Tanja Horak pflegt kranke Wildtiere Die Eichhörnchen-Retterin aus Eislingen
Knochenbrüche und blutige Nasen: Tanja Horak aus Eislingen hat es sich zur Aufgabe gemacht, Eichhörnchen das Leben zu retten.
Knochenbrüche und blutige Nasen: Tanja Horak aus Eislingen hat es sich zur Aufgabe gemacht, Eichhörnchen das Leben zu retten.
Manche wären bei diesem Besuch vermutlich enttäuscht. Wer auf Youtube nach Eichhörnchen sucht, stößt auf die tollsten Videos von putzigen Tieren, die durch Wohnungen jagen und mit Menschen kuscheln, als wären sie Haustiere. Bei Tanja Horak hüpft kein Hörnchen durchs Wohnzimmer oder turnt auf der Vorhangstange herum. Im Hause Horak herrscht Ordnung und springt einem kein kesses Tier auf die Schulter.
Seit vier Jahren widmet Tanja Horak ihr Leben den Eichhörnchen. Nach einer Krise sagte sie dem Arbeitsleben Adieu und versorgt seither Eichhörnchen, die in der freien Wildbahn nicht überleben würden. Oft sind es Babys, die aus dem Kobel gefallen sind und sich einen ihrer zarten Knochen gebrochen haben. Die einen wurden vom Auto angefahren, die anderen haben Schneckengift gefressen und werden mit schlimmen Krämpfen eingeliefert. Leider werden auch immer wieder Tiere abgegeben, die in eine nicht abgedeckte Wassertonne gefallen sind.
Die fröhlichen Gesellen, die nun im Garten in einem großen Gehege schaukeln, rennen und toben, haben sich längst von ihren kleinen oder größeren Verletzungen erholt und sind auf dem besten Wege, selbstständig zu werden. Da sie aber keine Vorräte anlegen konnten und keinen Kobel gebaut haben, bleiben sie den Winter zur Untermiete. Sobald das Wetter milder ist, wird Tanja Horak eine Klappe am Käfig öffnen für erste Ausflüge in die Freiheit. Dann beginnt für sie die schwerste Zeit – das Abschiednehmen. Aber für Horak gibt es keinen Zweifel: Wildtiere sollten nicht in Wohnzimmern leben, sondern in der freien Natur.
Aber jetzt muss erst einmal Sofie versorgt werden. Das Eichhörnchen-Baby passt gerade in eine Hand, bringt aber einen gewaltigen Appetit mit. Mit ihren sechs Wochen muss Sofie nur noch alle drei Stunden gefüttert werden. Jüngere Tiere, die noch nackt sind und im wärmenden Inkubator liegen, bekommen alle sogar zwei Stunden eine spezielle Aufzuchtmilch mit einer Spritze ins Mäulchen gespritzt – und das auch nachts. Deshalb zieht Tanja Horak in diesen Phasen aufs Sofa, neben dem die Utensilien schon parat liegen. Ihr Mann ist verständnisvoll: „Er richtet sich danach.“
Eichhörnchen sind Wildtiere und scheu. Auch wenn sie wissen, dass ihre Ersatzmama es gut mit ihnen meint, bleiben sie ängstlich. So ist auch Sofie aufgeregt, als sie mit ihren Krallenfingern die Milchspritze greift und gierig saugt. Als sie leer ist, nimmt Tanja Horak das winzige Wesen liebevoll in die Hand. „Die Kleinen können erst nach acht Wochen selbst pinkeln“, erklärt sie. Damit der Urinfluss aktiviert wird, schleckt die Mutter das Baby ab. Tanja Horak nimmt zur Stimulation Feuchttücher für Säuglinge.
Die Hörnchenhelferin hat sich eine beachtliche Expertise angeeignet und kann inzwischen Kopfschiefhaltungen, Knochenbrüche und temporäre Lähmungen diagnostizieren. Sie hat schon Tiere mit Nasenbluten und Schädelhirntrauma versorgt und weiß, woran man erkennt, ob ein Nerv noch intakt ist. Wenn ein verletztes Tier abgegeben wird, muss sie notgedrungen reagieren, Elektrolyte oder manuelle Therapie verordnen – wie beim kleinen Michael. Bei ihm blieb der Kot stecken und musste herausmassiert werden.
Dass Tanja Horak inzwischen so versiert und professionell ihre Eichhörnchenhilfe betreiben kann, verdankt sie vielen Helfern und Menschen, die ihr Rat geben konnten. Hinter jeder Eichhörnchenhilfe steckt ein beträchtliches Netzwerk. Tierärzte kennen sich meist wenig mit Wildtieren aus, einige haben sich aber nebenbei auf Hörnchen spezialisiert, sie untersuchen und operieren sie ehrenamtlich. Es gibt auch gut organisierte Taxigruppen, die die Tiere abholen und zu Tanja Horak fahren, die doch etwas abseits in Krummwälden im Kreis Göppingen wohnt.
Auch Joachim Dobler hat als Hörnchenchauffeur angefangen – und ist über die Erstversorgung in die Materie hineingewachsen. Inzwischen betreibt er ein paar Dörfer weiter eine eigene Station. Auf seinem Smartphone hat er eine App installiert mit Rufen von Eichhörnchenbabys. So kann er unverletzte Junge neben dem fiepsenden Handy wieder aussetzen. Mit etwas Glück hört die Mutter die Rufe und holt ihr Junges. „Das funktioniert oft“, sagt Joachim Dobler, er hat mithilfe der App-Rufe bereits sechs gesunde Babys in die Familie rückgeführt.
