Es ist Dienstagabend, 19.45 Uhr, unweit vom Stuttgarter Rotebühlplatz. Noch 15 Minuten lang hat der Kopf das Sagen. Darin rattert es mächtig. Wo ist jetzt dieses Studio Jaijaima? Was ist das überhaupt für ein Name! Oh nein, im fünften Stock! Lieber Fahrstuhl oder ist das peinlich? Socken an oder aus? Und wohin mit der Wasserflasche? Fragen über Fragen. Klar ist nur so viel: Gleich beginnt eine offene Tanzveranstaltung, die einen erlösen soll von all dem gedanklichen Klein-Klein, das den lieben langen Tag im Hintergrund rauscht.
Die Tanzveranstaltung nennt sich Fünf Rhythmen – diese stehen in chronologischer Reihenfolge für die Phasen flowing, staccato, chaos, lyrical und stillness. Die Erfinderin Gabrielle Roth (1941-2012) hat ein ganzes Buch über die archaischen Bezüge dieser fünf Rhythmen geschrieben. Für den Anfänger reicht jedoch erst mal die Verheißung, dass der Tanz das Potenzial habe, das Denken zum Schweigen zu bringen und „uns wieder mit der Weisheit unserer Körper zu verbinden“. Gabriele Roth sagte zu Lebzeiten: „Wenn du deine Seele in Bewegung bringst, dann heilt sie sich selbst.“ Harte wissenschaftliche Belege gibt es dazu sicherlich nicht. Dennoch sind die Fünf Rhythmen eine Erfolgsgeschichte. Sie werden heute in mehr als 50 Ländern getanzt.
Es ist fast 20 Uhr. Der Raum, in dem der Körper das Regiment übernehmen soll, füllt sich. Der Kopf ist allerdings noch keineswegs bereit, Platz zu machen. Er zählt an die 30 Personen und fragt sich, woher die bloß alle kommen. Vielleicht kann die ältere Dame im Walle-Walle-Kleid, die so freundlich schaut, weiterhelfen: Ob sie die Leute hier kenne? Sie blickt ein wenig mitleidig auf den nervösen Neuling. „Ich bin jetzt ein halbes Jahr dabei, kenne aber keinen einzigen Namen“, sagt sie. „Aber ich kenne trotzdem jeden.“
Schnell wird klar, wer schon länger dabei ist. Ein blonder Jüngling, kaum dass er den Raum betreten hat, schüttelt seinen Kopf hin und her und macht dabei schnaubende Geräusche. Andere Teilnehmer rekeln sich katzenartig oder schütteln sich, als hätten sie elektrische Schläge abbekommen. Dabei hat die Musik noch gar nicht eingesetzt. Ein unscheinbarer Mann mit Halbglatze legt sich in Embryonalhaltung auf den Fußboden und rührt sich die nächste halbe Stunde nicht vom Fleck. Die Neulinge positionieren sich zum Schutz vor Blicken in den hintersten Ecken und schauen mit großen Augen dem Geschehen zu.
Grundbedürfnis seit Menschengedenken
Amala Petra Storm, die Veranstalterin, nimmt Platz hinter dem Mischpult. Sie macht nicht viel Worte. „Folgt der Stimme eures Körpers“, sagt sie. „Es geht nicht darum, wie du aussiehst, es geht darum, wie du dich fühlst.“ Geschmeidige Musik setzt ein. Amala benennt Körperteile mit sanfter, ausdrucksloser Stimme, von oben nach unten. Ihre Stimme lenkt hinaus aus dem Kopfkino, hinab in die pochenden Ohren und weiter in den steifen Nacken. Hier hängen die Nervensägen fest – Stress, Leistungsdruck, Sorgen und Ängste. Köpfe beginnen der Schwerkraft nachzugeben, zu kreiseln, um 180 Grad, um 360 Grad. Physiotherapeuten würden bei dem Anblick Schnappatmung kriegen. Schließlich die Ankunft in den Füßen: „Verbinde dich mit dem Boden. Spüre wie er dich trägt“, wispert Amala. Füße dürfen hier alles, scharren, stampfen, gleiten, frei von Schrittabfolgen und Zählzeiten.
