Talent aus Bad Cannstatt Konstrukteur und Künstler zugleich

Von Iris Frey 

Hermann Heintschel, der von 1931 bis 1998 gelebt hat, war eine technische und künstlerische Doppelbegabung. Seine Ehefrau will sein Werk in einer Retrospektive näher bringen.

Gabriele Frik-Heintschel mit Katalogen und Büchern vor einem Gemälde ihres Mannes Hermann Heintschel. Foto: Iris Frey
Gabriele Frik-Heintschel mit Katalogen und Büchern vor einem Gemälde ihres Mannes Hermann Heintschel. Foto: Iris Frey

Steinhaldenfeld - Er war nicht nur ein begeisterter technischer Konstrukteur, sondern auch ein begabter Zeichner und Grafiker: Hermann Heintschel. In Steinhaldenfeld hat der 1931 Geborene von 1962 bis zu seinem überraschenden Tod 1998 gelebt und dort auch sein Atelier gehabt. In zwei Jahren wäre er 90 Jahre alt geworden. Seine Frau Gabriele Frik-Heintschel, selbst Innenarchitektin, kümmert sich um seine geschaffenen Kunstwerke, die noch immer in Ausstellungen Aufmerksamkeit erfahren. 2021 hofft sie, zum 90. Geburtstag eine Retrospektive für ihn in seiner Heimatstadt organisieren zu können. Heintschel, der eine Zeitlang mit dem Cannstatter Galeristen und Künstler Willy Wiedmann befreundet war, konnte sich zeitlebens über einige Auszeichnungen freuen, die er international erzielt hat. So beispielsweise bei internationalen Grafik-Biennalen 1980 in Miami in den USA, 1986 in Frederikstad in Norwegen, 1989 im slowenischen Ljubljana, 1990 im ukrainischen Lviy und 1993 im niederländischen Maastricht und 1996 in Katowice in Polen.

Aus dem Sudetenland geflüchtet

Frik-Heintschel war mit ihm 20 Jahre verheiratet, hat mit ihm gearbeitet und seine Entwicklung hautnah mitverfolgt. Heintschel ist im Sudetenland in Neustadt geboren und im Alter von 14 Jahren 1945 nach Deutschland geflüchtet – er landete in Vaihingen/Enz. Er hat dort eine Lehre als Werkzeugmacher absolviert. Dann ist er zu einer Firma nach Zuffenhausen, die Mopeds hergestellt hat und hat dort als technischer Zeichner gearbeitet. Ein Professor hat ihn dort sehr gefördert. „Er hatte eine begnadete Doppelbegabung, technisch und künstlerisch“, weiß Heintschels Frau.

Bei der Sommerakademie in Salzburg wurde er von Professor Emilio Vedova gefördert, der in Heintschels Arbeiten die konstruktiven Aspekte erkannte. Es war der Schlüssel und Auslöser für sein weiteres künstlerisches Arbeiten. Während Heintschel erst in Salzburg noch Stillleben in Pastell malte, lernte er bei einer polnischen Gräfin in Steinhaldenfeld Ölmalerei. Dann begann er mit dem Siebdruck. 1975 hatte er ein Atelier in Oberaichen in Leinfelden-Echterdingen.

Von der Fläche zum Raum

1978 entstanden erste Radierungen, parallel dazu Zeichnungen. Er fertigte Reliefobjekte und Leinwandarbeiten. 1978 wurde er mehrdimensionaler beim Malen und Zeichnen und verwendete Fluchtpunkte. Er kombinierte Landschaften mit Perspektivigkeit und geometrischen Formen. Quadrate fliegen in ganz bestimmter Formation über ruhige Landschaften, ein Lieblingsbild Frik-Heintschels, wie sie sagt. Ab 1968 blickt der Künstler auf zahlreiche Ausstellungen deutschlandweit und international, aber auch im amerikanischen Orlando, in Holland, Norwegen, Dänemark, in der Schweiz, in Frankreich und beispielsweise in drei Goethe-Instituten in Portugal.

1982 erschien ein Buch von Heintschel mit dem Titel „Von der Fläche zum Raum“ zu einer Ausstellung in Albstadt. Hier zeigte er seine Skizzen und schrieb seine Gedanken auf. Ein Schlüssel zu seinem Werk. Es wird deutlich, wie ihn sein technisches Arbeiten in einer amerikanischen Firma in Waiblingen künstlerisch beflügelt und inspiriert hat. Zu sehen ist im Buch auch eine Zeichnung mit technischer Gotik. Das Thema Gotik taucht immer wieder in seinem Werk auf, auch im Bild „Surface 002“ von 1986, einem Relief-Objekt mit Kunstharzfarbe auf Holz. 1980 baute Heintschel eine eigene Radierpresse. Sie steht jetzt in Backnang bei der Jugendkunstschule, um den Nachwuchs zu fördern. Beeindruckend ist seine lichtdurchflutete Kunst, die Landschaft und feinsinnige klare Konstruktion vereint, eine besondere Transparenz und Leichtigkeit besitzt. „Durchlässige Flächen und durchsichtige Räume ermöglichen die Vorstellung der Zeit. Im Raum weilt die Fantasie, in der Fläche das Gesetz. So festigt sich mein Weg“, schrieb Heintschel. Sein Werk bleibt spannend, zu erkunden.

Sonderthemen