Talbach in Nürtingen-Raidwangen Neue Heimat für Pflanzen und Tiere

Von Philipp Braitinger 

Lange war der Talbach in Nürtingen-Raidwangen in einem tiefen Graben versunken. Nun wird das Gewässer an die Oberfläche gebracht. Für die Stadt gibt das Punkte auf dem Ökokonto.

Bis die Natur das Gelände entsprechend gestaltet hat, vergehen noch  Jahre. Foto: Pressefoto Horst Rudel
Bis die Natur das Gelände entsprechend gestaltet hat, vergehen noch Jahre. Foto: Pressefoto Horst Rudel

Nürtingen - Vergangene Woche ist noch ein großer Bagger über die Wiese gerollt und vermittelte eher Baustellenstimmung als Ökoromantik. Schon bald sollen aber viele Tierarten eine neue Heimat am Talbach südlich des Nürtinger Teilorts Raidwangen finden. Entlang des rund 250 Meter langen Bachverlaufs kurz unterhalb seiner Quelle bis zur Großbettlinger Straße wurden Feuchtbiotope angelegt. Ferner soll der Bach wieder einen natürlichen Verlauf an der Oberfläche nehmen. Gutgeschrieben werden der Stadt ihre Mühen für die Umwelt auf ihrem Ökokonto. Die für den Talbach gesammelten Punkte sollen als Ausgleich für das Baugebiet „Äußerer Egert“ dienen. Die Kosten für die Baumaßnahmen beziffert die Stadt auf rund 20 000 Euro.

„Auf den ersten Blick ist es schon Natur“, sagt der Nürtinger Umweltbeauftragte Jochen Hildebrand über den bisherigen Talbach. Doch das Gewässer habe einige ökologische Defizite gehabt. „Der Bach war viel zu tief für ein natürliches Biotop“, erklärt Hildebrand. Hinzu kam der kerzengerade Verlauf des Bächleins. „Es war eigentlich ein Wassergraben“, erinnert sich der Umweltbeauftragte. Außerdem seien die Wiesen um den Bach herum einst gezielt mit Drainagen trockengelegt worden. In Zukunft soll das Grasland wieder mehr Wasser speichern dürfen, teilweise soll es sogar versumpfen. Die Drainagen wurden verstopft. „Wir wollen mehr Feuchtigkeit reinbringen“, erklärt Jochen Hildebrand. Es solle an dieser Stelle einer der wertvollsten Biodiversität-Hotspots in Nürtingen entstehen.

Das Ziel ist eine größere biologische Vielfalt

Die Hauptquelle des Talbachs konnten die Arbeiter des Bauhofes nicht freilegen. Wo sich die Quelle befindet, das wissen die Fachleute zwar nicht ganz genau. Sie wird aber auf einem Privatgrundstück östlich der nun städtischen Wiesenflächen vermutet. Nun beginnt der neue, freigelegte Bachverlauf mit einem kleinen Rinnsal, das aus der Erde in einen neu angelegten Teich fließt. An diesem Teich gibt es einen kleinen, mit Steinen befestigten Bereich, zu welchem Fußgänger vom Weg oberhalb des Flusses laufen können. Sitzgelegenheiten soll es dort aber ausdrücklich nicht geben. Der Rest des Areals wird nicht speziell zugänglich gemacht.

„Das Habitat kann gut vom Weg aus überblickt werden“, erklärt der Planer und Bauleiter Peter Treuchtlinger. Bis die Natur das Gelände entsprechend gestaltet hat, könne es aber noch einige Jahre dauern. „Der Bach macht einen Teil des Geschäfts selbst“, erklärt er. Damit der Fluss wieder an die Oberfläche kommt und sich seinen Weg über die Wiesen schlängelt, wurde der bisherige Verlauf im Abstand von einigen Metern immer wieder mit dem Aushub der neuen Biotope verstopft. Das Ziel der Mühen ist eine größere biologische Vielfalt. Das ökologische Konzept für den Talbach hat die Landschaftsplanerin Jule Maute erstellt. Vielen Tieren wie Vögeln, Insekten und Amphibien soll das Gelände zukünftig Nahrung und Rückzugsraum bieten. „Die wertvolle Biotopfläche wird sich vergrößern“, erklärt Maute. Dafür sollten die Wiesen unter anderem nicht öfter als ein- bis zweimal pro Jahr gemäht werden, meint sie. „Damit blütenreiche Wiesen entstehen.“

Grundstückskäufe ermöglichen die Aktion

Ermöglicht wurde die Umweltmaßnahme durch verschiedene Grundstückskäufe. Insgesamt besteht das Gelände aus 15 Flurstücken, von denen derzeit noch drei in Privatbesitz sind. Viele Jahre eingesetzt hat sich Paul Pfinder aus Raidwangen für das nun geschaffene Ökoland. „Ich dachte, da könnte man etwas daraus machen. Ich wollte etwas für die Natur machen“, erklärt er. Regelmäßig beobachtet der Biologe und Agraringenieur die Tier- und Pflanzenwelt auf dem Gelände. „Kürzlich waren sogar Graureiher da“, berichtet Pfinder. Er hoffe, dass sich bald weitere Tiere wie Molche, Wiesel, Marder und Ringelnattern entlang des Bachlaufs heimisch fühlen.