Taktstabwechsel beim Hohenheimer Uni-Chor Die Chormusik ist sein Jungbrunnen

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Der Neue könnte der Enkel des bisherigen Dirigenten Walter Pfohl sein: Beim renommierten Chor der Universität Hohenheim steht jetzt mit Sebastian Herrmann nach sage und schreibe 50 Jahren der Generationswechsel an. Der neue sprüht ebenfalls vor Ideen wie sein Vorgänger.

Viele Konzerte hat Walter Pfohl (links) in und um das Schloss dirigiert. Sein Nachfolger Sebastian Herrmann hat schon einige Ideen für den Chor. Foto: Lichtgut/Julian Rettig
Viele Konzerte hat Walter Pfohl (links) in und um das Schloss dirigiert. Sein Nachfolger Sebastian Herrmann hat schon einige Ideen für den Chor. Foto: Lichtgut/Julian Rettig

Stuttgart - Die Umtriebigkeit von Walter Pfohl wirkt ansteckend. „Seit über 100 Semestern geistere ich als Musikmensch in Hohenheim umher“, so charakterisiert er sich selbst, aber man könnte auch sagen: Walter Pfohl ist nicht nur Leiter des Chores der Universität Hohenheim: Er ist seit 50 Jahren der Chor selbst. Durch alle Höhen und Tiefen hat er ihn geleitet, alle Entwicklungen von der kleinen Landwirtschaftlichen Hochschule mit 500 Studenten zur großen Universität mit jetzt fast 10 000 Studierenden hat er erlebt sowie fünf Kultusminister als obersten Dienstherren gehabt.

Chor ist Studium Generale

Anlässlich des 150-jährigen Jubiläums erhielt Pfohl, der damals Student an der Musikhochschule war, den Auftrag einen Chor zu gründen, weil der damalige Rektor Walter Rentschler der Meinung war, dass eine Universität dies brauche. Eine Auffassung, die Pfohl mit Leidenschaft ebenfalls vertritt: „Das Scheuklappendenken nimmt zu“, klagt er und ein Chor sei als Gegenpol so etwas wie ein Studium Generale, Bildung pur sozusagen, denn es wird nicht nur gesungen, sondern die Chormitglieder beschäftigen sich bei jedem Stück auch mit dessen Zeitgeschichte und dem kulturellen Umfeld, in dem es entstand. „Ich finde, dass sich jeder Studierende musikalisch betätigen sollte“, sagt er bestimmt.

Pfohls eigene Radiosendung

Die Wahl fiel damals auf ihn, weil er schon Erfahrung als Dirigent für die Erstsemester an der Musikhochschule hatte. „Außerdem hatte ich einen kleinen Fiat“ – das war nicht unwesentlich, denn so konnte er mühelos auf die Filder nach Hohenheim kommen. Später hatte er neben Studium und Chor samstagvormittags eine eigene Radiosendung beim damaligen Süddeutschen Rundfunk: „Aus dem Funkstudio“ hieß die und Pfohl stellte nicht nur die Musik zusammen, sondern war auch für die Wortbeiträge verantwortlich und er moderierte selbst. „Am Samstag hat ein Student doch Zeit“ – erklärt einer, für den Musik Leidenschaft, aber nie Arbeit ist. Schließlich entschied er sich doch für den Schuldienst, wurde aber 1983 unter Kultusminister Gerhard Mayer-Vorfelder als Ministerialdirigent für das Schulfach Musik und die kulturelle Förderung der Musik im Land ins Ministerium berufen.

Gastspiele im Ausland

Nach 150 Konzerten und insgesamt 6000 Chorstunden in Hohenheim gibt der 75-jährige jetzt den Taktstock weiter an Sebastian Herrmann. Der ist mit 23 Jahren gerade so alt wie es Pfohl war, als er den Chor gründete – und auch Herrmann ist noch Student, an der Tübinger Hochschule für Kirchenmusik.

Der Zeitpunkt für den Wechsel im Jahr, in dem die Uni Hohenheim ihr 200-jähriges Jubiläum begeht, ist bewusst gewählt. „Ich will ja nicht noch mit dem Rollator zur Probe kommen“, spottet Pfohl, wohlwissend dass er weit davon entfernt ist, eine Gehhilfe zu benötigen. Schließlich verdiente er sich sein Studium der Musik und der Physik als Bergführer in den französischen Alpen und wandert bis heute gerne, wenn er Zeit dazu hat, denn er ist in 17 Vereinen Mitglied, in elf davon ist er aktiv – deshalb gilt die Formel: Jeder, der im Ländle singt, kennt den Pfohl.

Als Minsterialdirigent war er unter anderem Mitbegründer der Stiftung „Singen mit Kindern“, hat den Landeshebammenchor gegründet und das landesweite Förderprogramm „Begegnungen der Schulmusik“ ins Leben gerufen. In dessen Rahmen findet seit über 40 Jahren in der Adventszeit das traditionelle Konzert zugunsten von „Hilfe für den Nachbarn“ e.V., der Spendenaktion der Stuttgarter Zeitung, statt. Auch der Chor der Universität Hohenheim hat für die Aktion mehrfach eindrucksvolle Benefizkonzert gesungen.

Hochgesteckte Ziele bleiben

„Die Chorarbeit hat mich jung erhalten. Es war eine dauernde Herausforderung und ich freue mich, dass ich doch was erreicht habe“, blickt Pfohl zurück auf den Kontakt zu insgesamt 1500 Chorsängern und Sängerinnen während der vergangenen 50 Jahre. Viele kamen, viele gingen und immer gab es eine Kerngruppe in dem offenen Chor, der sich aus Studierenden, Ehemaligen, Uni-Mitarbeitern und Bürgern aus dem ganzen Mittleren Neckarraum zusammensetzt. Vorsingen musste hier niemand, aber eine gewisse Gesangserfahrung wird erwartet, denn die Ziele sind hoch gesteckt und deshalb wurde er zu diversen Gastauftritten ins europäische Ausland eingeladen.

Auch Sebastian Herrmann wird keine Abstriche machen und als erstes Stück unter seiner Leitung werden die 50 Sänger und Sängerinnen Mozarts Requiem einstudieren. Er hofft darauf, dass vermehrt Studierende wieder zu den Proben kommen, denn bei all der Arbeitsbelastung, die ein Studium derzeit mit sich bringt, sei doch Singen eine gelungene Abwechslung und macht den Kopf frei. Und Herrmann versichert: „Ich würde keinen abweisen, denn singen lernt man am besten durch singen.“

Das Konzert zum 200-jährigen Jubiläum der Universität Hohenheim und zum Stabwechsel bei der Leitung beginnt am Sonntag, 21. Oktober, um 19 Uhr im Schloss Hohenheim im Balkonsaal (barrierefrei). Auf dem Programm steht unter anderem die Uraufführung von vier landwirtschaftlichen Gesängen für Chor und Instrumentenensemble. Die öffentliche Generalprobe ist von 15 bis 17 Uhr (nur mit Zugangskarte). Karten für das Konzert kosten 15 Euro, die Zugangskarte für die Generalprobe ist kostenlos. Eintritts-und Zugangskarten können per E-Mail unter: anunimusik@uni-hohenheim.de oder unter Tel. 0711 / 45 92 40 72 bestellt werden. An der Abendkasse wird es nur noch wenige Restkarten geben.

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