Tanzen ist ein Grundbedürfnis des Menschen. Auf allen Kontinenten fand man in Höhlen Wandkunst mit tanzenden Menschen. Über den Ursprung des Tanzes schreiben Historiker, dass der Mensch „alles, was er erlebt, ersehnt, fühlt und begreift, mit dem Körper ausdrücken muss“. Mit dem Aufkommen der christlichen Religionen wurde der Tanz vorübergehend zum Teufelszeug. Mit der Renaissance entfaltete er sich dann wieder zur Kunstform, die im 19. Jahrhundert ihren Höhepunkt im Spitzentanz fand.
Anfang des 20. Jahrhunderts setzte dann die Gegenbewegung ein: Beim Ausdruckstanz wird nichts mehr vorgeschrieben. Die Bewegungen sollen von innen heraus entstehen, geleitet von Gefühlen und Stimmungen. Rudolf von Laban, einer der Begründer, versprach sich nichts Geringeres als eine bessere Welt „durch eine Befreiung des vom Geist bevormundeten Menschen“. Hier liegen auch die Wurzeln der Tanztherapie.
Der Rhythmus zieht an. Befinden wir uns schon in der Staccato-Phase? Ein untersetzter Mann im Muskelshirt beschreibt mit seinen Armen ruckartig ein imaginäres Viereck vor seiner Brust. Ein anderer etwas älterer Herr schwankt von einem Bein aufs andere und öffnet und schließt bei jedem Wechsel seine angewinkelten Arme wie ein Falter. Andere Tänzer bewegen sich erratischer, scheinbar unkoordiniert oder drehen sich wie Sufis im Kreis. Oder sie gehen in die Knie, zu Boden, wälzen sich über den Rücken und schnellen wieder in die Höhe. Auch Paartanz scheint erlaubt. Der blonde Jüngling gleitet mit seinem Arm am Rücken einer Frau vorbei. Sie schmiegt ihren Kopf in seine Achsel. Er stößt sie spielerisch wieder weg und geht zur nächsten Tänzerin. Ein Hauch von Dirty Dancing liegt in der Luft.
Wie Jennifer Beals in Flashdance
Die Rhythmen beginnen sich zu überlagern. Das Chaos nähert sich. Selbst der Mann auf dem Fußboden hat seine Embryonalhaltung aufgegeben und wippt nun im Sitzen mit dem Oberkörper. Der Tanz wird raumgreifender, die Unfallgefahr nimmt zu. Frauen um die 50 queren den Raum mit Sprüngen wie Jennifer Beals in Flashdance. Harte Technobeats, spitze Schreie, Schweißperlen, Fausthiebe und Tritte in die Luft. Alles darf raus, was sich angestaut hat. Es ist Zeit für Ekstase.
Gabrielle Roth schrieb über diesen Zustand: „Jahrhundertelange Traditionen haben unser natürliches Bedürfnis nach Ekstase unterdrückt.“ Dabei habe dieser „vom Ego befreite Zustand heilende Wirkung. Wir können ihn jedoch nicht erreichen, wenn Körper, Geist und Seele voneinander getrennt sind. Der schnellste Weg, um eins zu werden, ist es, alles miteinander in Bewegung zu bringen.“
Die Amerikanerin durchlebte selbst eine Phase, in der Geist und Körper gegeneinander gearbeitet hatten. Sie wollte eigentlich Balletttänzerin werden. Dafür hungerte und disziplinierte sie ihren Körper. Als ihr Knie nicht mehr mitmachen wollte, fiel sie in eine tiefe Depression. Erst als sie die Ambitionen fallen ließ und begann, in Therapiegruppen Tanz zu unterrichten, entdeckte sie seine heilsame Wirkung. „Manchmal bewirken zwei Stunden Bewegung soviel wie zwei Jahre auf der Couch“, schrieb sie in ihrem Buch „Sweat your prayers“ (wörtlich: Schwitze deine Gebete). Wie stark sich mentales Leid im Körper manifestiert, beschreibt auch der niederländische Psychiater und Traumaexperte Bessel van der Kolk in seinem Bestseller „Der Körper erinnert sich“. Van der Kolk betont darin die Bedeutung von „Bewegungsübungen“, um die im Körper gespeicherten Traumata zu lösen.
