Tarifkonflikt bei der Bahn Weselskys Durchbruch

Die Deutsche Bahn und die Lokführergewerkschaft GDL haben sich auf ein Regelwerk geeinigt, das zumindest fünf Jahre Ruhe bringen soll. Die Schlichter Bodo Ramelow und Matthias Platzeck haben somit vor allem Zeit gewonnen, urteilt Matthias Schiermeyer.

Geballte Zufriedenheit: GDL-Chef Claus Weselsky, Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linkspartei), der frühere brandenburgische Regierungschef Matthias Platzeck (SPD) und Bahn-Personalvorstand Ulrich Weber (von links) stellen den Kompromiss vor. Foto: dpa
Geballte Zufriedenheit: GDL-Chef Claus Weselsky, Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linkspartei), der frühere brandenburgische Regierungschef Matthias Platzeck (SPD) und Bahn-Personalvorstand Ulrich Weber (von links) stellen den Kompromiss vor. Foto: dpa

Berlin - Was ist dem Mann nicht alles vorgeworfen worden: Claus Weselsky sei ein Egozentriker mit Profilneurose, der die Bahn-Kunden für die Belange einer kleinen Beschäftigtengruppe in Geiselhaft nehme. So lautete eines der wenig schmeichelhaften Urteile über den Chef der Lokführergewerkschaft GDL. Monatelang zog er sämtliche Giftpfeile der Öffentlichkeit auf sich, weil er seine Mitglieder immer wieder in Streiks bei der Deutschen Bahn beorderte und damit die Republik nervte. Man darf gespannt sein, wie er künftig beurteilt wird – als unerschrockener Vorkämpfer für die Koalitionsfreiheit? Denn unterm Strich hat Weselsky seine Kernanliegen im härtesten Tarifkampf der jüngeren deutschen Geschichte mit erstaunlicher Beharrlichkeit durchgesetzt.

Seine Gewerkschaft darf nun eigenständige Tarifverträge für das gesamte Zugpersonal abschließen, nicht nur für die Lokführer. Daneben ist ein in diesem Umfang beispielloses Regelwerk entstanden, das nicht zuletzt die enormen Belastungen der Beschäftigten reduziert. Dies geht auch die Kunden an: Im Übermaß gestresste Lokführer sind für die Allgemeinheit ein Risiko. Vier Millionen Überstunden im Schienenkonzern sind ohnehin ein Armutszeugnis für das Management – es bestand akuter Handlungsbedarf. Die Entgelterhöhung von insgesamt 5,1 Prozent bis September 2016 gerät diesmal eher zur Nebensache.

Auf die beiden Schlichter kam es an

Natürlich wäre vieles von dem, was nun vereinbart wurde, bei ausreichend gutem Willen der Beteiligten früher denkbar gewesen. Weil beide Seiten ihn vermissen ließen, brauchte es gute Mediatoren. Ohne die um größtmöglichen Ausgleich und Vertraulichkeit bedachten Vermittler Bodo Ramelow und Matthias Platzeck wäre das Ergebnis nicht möglich gewesen. Sie haben das Instrument der Schlichtung optimal genutzt, während im Kita-Streit unlängst noch ein Misserfolg zu verzeichnen war.

Denn auch für die Bahn-Führung war es ein langer, beschwerlicher Weg hin zum Kompromiss. Selbstherrlich hatte sie bis weit in das laufende Jahr hinein gedacht, sie könne die GDL außerhalb des Tarifbereichs der Lokführer der Konkurrenzgewerkschaft EVG unterordnen. Gewiss hat neben der Einsicht in die Realitäten auch Druck seitens der Bundesregierung zum Konsenskurs des Staatsbetriebes geführt.

Hoffnung auf neue Sozialpartnerschaft

Künftig agieren die beiden Gewerkschaften auf Augenhöhe. Der Vorteil für die Bahn-Kunden: bis mindestens 2020 dürfte kein Tarifkonflikt mehr aus dem Ruder laufen, weil die Arbeitgeberseite jederzeit die Schlichtungskarte ziehen könnte. Bis dahin, so die Hoffnung der Vermittler, soll eine neue Form der Sozialpartnerschaft zwischen der Bahn und den bisher so verfeindeten Gewerkschaften entstehen. Eine Garantie dafür gibt es auch diesmal nicht – aber die Voraussetzungen sind geschaffen.