Tarifkonflikt in der Metallindustrie Warnstreik bei Porsche – die Unsicherheit hält an

Stimmungsvoller Auftakt der Warnstreikphase: Gleich nach Mitternacht ist die Porsche-Nachtschicht in den Ausstand getreten. Foto: /Julian Rettig

Nach dem Ende der Friedenspflicht in der Metall- und Elektroindustrie legen bei Porsche etwa 4500 Beschäftigte der Nacht- und Frühschicht die Arbeit nieder. Die Stimmung wird erheblich beeinträchtigt von der drohenden Eskalation beim Volkswagen-Konzern.

„Gib mir den Beat“, fordert Egzon den DJ auf und rappt los – binnen zwei Wochen hat er ein Stück eigens für seine Auftritte beim Warnstreikauftakt von Porsche produziert. Um was es in dem Song konkret geht, abgesehen von der IG Metall und ihrer Lohnforderung, ist kaum zu verstehen. Hauptsache, der V8-Motoren-Werker und Hobbyrapper bringt die Massen in Wallung.

 

„Sieben. . .“ rufen Egzon und die anderen IG-Metall-Animateure gefühlt hundertfach von der Ladefläche des Lautsprecherwagens in die Menge. „Prozent“, kommt das Echo zurück. Auch der Slogan „Solidarität. . . gewinnt“ wird so immer und immer wieder skandiert. Zusammenhalt ist in dem Autokonzern gerade wichtiger denn je.

Auch die Werkskantine wird bestreikt

An die 8000 Menschen arbeiten in Zuffenhausen in der Produktion. Rund 4000 Beschäftigte der Frühschicht und einige Dutzend vom Standort Weissach haben an diesem Dienstagmorgen die Arbeit niedergelegt. So bewegt sich eine Menschenschlange vom Porsche-Platz quasi einmal um den Block fast bis zum Werkseingang zurück. „Sag ich doch: Wir können mobilisieren“, sagt ein zufriedener Betriebsratsvorsitzender Harald Buck am Rande. Auch die Küche sei in den Ausstand gerufen worden. „Die Kantine ist zu, so spüren auch Beschäftigte den Streik, die sich heute nicht beteiligen.“

Es könnte eine ganz normale Streikkundgebung sein, hätte nicht am Vortag der Betriebsrat von Volkswagen über die Kahlschlag-Pläne der VW-Spitze berichtet. Buck lässt die Krise in Wolfsburg in seiner Rede aus und streift die Probleme bei Porsche indirekt: „Lohnzurückhaltung schafft keine Arbeitsplätze“, bekräftigt er. „Unsere schwierige Lage hat ganz andere Ursachen als hohe Löhne – wir sind nicht die Ursache.“

Schon in der Nacht war es gleich nach dem Ende der Friedenspflicht in der Metallindustrie losgegangen: Um 2 Uhr hatten sich rund 500 Warnstreikende vor dem Porsche-Museum zur Kundgebung getroffen – stimmungsvoll mit Fackeln in der Hand. Bettina Buck, die in der Sattlerei bei Porsche arbeitet, sagt, es gehe ihr nicht nur um ihren Arbeitgeber. „Ich streike für alle Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie, gerade auch für kleinere Unternehmen als unseres.“

Während in Wolfsburg die Eskalation bevorsteht, kippt in Zuffenhausen zumindest die Stimmung: Insgesamt rund 2000 befristete Verträge sind schon gekündigt worden oder werden nicht verlängert. Das schmerzt auch die Stammbelegschaft: In seiner Abteilung hätten bereits zwölf Kollegen gehen müssen, schildert ein Montagearbeiter, der nicht namentlich genannt werden will. „Alles gute Kollegen und auch Freunde.“ Dies weckt auch Befürchtungen, dass die Krise bei VW „auf uns abfärbt“, wie der 35-jährige Familienvater meint. Dass bei Porsche vergleichsweise gut verdient wird, verkennt er nicht. Doch setzt der Mann darauf, dass er für seine kleine Familie den erreichten Lebensstandard erhalten kann.

Auch die Angestellten dürften betroffen sein

Tatsächlich muss sich die gesamte Belegschaft darauf einstellen, dass wegen der Nachfrageschwäche insbesondere in China weniger Autos gebaut werden – schon jetzt gibt es praktisch keine Samstagsschichten in der Produktion mehr. Und wenn bis nächsten Sommer alle befristeten Kräfte verabschiedet werden, dürfte die Misere auch an den Angestellten nicht komplett vorbeigehen. Denkbar wäre es zum Beispiel, mehr Leute in die Altersteilzeit zu schicken.

Wohl auch deswegen hatten der Gesamtbetriebsrat und die Vertrauenskörperleitungen vor zwei Wochen eine für Porsche wohl einzigartige Erklärung veröffentlicht, in der das Management aufgefordert wurde, Farbe über die aktuelle Lage zu bekennen und nicht den Arbeitnehmervertretern die Hiobsbotschaften zu überlassen. Wie man auch in Wolfsburg sehe, „zieht sich diese Haltung durch den gesamten Konzern“, kritisieren die Arbeitnehmervertreter nun.

Bei den Angestellten, die die bisherigen Regelungen zum Mobilen Arbeiten unbedingt erhalten wollen, sei das Echo auf die Erklärung „sehr positiv“ gewesen, heißt es. Der Vorstand des Sportwagenbauers hat darauf demnach eher beleidigt – also praktisch nicht – reagiert, anstatt Position zu beziehen.

Die Unsicherheit hält also an. „Wir haben noch die Hoffnung, dass unsere Verträge entfristet werden“, bekennen fünf Männer aus der Motorenfertigung am Rande der nächtlichen Kundgebung. Dabei nehmen sie ihren Arbeitgeber auch in Schutz: „Die EU hat das Verbrenner-Aus ab 2035 beschlossen – Porsche reagiert nur darauf, was die Politik vorgibt.“ Die Arbeitgeber in der Autoindustrie sollten sich zusammentun, um das europäische Vorhaben noch zu stoppen.

Egzon statt Hück – um die Menge in Schwung zu bringen

Wo sich früher ein Betriebsratsvorsitzender namens Uwe Hück schier die Kehle aus dem Hals geschrien hat, rappt nun Egzon. Schon um 3 Uhr in der Früh hat er auf der improvisierten Bühne gestanden, um mit seinem Song die Menge munter zu machen. Vertrauensleute hätten den Musiker in der Belegschaft „ausgegraben“, sagt Buck über Egzon. Musik verbinde, meint der Kfz-Mechaniker und Familienvater. „Wir lassen nicht mehr locker, bis sich endlich was bewegt.“ In der nächsten Woche dürfte er eine weitere Gelegenheit bekommen, den Tarifkonflikt in Schwung zu bringen – dann wird die Spätschicht in den Warnstreik gerufen.

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