InterviewTake und Release in Stuttgart Drogenberatung fordert Entkriminalisierung von Drogenkonsumenten

Von Stefanie Bernhardt 

Release und Take klären seit vielen Jahren über Drogen in Stuttgart auf. Während sich Release an Leute richtet, bei denen es wegen Konsum zu Problemen kam, hat Take eher den sicheren Konsum im Sinn. Der Sozialpädagoge Philip Weber fordert die Legalisierung aller Drogen nach portugiesischem Modell.

Die Freiwilligen von Take beraten auch in der Stuttgarter Partyszene. (Symbolbild) Foto: picture alliance / dpa/Sophia Kembowski
Die Freiwilligen von Take beraten auch in der Stuttgarter Partyszene. (Symbolbild) Foto: picture alliance / dpa/Sophia Kembowski

Stuttgart - Bereits in den 70er Jahren wurde der Verein Release als eine Selbsthilfegruppe in Sachen Drogen gegründet worden. „Wenn man da heute Bilder anschaut, ist aber nicht mehr so ganz klar, wer da wem geholfen hat“, lacht Sozialarbeiter Philip Weber im Gespräch. In den 80er Jahren wuchs der Verein und bekam eine bessere Organisationsstruktur und ist bis heute aktiv. Und selbstbewusster geworden: Heute fordert Weber prinzipiell die Legalisierung aller Drogen. Doch bis dahin war es ein weiter Weg.

„Besonders in den letzten zehn Jahren konnten wir unser Angebot allerdings noch extrem verbessern und ausbauen“, sagt Philip Weber, der mit seinen Kollegen Drogenkonsumenten berät. Es gibt insgesamt vier Dienststellen bei Release: Release U21 (Jugendberatung), Release Mitte (Erwachsenenberatung), Tagwerk (Therapieeinrichtung) und Release Direkt (Psychosoziale Betreuung von Substituierten).

Das Angebot wurde also getrennt in Beratungsstellen für Erwachsene und unter 21-Jährige. „Die haben tagtäglich wenig Überschneidungspunkte und müssen sich da auch nicht in der Drogenberatung kennenlernen.“ Release richtet sich in erster Linie an Leute, die durch ihren Konsum bereits Probleme hatten, entweder mit dem Gesetz oder innerhalb der Familie. Beratung und Prävention sind hier die Kernthemen.

Bei „Take“ geht es um den sicheren Konsum

Anders sieht es da bei „Take“ aus, einem Angebot, das sich auf Safer Use spezialisiert hat. Seit 2015 gibt es Take, Ziel ist es Leute zu erreichen, die Drogen konsumieren, aber dadurch noch keine Probleme mit Gesetz oder Job haben. Im Gegensatz zu den Beratungsstellen handelt es sich bei Take auch um ein aufsuchendes Angebot. „Wir gehen in Clubs, auf Festivals und auf Raves, um Ansprechpartner vor Ort zu sein. Unser Hauptfokus liegt hier auf Safer Use, als der Risikominimierung durch den Konsum“, erklärt der Sozialpädagoge. So werden beispielsweise Aktivkohlefilter verteilt, um die Schadstoffe aus den Joints zu Filtern oder Röhrchen und Alkoholtücher, um nasalen Konsum sicherer zu gestalten. Außerdem gibt es Ohrstöpsel und Kondome. Das Angebot geht also über den sichereren Konsum hinaus und will die Leute grundsätzlich im Nachtleben schützen.

Die Gespräche finden auf Augenhöhe statt

„Das ist für uns auch ein bisschen ein Türöffner in der Szene“, sagt Weber. „Damit machen wir klar, dass wir einen anderen Ansatz in Sachen Aufklärung verfolgen. Bei uns finden die Gespräche eben auf Augenhöhe statt.“

Die Zahl an Leuten, die das Angebot von Release und Take wahrnehmen, steigt stetig. Das liegt laut Weber an der niedrigeren Hemmschwelle, sich bei Drogenproblemen helfen zu lassen. In Sachen Konsum können die Mitarbeiter kaum einen Anstieg verzeichnen, lediglich beim Cannabis-Konsum gibt es eine Steigerung.

Oft kommen aber auch nicht die Konsumenten selbst in die Beratungsstelle, sondern Angehörige und besonders Eltern, die sich sorgen. „Das sind beispielsweise Mütter, die konsumierende Kinder haben, wo es schon Probleme gibt“, sagt Weber. „Da geben wir Tipps, wie man grundsätzlich mit der Situation umgehen kann. Man sollte zum Beispiel immer Gesprächsbereit bleiben, aber muss eben auch akzeptieren, dass man sein Kind draußen nicht kontrollieren kann.“ Klare Regeln wie „kein Konsum in unserem Haus“ können hier Schritte in die richtige Richtung sein.

