Tanz im Theater Rampe Gefeierte Athleten oder finstere Gang? „Runnin’“ zeigt den Blick auf Schwarze

Zwischen Bewunderung und Bedrohung: Joana Tischkau zeigt in ihrem Tanzstück „Runnin’“ den weißen Blick auf schwarze Körper. Foto: Lennart Brede

Die Choreografin Joana Tischkau stellt in ihrem Tanzstück „Runnin’“ den Blick auf schwarze Körper auf den Prüfstand. Bei der Stuttgart Premiere gab es Standing Ovations.

Stadtleben/Stadtkultur/Fildern : Andrea Kachelrieß (ak)

Ein Mensch, der geht, ist eigentlich etwas völlig Normales. Als Flaneur betrat er im 19. Jahrhundert die Kulturbühne, als weißer Mann mit Zeit zum Müßiggang. Der Tanz entdeckte das entspannte Gehen sehr viel später in den 1970er Jahren und grenzte sich mit dieser Idee einer alltäglichen Bewegung bewusst von der formstrengen Kunst des Balletts ab.

 

Gehen ist also keine neutrale Fortbewegung, das macht bereits die weibliche Perspektive bewusst. So wurde unbegleitetes Spazieren bei Frauen lange als Zeichen der Prostitution gelesen. Jetzt wirft die Choreografin Joana Tischkau einen neuen Blick auf diese nur vermeintlich neutrale Form der Bewegung – und zwar aus einem rassismuskritischen Blickwinkel. „Runnin‘“ heißt ihr in Berlin herausgekommenes Tanzstück, das am Wochenende im Theater Rampe Stuttgarter Premiere feierte. Und schon die erste Szene findet ein kühnes Bild für den weißen Blick auf schwarze Körper: Im Nebel bewegen sich mit Prothesen und Protektoren gerüstete Körper primatenähnlich und greifen weiße Fantasien auf, die schwarzen Athleten übernatürlich starke, aber irgendwie auch primitivere Kräfte zuschreiben.

Hier ist nichts, wie es scheint

Rund 70 Minuten lang ziehen drei Performerinnen und ein Performer in „Runnin‘“ ihre Kreise, angetrieben von wabernden elektronischen Klängen und herzschlagähnlichen Beats, die das Gehen immer wieder zum Sprint steigern. Die bunten Outfits kennzeichnen das unermüdliche Quartett (Sharlan Adams, Dominique McDougal, Shanice Trustfull und Sophie Yukiko) als Sportler; vier Straßenlaternen markieren den Raum als öffentliche Bühne. Doch der spiegelnde Boden unterstreicht: Hier ist nichts, wie es scheint.

Und so kippt die Situation ständig. Freundliches Winken und Herzchengesten zeigen Sportler im Sieger-Modus, doch plötzlich beschleunigt das Tempo, macht panische Mimik ihren Lauf zur Flucht. Schauen wir bedrohlichen oder bewundernswerten Akteuren zu? Ein finsterer Blick oder ein herzliches Lächeln kann alles ändern. Sehr echt aussehende (Wasser-)Pistolen ebenso; sie verwandeln die Vier von Staffelläufern in eine gefährliche Gang, machen sie dann, begleitet von Tracy Chapmans „Revolution“-Hit, zu gejagten Rebellen, die in Zeitlupe sterben – um als Superhelden wieder aufzuerstehen.

Die eigene Wahrnehmung steht auf dem Prüfstand

Joana Tischkau zeigt mit „Runnin‘“, was es heißt, sich mit einem schwarzen Körper im öffentlichen Raum zu bewegen. Die Choreografin bietet keine Analyse oder Handlungsanweisung für ein besseres Miteinander, eher Prüf-Bilder, um selbst seine Wahrnehmung abzuchecken. Das Erschrecken über eigene Ängste oder das Hineinempfinden in die Ängste anderer macht den Unterschied aus. Im traditionellen „Black History Month“ Februar lockte das Stück bei der ersten Vorstellung viel Publikum in die Rampe, das „Runnin’“-Team und wurde mit Standing Ovations belohnt.

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