Tante Lene in Esslingen-Mettingen sagt ade Ein Vintage-Laden schließt für immer

Die Buchautorin Claudia Dreizler in ihrem kleinen und feinen Reich. Foto: Roberto Bulgrin

Die Esslingerin Claudia Dreizler schließt nach 18 Jahren ihren Mini-Laden „Tante Lene“ in Esslingen-Mettingen. Am letzten Öffnungstag wartet ein Flohmarkt auf die Kundschaft, zu denen viele Freunde zählen.

Region: Corinna Meinke (com)

Diese Winterpause soll nicht mehr aufhören, das hat Claudia Dreizler entschieden. Die Rede ist von Dreizlers Mini-Lädle „Tante Lene“ in der Schenkenbergstraße 112 in Esslingen-Mettingen, das die umtriebige Esslingerin am Montag, 13. Januar, von 11 bis 19 Uhr zum letzten Mal öffnen wird. Glück auf zehn Quadratmetern, so beschreibt Claudia Dreizler das Lädle im knuffigen Vintagelook, das in den vergangenen 18 Jahren mangels Heizung im Januar und Februar stets seinen Winterschlaf hielt und Claudia Dreizler Zeit zum Erholen bot.

 

Upcycling und Resteverwertung

Bekannt geworden ist die kreative Esslingerin für mindestens zwei originelle Produktreihen: Das sind zum einen ihre Rezepte aus der heimischen Küche, die sie in ihrem Buch „Tante Lene kocht ein“ verewigt hat, und ihre Upcycling-Ideen. Eines Tages sei eine Frau in ihr Lädle gekommen und habe nach ausgefallenen Rezepten rund um Trauben gefragt. Als Claudia Dreizler dann einige Ideen aus ihrem Erfahrungsschatz zum Besten gab, outete sich die Besucherin als Mitarbeiterin des Verlags Thorbecke aus Ostfildern und erklärte: „Ich möchte mit Ihnen ein Buch machen“.

Wem das Losglück winkt, der darf einen der beiden Automaten mitnehmen. Foto: Roberto Bulgrin

Seither lässt sich nachschlagen, wie Marmeladen, Chutneys und Gelees aus saisonalem Obst entstehen, etwaige Reste für Linzer Torte oder hausgemachte Dominosteine taugen und wie Erdbeer-Schäumle und die Dreitagestorte gelingen.

Upcycling hat Claudia Dreizler bereits praktiziert, als es noch Resteverwertung hieß. Und aus diesem sparsamen Umgang mit Textilien sind bunt karierte und geblümte Kissen, Taschen und Beutel entstanden, die die Esslingerin mit Borten und Schriftzügen aufgepeppt hat. Sogar ausgemusterte Landkarten sind auf diese Weise zu neuen Reisen aufgebrochen.

„Immer wieder haben Nachbarn mir etwas vorbei gebracht“. Manchmal war es ein Korb voller Obst, ein anderes Mal eine Beuge mit alten Schürzen oder Nachtwäsche. Und weil Claudia Dreizler schon als junges Mädchen geschickt mit der Nähmaschine umgehen konnte, hat sie viele ihrer Kleidungsstücke selbst entworfen und gefertigt. „Ich war als Kind oft allein, erinnert sie sich an ihr Aufwachsen in der Neckarhalde mit Bruder und Cousins. Da habe sie schon mit fünf Jahre das Stricken gelernt.

Viel Einsatz habe das Herzensprojekt Lädle gekostet, das sie „an Kindes statt“ vor 18 Jahren eröffnete. Zuletzt blieb kaum noch Zeit für Dreizlers kreative Hobbys, das soll sich endlich ändern. Mehrere Jahre habe sie gleich um die Ecke in der Schlosshaldenstraße das „Tante Lene“ sogar zwei Mal pro Woche als Café betrieben. Später kamen Abendmärkte am Lädle dazu samt Sektbar und Verkostung von Likör, Wurst und Käse.