In Japan ist man noch einen Schritt weiter gegangen. Katsugen Undo heißt eine verbreitete Bewegungsgymnastik, die ohne Musik auskommt. Nach ein paar Entspannungsübungen bestimmt der Körper selbst den Rhythmus, mit dem er sich bewegen will. Ihr Erfinder Haruchika Noguchi (1912-1976) sagte zu Lebzeiten, dass Körperbedürfnisse und überschüssige Energien, die gewöhnlich unterdrückt werden, die Arbeit von selbst machten. „Wir gähnen und strecken uns unbewusst, ohne das je gelernt zu haben. Wenn wir diese instinktiven Fähigkeiten kultivieren, werden wir seltener krank.“ In Youtube-Videos sieht man, wie Katsugen-Schüler meist im Fersensitz wippen, sich rekeln, schütteln. Die Übung endet, wenn die Bewegungen von sich aus nachlassen, meist nach 15 bis 20 Minuten. Dann sei der Körper wieder „in guter Ordnung“, so Noguchi.
Auch für Diskophobe und „Taktklopfer“
Bis alle fünf Rhythmen durchgetanzt sind, vergehen dagegen gut zwei Stunden. Es wird „lyrical“. Die Technobeats ebben ab, gehen über in perlende Klangteppiche. Der untersetzte Mann gibt seine Vierecke auf und formt nun wellenförmige Girlanden. Eine junge Frau, die sich lange Zeit an der Wand entlang hangelte, tänzelt nun im Zickzack durch den Raum, als würde sie über eine Wiese laufen und hie und da Blumen pflücken. Ihre Freude wirkt ansteckend. Ob sie merkt, dass sie verfolgt wird? Beim Lauf durch den Saal kreuzen sich die Blicke, überall leuchtende Augen, ohne Arg.
Amala Petra Storm verlässt ihr Mischpult und kreiselt sich in die Menge. Nichts ist peinlich, niemand uncool. Das mache diesen Raum so einzigartig, sagt Amala später. „Wir haben etliche Nicht-Tänzer, so nenne ich sie mal.“ Damit meint sie „Diskophobe, Taktklopfer, Vertreter der IT-Branche, Senioren mit Hüftsteife, Schwerfällige“. Manche tanzen mehr mit den Händen als mit den Füßen. Sie kommen, weil keiner wertet. Wo gibt es das sonst außer im eigenen Wohnzimmer? Eine Frau mit barocker Figur sagt später in der Umkleide, sie habe bei den Fünf Rhythmen ihre ganze Körperscham verloren. „Alles weggetanzt.“
Auch Amala Petra Storm, 63, kam über eine Leidensgeschichte zu den Fünf Rhythmen. „Ich war mit 20 schüchtern, introvertiert, unglücklich.“ Über Therapien habe sie das Tanzen schätzen gelernt, über eine Kette von Zufällen sei sie dann in einem Workshop von Gabrielle Roth gelandet. „Ich war nur Physiotherapeutin, hatte keinerlei Tanzausbildung.“ Trotzdem wurde sie von Roth angenommen. Die fünf Rhythmen haben aus ihr einen völlig anderen Menschen gemacht, wie sie sagt. „Sie haben meine Seele von vielen Ketten befreit.“
Nach zwei Stunden verklingt die Musik. Amala bittet zum Sitzkreis. Jeder nehme die Hände des Nachbarn. Die Gruppe schweigt gemeinsam. Unter normalen Umständen würde sich ein gewisses Unbehagen breit machen. Doch der Körper ist erschöpft. Und der Kopf endlich still.