Der Krieg in der Ukraine ist in den Hintergrund gerückt, für die Mehrheit der Deutschen steht wieder das Geld im Vordergrund. Eine aktuelle Umfrage zeigt: Der Komplex Kosten, Preise, Löhne gilt derzeit als wichtigstes Problem. Die Sorgen um den Wohlstand wachsen zusehends.
Mit einer hohen Lohnforderung von sieben bis acht Prozent nimmt die IG Metall diese Stimmungslage offensiv auf. Die gewohnt akrobatische Herleitung ist diesmal besonders spannend. Die Teuerungsrate von vermutlich mehr als 7,0 Prozent im Durchschnitt des Jahres spielt dabei die zentrale Rolle. Die IG Metall hat sich auf die Fahnen geschrieben, die Kaufkraft ihrer Beschäftigten zu erhalten, sieht dabei aber auch die Politik in der Pflicht. Ohne weitere staatliche Entlastungspakete müsste die Lohnforderung zweistellig ausfallen, lautet die Devise – als übe sie sich gerade in großer Bescheidenheit.
Auch die Ampelkoalition muss Farbe bekennen
Somit kommt dem ersten Treffen der sogenannten Konzertierten Aktion am 4. Juli mehr als nur der Wert eines Fototermins zu, denn da muss die Ampelkoalition Farbe bekennen. Richtig ist: Tarifpolitik allein kann die Teuerung nicht ausgleichen – die Folgen für die Industrie wären desaströs. Neue Milliardenerleichterungen für die Bevölkerung durch den Staat werden sich aber nur mit einer anhaltenden Abkehr von der Schuldenbremse oder höheren Steuern etwa auf übermäßige Krisenprofite finanzieren lassen. So versucht die IG Metall nicht weniger als eine Umverteilungspolitik zugunsten der Beschäftigten in Gang zu bringen. Damit dreht sie ein ziemlich großes Rad und legt zugleich eine Lunte an die Ampelkoalition.
Metallarbeitgeber von Streiks bedroht
Dass die Metallarbeitgeber wiederum von der Konzertierten Aktion ein Signal der tarifpolitischen Mäßigung erhoffen, ist klar. Sie wollen nach Coronakrise, Lieferkettenquälerei sowie Energiepreisschock endlich durchstarten. Von den Einschränkungen sind sie höchst unterschiedlich betroffen. Die oftmals vollen Auftragsbücher machen sie anfällig für Streiks. Anders als in der Pandemie und in früheren Krisen ist die IG Metall aber diesmal nicht zur Zurückhaltung bereit – aus Angst, dass die Basis meutert, weil sie wegen der exorbitanten Inflationsrate endlich wieder eine echte Gehaltssteigerung sehen will.
Verantwortungsbewusstsein ist unumgänglich
Vor jeder Lohnrunde werden die Aussichten konträr gezeichnet – diesmal sind die Wahrnehmungsunterschiede besonders groß. Abseits der Tarifpropaganda zeigt sich in jedem Fall eine große Verunsicherung. Niemand kann sicher vorhersagen, wie es weitergeht für die Industrie. Ein Lieferstopp für russisches Gas etwa würde sie hart treffen. Angesichts all der Risiken ist in der Tarifrunde mehr denn je Fingerspitzengefühl und Verantwortungsbewusstsein gefragt.