„Ich bin inzwischen montagabends echt kaputt“, berichtet die umtriebige Buchautorin, die sich trotz Abschiedsschmerz auf mehr freie Zeit und ihren runden Geburtstag im April freut. Immer montags sperrte die 59-Jährige jahrelang die schöne Holztür zu ihrem kleinen Reich mit Kirschtapete, Küchenbuffet und alter Kasse auf, und das ehemalige Büro einer Fahrschule mauserte sich zum Treffpunkt für Mettinger Familien und Dreizlers Kundschaft aus nah und fern.

Aus Stammkunden von Tante Lene wurden Freunde

Nicht nur das Lädle mit den selbst genähten, gebackenen, eingekochten und teils auch zugekauften Schätzen und Leckereien haben den Bekanntenkreis der kreativen Esslingerin mächtig anschwellen lassen. Längst sind aus Stammkunden gute Freunde geworden, die Dreizlers ansteckende Fröhlichkeit und ihre Zugewandtheit schätzen.

Das spüren wohl auch die Kinder, die bei „Tante Lene“ nicht nur tief ins Bonbonglas greifen dürfen, sondern auch erleben, wie Einkaufen auf eigene Faust funktioniert. Dazu stehen zwei mit Überraschungen gefüllte Kaugummiautomaten und eine duftende Auswahl an Schleckereien von Brausestäbchen bis Gummibärchen bereit, die Dreizler in bunte Spitztüten verpackt. „Das ist das Schlimmste, mein Geschwisterchen wird hier nie einkaufen können“, habe unlängst ein Sechsjähriger gesagt, der sich mit seinen Eltern auf baldigen Familienzuwachs freut.

„Ich finde eigentlich immer schnell einen Draht zu Kindern“, berichtet die scheidende Ladeninhaberin. Das habe sie auf ihrem beruflichen Weg begleitet, denn so ein Lädle sei zwar ein schönes Hobby, aber nichts zum Geldverdienen, schiebt Claudia Dreizler nach. Auch beim Thema Brotberuf hat die Esslingerin viel zu bieten: Zunächst absolvierte sie eine Ausbildung als Floristin. Da habe sie zwar schon viel Kontakt zu Menschen gehabt, doch noch lieber wollte sie mit Kindern arbeiten, wurde Erzieherin, setzte noch ein Studium der Kunsttherapie drauf und arbeitet heute im Klinikum Esslingen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie.

Mit dem Camper in den Süden

Schon früher habe sie nebenher gefilzt, berichtet Dreizler, während sie in einem Fotoalbum blättert und Beispiele zeigt. Ein Atelier in der Esslinger Innenstadt und ihre Mitarbeit im Fünfeck, dem Fachgeschäft für Handgemachtes in der Franziskanergasse, zählen ebenfalls zum Erfahrungsschatz der Kreativen. Sogar mit einem Verkaufswagen war Claudia Dreizler eine Zeit lang auf Märkten in der Region unterwegs. Heute verreisen sie und ihr Mann gerne mit einem alten VW-Bus T4 in den Süden oder entfliehen auf die Alb zu ihrem Wohnwagen-Dauerstellplatz.

Das Lädle soll weiter Treffpunkt sein, aber wer es wie bespielen wird, ist noch unklar. Am 13. Januar gibt es erst mal Ausverkauf und Flohmarkt – und die beiden Kaugummiautomaten stehen zur Verlosung parat.

Einen Flohmarkt zum Abschluss

Namenspatronin
 Die Namensgeberin Tante Lene war die Großtante von Claudia Dreizlers Ehemann. Diese wird als lebensbejahende Frau und begeisterte Köchin geschildert. Ihr Rezeptbuch hält Claudia Dreizler in Ehren.

Abschied
 Am Montag, 13. Januar öffnet Claudia Dreizler ihr Lädle in der Schenkenbergstraße 112 in Esslingen-Mettingen von 11 bis 19 Uhr zum letzten Mal. Es gibt Kaffee, Kuchen und einen Flohmarkt für die Ladenausstattung

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