Tanja Horak und Joachim Dobler helfen sich oft gegenseitig, gerade auch dann, wenn zwei Hände nicht genügen. Eine der besonders lästigen Prozeduren steht immer im Sommer bei Neuankömmlingen an. Das Fell muss nach Parasiten abgesucht und das Tier entfloht werden. Das Schlimmste sind Fliegeneier, denn sobald eine Made schlüpft und über eine Wunde in den Körper eindringt, „werden die Tiere innerlich aufgefressen“, sagt Dobler. Also müssen sie das Fell sorgfältig durchkämmen mit einem Bürstchen, das eigentlich für Wimperntusche gedacht ist. „Damit geht es am besten“, sagt Tanja Horak, „denn es darf nicht ein einziges Ei zurückbleiben.“ Jonny war so ein Kandidat, der mit Fliegeneiern übersät war, erzählt Joachim Dobler: „Da hat man zu tun.“
Besondere Sorgenkinder sind aber auch jene Tiere, die mit Zahnfehlstellungen eingeliefert werden. „Wenn die Hörnchen nicht nagen können, nützen sich die Zähne nicht ab und wachsen in den Kopf hinein“, sagt Tanja Horak. Wenn sie ein Tier mit schiefen Zähnen bekommt, „schrillen alle Alarmglocken“, denn das heißt fast immer, dass das Tier vom Tierarzt „euthanasiert werden muss“, wie sie es nennt.
Inzwischen haben die beiden aber von einem Tierarzt gehört, der versucht, Eichhörnchen mit einer Fehlstellung mit einer Zahnspange zu behandeln. Denn wer sich mit Eichhörnchen beschäftigt, verfällt ihnen früher oder später zwangsläufig – und tut immer mehr für sie. „Es sind so lustige und lebensbejahende Tiere“, sagt Tanja Horak, „wer nicht gut drauf ist, muss sie nur anschauen.“
Weil sie so putzig sind, wird im Hintergrund auch für Eichhörnchen ehrenamtlich genäht, gehäkelt und gestrickt. Wenn man das Porto übernimmt, kann man sich von fleißigen Helfern bunte Kobel und Filz- und Stoffkreationen schicken lassen. Das ist nicht nur günstiger als das Zubehör aus dem Tierbedarf, sondern man kann auch sicher sein, dass die Produkte keine Schadstoffe enthalten. Vor allem lassen sich die Handarbeiten in der Maschine auskochen, schließlich bringt manches Tier Krankheiten mit, die sich nicht auf die nächsten Untermieter übertragen dürfen.
In einem dieser bunten Stoffkobel schläft das schwer kranke Finchen. Sie hatte ein Hinterbein gebrochen, eine Blutvergiftung und war auch sonst in einem erbärmlichen Zustand. „Wir haben gedacht, sie überlebt nicht“, sagt Tanja Horak, aber das Antibiotikum hat gut angeschlagen. Trotz aller Fortschritte wird Finchen aber noch operiert werden müssen. Deshalb hat Tanja Horak ihr schon mal das Fell am Bauch rasiert.
So ist mal wieder Bangen angesagt, schließlich weiß man nie, ob die kleinen Kerlchen die Narkose überhaupt überleben. Und doch staunt Tanja Horak immer wieder, wie zäh diese Tiere im Grunde sind. „Sie überstehen Krankheiten, bei denen Menschen längst auf der Intensivstation lägen“, sagt sie. Hier ein riesiger Abszess im Mäulchen, dort ein dick geschwollenes Auge. „Die Tiere haben unheimliche Selbstheilungskräfte“, sagt Tanja Horak „deshalb darf man auch nicht gleich aufgeben.“ Sie hat schon manches Eichhörnchen durchgebracht, das der Arzt bereits einschläfern wollte.
Um die 300 Eichhörnchen hat Tanja Horak bisher aufgepäppelt, aber nicht nur sie hilft den Tieren, sie sagt: „Die Eichhörnchen tun mir gut.“ Deshalb hat sie auch nicht einen Tag lang bereut, eine Eichhörnchenhilfsstation zu betreiben, selbst wenn es sich zu einem Vollzeitjob ausgewachsen hat – und obendrein kostenintensiv ist. Tanja Horak und Joachim Dobler versuchen zwar, mit einem Hörnchen-Fotokalender etwas Geld zu verdienen, aber das meiste zahlen die beiden aus der eigenen Tasche. In Stoßzeiten serviert Tanja Horak allein vierzig Kilo Nüsse pro Monat, aber auch die Arztkosten, Fahrten und Gehege gehen gewaltig ins Geld.
Trotzdem plant Tanja Horak schon ein weiteres Gehege, weil es in der Außenvoliere im Garten schnell zu eng werden kann. Da es viel zu wenig Hilfsstationen gibt, wird Tanja Horak und Joachim Dobler die Arbeit nicht so bald ausgehen. Und prompt klingelt schon wieder das Telefon. Ein Hörnchen ist vermutlich abgestürzt und hat sich eine blutige Nase geholt. So wird es auch heute nichts werden mit einem gemütlichen Feierabend. Tanja Horak nimmt es gelassen. Trotz aller Arbeit, Kosten, Ängste und Sorgen ist ihre Bilanz eindeutig: „Die Freude überwiegt.“