig später wieder losgeht. „Am schlimmsten sind die Hosen aus ­Ultra-stonewashed-Material“, sagt Gali, dickere Stoffe seien viel leichter zu verarzten.

Bei der Auswahl des unsichtbar von innen angebrachten Jeanspflasters wie auch des richtigen Fadens kommt Tajana Gali – sie ist übrigens eine Arzttochter – ihr geschultes Designerauge zugute. „Das Material und die Farbnuancen beim Faden müssen passen“, sagt Gali, die mehr als 25 Jahre Jeansstoffe gesammelt hat und so aus dem Vollen schöpfen kann.

So findet Tajana Gali sicher auch das passende Stück Stoff für die Hose von Bryan. Der Amerikaner, der momentan durch Deutschland reist, hat sich vor drei Tagen gemeldet, nachdem ihm beim Bowlen die Jeans gerissen war. „Mir scheint, du kannst Wunder vollbringen“, ist sein Fazit nach dem Studium der Jeans-Doktor-Interseite. Ob seine Lieblingsjeans verarztet werden könne, und zwar vor seiner Rückreise nach Amerika Ende April? Das sollte klappen, denn bisher hat Tajana Gali noch keine Hose begutachtet, die nicht zu flicken war. Daher wird Bryan wohl die folgende frohe Botschaft bekommen: „Ihr Patient kommt bald auf den OP-Tisch.“