Die wenigsten Jugendlichen kommen freiwillig zur Beratung

Anders sieht es bei der Beratung von Jugendlichen aus. „Fast 75 Prozent kommen nicht freiwillig, sondern werden von anderen Leuten geschickt.“ In der Regel sind das gerichtliche Auflagen, weiß Weber. „Die klassische Strafe bei Jugendlichen, die Betäubungsmittel besitzen, ist es, eine gewisse Anzahl an Beratungsgesprächen zu absolvieren.“

Die meisten Konsumenten müssen wegen Cannabiskonsum in die Beratung. Und bereits hier gibt es erhebliche Unterschiede. „Während manche ziemlich viel kiffen und dennoch ihr Leben im Griff haben, haben andere heftige Probleme“, sagt Weber. „Grundsätzlich macht es aber auch Unterschiede, in welchem Alter man zum Gras greift. Besonders bei jungen Menschen, kann das sich negativ auf die Entwicklung und Persönlichkeit auswirken.“

Die Arbeit in der Drogenberatung ist ergebnisoffen

„Grundsätzlich arbeiten wir immer ergebnisoffen“, erklärt Weber. Darin liegt ein erheblicher Unterschied zu den Gerichten, die natürlich immer die Abstinenz als Ziel haben. Im Gespräch versuchen die Sozialarbeiter immer mögliche Widersprüche aufzuzeigen. „Wenn jemand sagt, dass er mal erfolgreich sein will, aber ständig in der Schule fehlt und durch den Drogenkonsum nichts auf die Reihe bekommt, dann frage ich eben, wie er sich das vorstellt“, sagt Weber.

Ebenfalls ist es jedoch denkbar, dass ein junger Mensch seinen Konsum auf das Wochenende reduzieren möchte. „Dann arbeiten wir daran.“ Allerdings erwartet Weber stets, dass sein Gegenüber auch mitarbeitet. „Ich spiele nicht den Alleinunterhalter und gebe dann bei der Justiz einen Zettel ab, ich will schon, dass von den Jugendlichen auch etwas kommt“, betont er. In den Gesprächen geht es auch nicht nur um Drogenkonsum. Das kann der Aufhänger sein, aber oft geht es in den Gesprächen auch um andere Themen wie Schule, Familie und Partnerschaft.

Gründe für Drogenkonsum sind vielfältig

Die Gründe, warum junge Leute zu Drogen greifen, sind sehr unterschiedlich. „Oft ist es Neugier, aber auch Gruppenzwang kann eine Ursache sein“, weiß Weber. Viele Konsumenten versuchen, negative Gefühle auszublenden. „Außerdem gibt es noch das Partypublikum, das schöne Momente einfach noch schöner machen will“, erklärt der Experte. „Motive wie warum jemand zu Drogen greift, gibt es so viele, wie es Menschen gibt“.

Eine große Gefahr beim Konsum von illegalen Substanzen sieht Weber auch darin, dass man nie so genau weiß, was man bekommt. „Es gibt in Stuttgart Kokain von null- bis 100-prozentiger Reinheit“, betont Weber. Klar, dass das ein großes Risiko für den Konsumenten mit sich bringt. „Aus diesem Grund setzen wir uns zum Beispiel auch für Drugchecking ein, wie es in unseren Nachbarländern auch erfolgreich praktiziert wird“, sagt Weber. Dabei können auf Festivals oder in Clubs anonym Drogen auf Inhaltsstoffe getestet werden. Klar sei, dass es sich nur um eine Minimierung des Risikos handelt. „Konsum ist immer mit Risiko verbunden“, sagt Weber. „Denn Risiko hält niemanden vom Konsum ab, andererseits wird niemand anfangen Kokain zu nehmen, nur weil es Drugchecking gibt“. Hierzulande sind lediglich in Berlin Modellprojekte im Gespräch.

Die Gesetzgebung muss sich ändern

Um besonders die negativen sozialen Folgen von Drogenkonsum zu verringern, setzt man sich bei Take für ein Modell ein, wie es in Portugal sehr erfolgreich ist. Dort wurden Drogen weitgehend entkriminalisiert. Es gibt Grenzwerte (Heroin: ein Gramm, Kokain: zwei Gramm, Cannabis: 25 Gramm, Cannabis Harz: fünf Gramm), erst wenn diese überschritten werden, macht man sich strafbar. „Drogenbesitz darf kein Verbrechen sein, sondern man muss Leuten Beratung anbieten“, betont Weber. „Juristische Konsequenzen halten niemanden vom Konsum ab“, ist Weber sicher. „Wenn das so wäre, dann hätten wir keine Konsumenten.“ Die Beschaffungskriminalität würde sinken, Geld, das die Justiz in der Verfolgung spart, könnte in Therapien und Beratung gesteckt werden.