Wo Terror war, soll Spaß sein? Beim Swing-Fest im Erinnerungsort Hotel Silber, der früheren Gestapo-Zentrale, haben zahlreiche Gäste jene gefeiert, denen just dieser Spaß mit Gewalt ausgetrieben wurde. Ein heiteres Fest der Selbstbehauptung in Stuttgart.
Größer könnte der Unterschied kaum sein beim Entrée ins einstige Hotel Silber, dessen klassizistisches Foyer, von zwei schlanken Säulen getragen, noch immer einen Hauch von verflossenem Luxus ausstrahlt! Wo sich sonst beim Gang über die Eingangsschwelle des als Gedenkort geretteten Gebäudes ernste Gedanken und latente Beklemmung einstellen, sorgt die ringsum tönende, lässige Swingmusik postwendend für Party-Stimmung. Und für ein Kribbeln in den Beinen samt der federnden Bereitschaft, jetzt gleich loszulegen nach dem handfest in der Luft liegenden Motto: „Let’s swing!“
Im Verborgenen wurde der Lebenslust gefrönt
Wo Terror war, soll Spaß sein? Just dort, wo Polizei und Gestapo den Nazi-Ton exerziert, die blutige Herrschaft durchkonjugiert haben gegen jene, die nicht auf Linie waren? Gegen Individuen aus „Opfergruppen“ jeglicher Couleur, auch gegen die Stuttgarter Swing-Kids, die in finsterer Zeit mit Charleston, Lindy Hop, Balboa, Blues und Shag unverdrossen und im Verborgenen schlicht ihrer Lebenslust frönen und weiter auf Freiheit bestehen wollten. Vereinzelt gibt es tatsächlich immer noch Stimmen, die das für frivol halten.
„Es ist genau richtig, das hier so zu machen“, sagt David Klütting mit Nachdruck. Der Musiker des Ravensburger Gipsy-Trios „Die Drahtzieher“ erklärt auch warum: „Es ist die perfekte Art, mit den überwältigenden Gefühlen umzugehen, den dieser ganze irre Komplex, den das Haus repräsentiert, beim Gedenken auslöst. Es ist wie eine nachgeholte Revanche gegen die Verbrecherbande, die den jungen Leuten den Swing als Lebensstil ausprügeln wollte“. Und Klütting schlägt auch die Brücke in die Gegenwart: „Musik ist das, was Menschen verbindet, sie füreinander öffnet. Swing steht absolut quer gegen all jene, die sich zu Gewalt ermächtigt fühlen wollen, gegen wen auch immer!“
Die Gäste, die das Foyer sukzessive füllen, wissen sowieso, weshalb sie an diesem Abend im Hotel Silber sind, dass sie mit dem Spaß an der Sache eben auch jene feiern wollen, denen just dieser Spaß mit Gewalt ausgetrieben wurde. Daran erinnert auch Elke Banabak, die Geschäftsführerin der „Initiative Lern- und Gedenkort Hotel Silber“, in ihrer kurzen Begrüßung. „Von hier aus hat die Gestapo die Opposition verfolgt und ausgeschaltet und die sogenannte Volksgemeinschaft in allen Bereichen des Lebens durchgesetzt“, wobei sie speziell an den Stuttgarter „Swing-Boy“ Helmut Baumann erinnerte, für den es im Haus eine eigene Erinnerungsstation gibt. Darüber hinaus gelte der Abend der Erinnerung an alle Opfer des Regimes. Kämpferisch schloss sie: „Lasst uns alle miteinander dafür sorgen, dass sich diese Scheißgeschichte nicht wiederholt. Für Vielfalt und nie wieder Faschismus!“
Ein Fest der Selbstbehauptung
Dann aber war Tanzen angesagt, beflügelt durch den hinreißend lässigen „Swing-Schnupperkurs“, den Stuttgarts „Mister Swing“, der Tanzlehrer und DJ Franky Doo, mit Partnerin Liza November vorneweg gab. Als sich mitten im Warm up eine etwas ältere Dame hinzugesellt und ruft: „Ich bin schon 91!“, begrüßen die Besucher die Lady mit Jubel und herzlichem Beifall. Ein Swing-Fest, das Jung und Alt verbunden hat – vor einem speziellen Hintergrund. Ein Fest der Selbstbehauptung auch gegen jene Kräfte, die nun von Neuem ausgrenzen wollen. Und denen Gewaltfantasien nicht fremd sind. Franky Doo brachte das mit einem Zitat der Swing-Legende Coco Schumann auf den Punkt: „Wer den Swing in sich trägt, kann nicht im Gleichschritt marschieren.“