Talkrunde vor dem Südgipfel Was die VfB-Chancen gegen die Bayern mit Arie Haan zu tun haben

Arie Haan als Trainer des VfB Stuttgart im Spiel gegen den FC Bayern im November 1987. Foto: imago/Herbert Rudel

Der VfB Stuttgart empfängt am Samstag den FC Bayern München. Ein Grund, in Ehrfurcht zu erstarren? Keineswegs!

Sport: Dirk Preiß (dip)

So viel Einigkeit herrscht ja selten im Fußballbusiness. Am Donnerstagabend im Stuttgarter Theaterhaus waren sich aber alle auf der Bühne in Saal T 2 sicher: Wenn an diesem Samstag (15.30 Uhr/Liveticker) der VfB Stuttgart den FC Bayern München empfängt, kann es nur einen Sieger geben. Die Weiß-Roten aus Bad Cannstatt. Warum? Darüber wurde viel diskutiert in der Runde unter dem Motto „Hilfe, die Bayern kommen“. Ein Faktor stach am Ende aber heraus.

 

„Arie ist in der Stadt“, sagte Oskar Beck. Der Kolumnist der „Stuttgarter Zeitung“ hatte den Abend vor rund 500 Zuschauern initiiert, las aus seinem Buch „Tor in Stuttgart“ und beschrieb den niederländischen Trainer als „Talisman für Spiele gegen die Bayern“. Nicht ohne Grund. Denn unter der Regie von Arie Haan wies der VfB zwischen 1987 und 1990 eine positive Bilanz gegen den ungeliebten Rivalen von der Isar auf.

„Sobald sie den Namen Haan hören“, mutmaßte Oskar Beck, würden die Münchner „die Augen schließen und den Rosenkranz beten.“ So weit ist es vermutlich nie wirklich gekommen, aber tatsächlich konnte der Niederländer, als Spieler zweimal Vizeweltmeister, schon in seinem ersten Duell als Trainer mit den Bayern punkten. Wie er das gemacht hat am 14. November 1987?

Zunächst einmal hat er einem jungen Stürmer die Nummer „3“ verpasst – was eher unüblich war. Aber Haan hatte sich mit Numerologie beschäftigt, also streifte sich Jürgen Klinsmann („Trainer, ich bin ein Neuner“) eher widerwillig das Shirt mit der „3“ über. Zudem erzählte Haan am Donnerstag in Stuttgart, habe er beim Warmmachen die Münchner Mannschaft genau unter die Lupe genommen – und festgestellt: „Die sind ja alle nur 1,70 Meter groß.“ Daraufhin habe er seinen Spielern in der Kabine erklärt, sie spielten gleich gegen eine Art Jugendmannschaft der Bayern.

Das Jahrhunderttor von Jürgen Klinsmann

Das mangelnde Selbstvertrauen der Württemberger, sagte Arie Haan, „habe ich nie verstanden“. Weil er stattdessen als Spieler „gute Erfahrungen“ in Duellen mit den Bayern gemacht habe, wollte er seinen VfB-Schützlingen die Ehrfurcht nehmen. „Wer sich in die Hose macht, wechselt die Hose und geht raus auf den Platz“, rief er seinen Spielern zu – was anscheinend seine Wirkung nicht verfehlte.

Zwar ist nicht überliefert, ob der damalige Zeugwart Jochen Seitz hernach Bremsspuren in den Hosen der VfB-Spieler entdeckt hat. Gespielt haben sie aber richtig gut. Erst traf Klinsmann traf per Fallrückzieher – Haan: „Ein wunderschönes Tor, schon in seiner Entstehung“ –, obwohl Karl Allgöwer, auch er ein Gast im Theaterhaus, noch gehofft hatte, „dass der Jürgen mir den Ball auflegt“. Fritz Walter und Jürgen Hartmann legten nach, der VfB gewann mit 3:0.

Allgöwer berichtete, wie Arie Haan den VfB-Spielern in diesen Jahren Ende der 1980-er den Spaß am Fußball und den Glauben an die eigene Stärke zurückgebracht hatte – was sich dann eben auch in den Duellen mit dem Rekordmeister auszahlte. „Du musst so führen, dass sich die Spieler gut fühlen“, sagte Haan – und dachte da durchaus auch an den aktuellen Höhenflug des VfB unter dem noch jungen Trainer Sebastian Hoeneß. „Arie hat uns das Gefühl gegeben, dass wir mehr waren, als das, was wir die Monate zuvor gezeigt hatten“, erinnerte sich Allgöwer, „er hat uns auch das Gefühl gegeben, dass wir den Bayern ebenbürtig sein können.“

Das traumhafte Bundesligadebüt von Hansi Müller

Zwar verlor der VfB unter dem Niederländer auch mal gegen die Münchner, dem 3:0 folgten aber auch zwei weitere Siege und ein Unentschieden. 3:3 hieß es im November 1988 – so wie elfeinhalb Jahre zuvor. Als in Stuttgart ein Bundesligastern aufging.

Am ersten Spieltag der Saison 1977/1978 trat der VfB als Aufsteiger unter Jürgen Sundermann vor über 70 000 Zuschauern gegen die Bayern an. Mit dabei: der blutjunge Hansi Müller – der sich aber traute, als seine erfahrenen Kollegen abwinkten. Zweimal trat er gegen den großen Sepp Maier zum Elfmeter an, zweimal verwandelte er. „Ich hatte als 20-Jähriger doch nichts zu verlieren“, erklärte er am Donnerstag seine Nervenstärke.

Die ist auch gefordert, wenn der VfB am Samstag wieder einmal den FC Bayern empfängt. „Wie geht’s aus“, will am Ende des Abends ein Zuschauer der von VfB-Ehrenpräsident Erwin Staudt moderierten Talkrunde wissen. „3:1“ sagte Beck, „2:1“ meinten Staudt und Allgöwer, Müller tippte auf ein „1:0“. Und Arie Haan? „2:1 oder 3:0.“ So hat er als VfB-Coach einst die Münchner besiegt. Am Samstag ist er wieder gefordert – als Glücksbringer.

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