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Tangermünde Kaiser Karls späte Liebe

Von Andreas Steidel 

"Eine gute Geschichte bleibt eben eine gute Geschichte", sagt Tiemo Schönwald, der selbst von der Inszenierung der Vergangenheit lebt. In einer ehemaligen Kirche hat er eine mittelalterliche Erlebnisgastronomie untergebracht. Hat Beichtstuhl und Kanzel zu Esstischen umfunktioniert und einen Waschzuber für Gruppengelage zurechtgesägt. Seit dort die RTL-Sendung "Schwiegertochter gesucht" gedreht wurde, rennen ihm die Gäste die Bude ein.

Der größte Coup ist jedoch das Kuhschwanzbier. Tangermünde verfügte im Mittelalter über die stattliche Zahl von 84 Brauhäusern. Immer wenn Bier gebraut wurde, erging die Aufforderung an die Bauern, dass zeitgleich keine Kuh in der Tanger baden dürfe. Weil sich jedoch stets ein paar nicht darum scherten, erhielt das Bier zumeist eine Art Rindvieharoma. Und hieß fortan Kuhschwanzbier. "Wieder so eine Geschichte", grinst der Gastronom schelmisch und hat aus ihr vor zehn Jahren hopfenbittere Realität gemacht: Die Marke war frei und eine Öko- Brauerei zur Hand, die einen dunklen Sud braute, der mit Hilfe des entsprechenden Etiketts irgendwie historisch schmeckte. Heute ist Kuhschwanzbier der Renner der Tangermünder Gastronomie, die in der Summe immerhin 50 Schanklizenzen zählt.

Der Erfolg der alten Marke ist auch eine späte Wiedergutmachung für das, was der Bierstreit des Mittelalters in Tangermünde angerichtet hat. Im 15. Jahrhundert, als die Stadt ein blühendes Handelszentrum war, hatten die Hohenzollern dort ihre erste Residenz in der Mark Brandenburg errichtet. Es waren jene Hohenzollern, die später ganz Preußen und das Deutsche Reich regieren sollten.

Von den Tangermünder Braumeistern wollten sie eine Biersteuer haben und mussten verwundert feststellen, dass die sie ihnen zu verweigern gedachten. So kam es zu besagtem Bierstreit, der schließlich zum Verlust der Selbstständigkeit und einem Zerwürfnis mit der Landesherrschaft führte: Am Ende verlegte sie ihren Sitz nach Cölln an der Spree, das später unter dem Namen Berlin deutsche Hauptstadt werden sollte.

Berlin statt Tangermünde. Wieder war eine Chance verpasst. Die erste hatte Tangermünde nicht nutzen können, als ein Jahrhundert zuvor Kaiser Karl IV. die Stadt zu seiner Altersresidenz machte. Tangermünde sollte neben Prag und Nürnberg ein Zentrum des Heiligen Römischen Reichs werden und einen Handelsknotenpunkt zwischen Venedig und Hamburg bilden. Karl ließ Schloss, Kirche und Stadtmauer ausbauen und lud zu einem pompösen Hoftag im Sommer des Jahres 1374 ein. Nirgendwo verbrachte der Kaiser in jenen Jahren mehr Zeit als in Tangermünde, die kleine Stadt an der Elbe war seine späte Liebe.

Leider verstarb Karl IV. viel zu früh 1378. Es war das vorzeitige Ende der Kaiserstadt Tangermünde, die nach dem Abzug der Hohenzollern und dem verheerenden Stadtbrand einen rasanten Niedergang erlebte. Im 17. Jahrhundert war aus der reichen Kaufmannssiedlung eine verarmte Ackerbürgerstadt geworden, in der man schlechtes Kuhschwanzbier aus verdreckten Hausbrauereien trank. Zum Glück, wie sich mit großer zeitlicher Verzögerung herausstellen sollte. Denn wo kein Geld ist, wird nicht luxussaniert und der Bestand an mittelalterlichen Gebäuden einfach erhalten. Ende des 19. Jahrhunderts griff Kaiser Wilhelm II. der Stadt unter die Arme und brachte mit seinem Historienfimmel die ruinösen Gebäude auf Vordermann. Dem Bergfried setzte er eine Spitzhaube auf und im Garten des Schlosses platzierte er Denkmäler von Kaiser Karl IV. und Kurfürst Friedrich I., seinem Tangermünder Ahnenherrn auf dem Hohenzollernthron. Die Besucher genießen die Beschaulichkleit auf dem Burggelände. Lassen sich auf einer der Parkbänke nieder und schmökern in ihrem Reiseführer oder Fontanes "Grete Minde" herum. Schlendern zur großen spätgotischen Hallenkirche St. Stephan, auf deren linkem Turm seit dem Stadtbrand das Dach fehlt. Lauschen den leisen Orgelklängen, die aus ihrem Inneren dringen, beobachten die Storchenpaare auf dem Eulenturm oder der Spitze des Rathauses.

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