Es ist erst der Anfang – noch stehen sie nicht fahnenschwenkend, trillerpfeifend und skandierend auf der Straße. Und noch ohne die arbeitskampfübliche Emotion lassen sich etwa 300 Betriebsräte aus ganz Baden-Württemberg auf einer Konferenz im Stuttgarter Gewerkschaftshaus auf die am 13. April startende Tarifrunde im baden-württembergischen Einzelhandel einstimmen – auf „eine der bisher schwierigsten Tarifrunden überhaupt“, wie einer der Arbeitnehmervertreter versichert.
Die Tarifkommission hat schon die Richtung vorgegeben: 15 Prozent höhere Gehälter sollen für die 490 000 Beschäftigten erkämpft werden – es ist die höchste Messlatte, die Verdi seit Bestehen der Gewerkschaft im Einzelhandel aufgelegt hat. Landesvize Maike Schollenberger schlägt den Ton der nächsten Monate an: „Wir werden Kampfkraft und Durchsetzungsfähigkeit benötigen – ohne Streik wird sich nichts verändern.“ Von sofort an gelte es jedes Gespräch zu nutzen, um für eine Beteiligung zu werben. „Jetzt kommt es auf jeden und jede an“, ermuntert sie, „es den Kolleginnen und Kollegen im öffentlichen Dienst und bei der Post gleichzutun.“
„Jetzt müssen wir uns zu Wort melden“
Wolfgang Krüger, der Handelsexperte bei Verdi, hat schon erfahren: Bei den Beschäftigten gebe es das große Bedürfnis, zum Ausdruck zu bringen: „Wir haben im vorigen Jahr so viel draufgelegt – jetzt müssen wir uns zu Wort melden.“ Eine zu niedrige Lohnforderung wäre demnach ein Signal an die Beschäftigten, „dass wir sie nicht ernst nehmen, weil sie schon das Gefühl haben: Was sie einbringen, wird von den Arbeitgebern nicht ausreichend geschätzt“, schildert der Landesfachbereichsleiter. Die Vorgabe der Basis laute: „Jetzt müssen wir Laut geben, dass wir gehört werden – unsere Gewerkschaft muss sich dafür einsetzen und darf nicht frühzeitig zurückstecken.“ Die emotionale Betroffenheit sei größer als in früheren Runden. Dabei werde in Kauf genommen, „dass das Ganze dadurch schwieriger wird“.
Frei von Polemik stellt der Verhandlungsführer den Betriebsräten die Ausgangslage dar, spricht über die Preissteigerungen im Handel und die Inflationsgewinne der Unternehmen. „Es wird weiterhin gutes Geld verdient“, hält er den Arbeitgeberklagen entgegen. Gerade die Multimilliardäre unter den Eigentümern – an der Spitze Dieter Schwarz (Kaufland/Lidl) – gehörten zu den Krisenprofiteuren.
Wie klarkommen mit 2832 Euro brutto im Monat?
Die Teuerung belastet die Beschäftigten sehr. „Die Inflation wird als eine nicht zu kalkulierende Bedrohung empfunden“, sagt Krüger. Der sogenannte Ecklohn (Gehaltsgruppe II, 6. Berufsjahr), der für das Gros der Belegschaften gilt, beträgt im Südwesten 2832 Euro brutto im Monat. Gerade in den unteren Entgeltstufen von um die 2000 Euro ist Armut im Alter fast programmiert: Knapp 90 Prozent der Beschäftigten im Einzelhandel erreichen nach 40 Arbeitsjahren keine 1000 Euro Nettorente. „Das ist auch in dieser Runde unser großes Problem“, stellt Krüger fest. Hinzu kommt, dass der Handel viele Teilzeitkräfte beschäftigt, die sich von dem, was sie verdienen, erst recht kaum über Wasser halten können. Am Ende bräuchten die Menschen mit ihren Minirenten staatliche Unterstützung – „ein Skandal ist das“.
Besonders „hoch besetzt“ sei diesmal die Forderung nach einer Laufzeit von zwölf Monaten, sagt der Verhandlungsführer. „Das ist für uns etwas ganz Zentrales.“ Hauptgrund ist die Erfahrung mit dem Tarifabschluss von 2021 – da habe man infolge der 1,7 Prozent in der zweiten Stufe „massiv draufgelegt“. Auf mehr als fünf Prozent taxiert Krüger den Reallohnverlust allein im vorigen Jahr.
Das Ziel der kurzen Laufzeit erzeugt freilich einen Druck, die Tarifrunde noch vor der Sommerpause zu Ende zu bringen. Bei zwölf Monaten „sollten wir früher zum Abschluss kommen“, meint Krüger. Wenn sich der Tarifkampf bis in den Herbst hinziehen würde, müsste man danach gleich die nächste Tarifrunde vorbereiten. „Die Beschäftigten brauchen schnell mehr Geld“, befindet auch ein Betriebsrat von Rewe/Penny aus dem Rhein-Neckar-Raum, der immerhin auf einen zehnprozentigen Mitarbeiterrabatt als Inflationsausgleich verweisen kann. Er hat jedoch Zweifel, dass dies tatsächlich gelingt.
Neidvoller Blick auf den öffentlichen Dienst oder die Post
Die Friedenspflicht ist ausgelaufen – schon Ende April könnte es erste Aktionen geben. Wenn es um Streiks geht, können die Betriebsräte im Handel nur neidvoll auf den öffentlichen Dienst oder die Post schauen. Sie haben auch mit einem niedrigen Organisationsgrad zu kämpfen: „Alle regen sich auf, aber in die Gewerkschaft gehen nur wenige“, kritisiert der Kaufland-Betriebsrat.
Hinzu kommt die niedrige Tarifbindung der Unternehmen. Bundesweit sind 28 Prozent der Beschäftigten bei einem Arbeitgeber mit Branchen- oder Haustarifvertrag tätig. Letztlich soll Krüger deutlich mehr Geld für eine kürzere Laufzeit als sonst in erhöhtem Tempo aushandeln – in einer für Teile der Branche hochdiffizilen Lage. Es wäre so etwas wie die Quadratur des Kreises.