Tarifrunde für Redakteure Tarifkonflikt der Tageszeitungen auf der Zielgeraden?

Digitalisierung und sinkende Erlöse sorgen für erhebliche Umwälzungen in der Zeitungsbranche, was sich auch in Tarifrunden niederschlägt. Foto: picture alliance / Sven Hoppe/dpa

Die Gehaltstarifrunde für Redakteurinnen und Redakteure an Tageszeitungen wird immer konfrontativer. Am Freitag soll erneut ein Einigungsversuch gestartet werden. Um was geht es?

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Die Tageszeitungsbranche erlebt eine der längsten und strittigsten Gehaltstarifrunden seit langem. Aktuell wird wieder gestreikt, bevor am Freitag Arbeitgeber und Gewerkschaften in Hamburg zu eventuell finalen Verhandlungen zusammenkommen. Um was geht es?

 

Wie ist die Wirtschaftslage der Zeitungen? Die wirtschaftliche Lage der Tageszeitungen sei auch in Baden-Württemberg „in Summe schlecht“, heißt es vom Verband Südwestdeutscher Zeitungsverleger. Sinkende Auflagen und Anzeigenmengen brächten „kein nennenswertes wirtschaftliches Wachstum mit sich, das in Form von Lohnerhöhungen auf die Beschäftigten umverteilt werden kann“.

Die Tarifstruktur stamme noch aus Zeiten, in denen die Verlage sich in einem anderen Wettbewerbsumfeld befunden hätten. Der bestehende Wettbewerb gegen international agierende Digitalunternehmen erschwerten den Aufbau neuer Geschäftsmodelle. „Faktisch schrumpft die Branche, was auch die jüngsten Konsolidierungsprozesse in der Branche erklärt“, heißt es. Die Lohnkosten der Redaktionen seien mit knapp 30 Prozent der zweitgrößte Kostenblock im Verlag, knapp hinter dem Vertrieb.

Wie steht es um die Gehaltsentwicklung?Verdi (DJU) fordert zwölf Prozent mehr Gehalt, der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) 10,5 Prozent – auch im Kampf gegen die Inflation. Laut dem WSI-Institut der gewerkschaftsnahen Böckler-Stiftung haben seit dem Jahr 2000 die jahresbezogenen Tarifzuwächse nur in 13 von 25 Jahren oberhalb der jeweiligen Preissteigerungsrate gelegen. Die Corona-Jahre ab 2021 hätten zu einem „drastischen Rückgang der realen Tarifgehälter“ geführt, sodass der sogenannte Indexwert von 2024 um mehr als zwölf Prozent unter dem Niveau des Jahres 2000 gelegen hätte. Hinzu kamen Zugeständnisse der Arbeitnehmerseite beim Manteltarifvertrag.

Wie ist der Stand der Verhandlungen? Für Verdi steht infolge der Vorgeschichte am 18. Juli die zehnte Verhandlungsrunde seit dem 27. Mai 2024 an – für die Arbeitgeber die siebte. Noch während des laufenden Tarifvertrages mit dem DJV hatten schon zwei ergebnislose Treffen mit Verdi stattgefunden. Zudem wird ein Spitzengespräch am 14. Mai in Düsseldorf nur von den Gewerkschaften als Verhandlung gezählt. Im Nachgang zu dem Treffen hatte Verdi die Annäherung als „Einigung auf Tariferhöhungen“ kommuniziert. Eine solche Einigung hat es nach Aussage des BDZV allerdings nicht gegeben.

Erwogen worden waren Tariferhöhungen um bis zu 8,6 Prozent bis Ende Mai 2027: Festbeträge von 100 Euro zum März 2025 sowie 90 Euro zum Mai dieses Jahres, sodann jeweils 2,0 Prozent im Februar und Oktober 2026 plus einmalig 200 Euro im März 2027. Zudem ging es um strukturelle Forderungen der Arbeitgeber, wonach das Urlaubsgeld für alle Neuzugänge einer Redaktion von 2026 an nur noch auf Basis des Grundgehalts berechnet und Berufserfahrung eingeschränkt angerechnet werden soll, wenn die neue Kraft vorher nicht als Zeitungsredakteur gearbeitet hat.

Georg Wallraf, Verhandlungsführer des BDZV, schildert unserer Zeitung: Die Arbeitgeber hätten zu diesem Stand zunächst ihre Landesverbände befragen müssen, in deren Auftrag er verhandle. Dann aber hätte Verdi mitten in der verlängerten Erklärungsfrist fälschlicherweise die Einigung beim Gehalt verkündet und zugleich die Ablehnung zu den strukturellen Forderungen deutlich gemacht. „Das war Rosinenpickerei aus unserem Blickwinkel und hat auf unserer Seite zur Empörung geführt.“ Die Gewerkschaft habe so das weitere Abstimmungsverfahren auf Arbeitgeberseite hinfällig gemacht.

Wie geht es weiter? An diesem Montag haben die Arbeitgeber in dem für sie relevanten Ausschuss den weiteren Kurs besprochen. Für Wallraf gibt es mehrere mögliche Lösungsansätze – darunter die Überlegungen aus dem Spitzengespräch, aber auch den Stand davor mit einem Festbetrag von 190 Euro und insgesamt 3,5 Prozent mehr Entgelt. Auf einen Ansatz wolle man sich fokussieren. Dann hänge es von den Gewerkschaften ab, wie weit sie sich bewegten. „Wenn sie Strukturveränderungen erneut ablehnen, ist das relativ schnell wieder beendet.“ Verhandelt werde nun mal ein Flächentarifvertrag, wiederholt der Verhandlungsführer sein Credo. „Für uns ist der kleinste gemeinsame Nenner maßgeblich.“

Die Gewerkschaften gingen zwar geschickt vor, wenn sie streikbereite Redakteure der „Süddeutschen Zeitung“ auf die Straße schickten, die auf die schwierige Wohnungssituation mit hohen Mieten in München verwiesen. Doch auch kleine Verlagsunternehmen etwa in Nordrhein-Westfalen mit deutlich kleineren Auflagen, „müssen das genauso stemmen können“. Man könne München nicht zum Maßstab für die gesamte Republik machen. Wenn das Gehalt in solchen Metropolen zu gering sei, „muss man dort eben übertariflich bezahlen“.

Ist am Freitag eine Einigung möglich? Aus Gewerkschaftssicht drücken die Ferien – sie suchen jetzt die Einigung, um nicht nach der Urlaubsphase neu ansetzen zu müssen. Für Verdi hat die „Art der Verhandlungsführung im BDZV zu einem hohen Maß an Mobilisierung geführt“. Bundesweit seien an die 30 Redaktionen im Ausstand. Ein Schwerpunkt der Streikbewegung sei Baden-Württemberg – mit bis zu 15 Redaktionen in unterschiedlich langen Warnstreiks.

Auch Wallraf will den Konsens: „Wir streben einen Abschluss am Freitag an.“ Man könne in die Nacht hinein verhandeln. „Der Vorwurf, dass die Arbeitgeber auf Zeit spielen, ist einfach ungerechtfertigt.“ Zwar sei man „in der Lage, im Herbst weiterzuverhandeln, wenn die Gewerkschaften sich nicht bewegen“. Doch glaube er, „dass die Verlage Klarheit haben wollen, wonach die Streikaktionen beendet werden sollten, sodass man normal weiterarbeiten kann“. Die Arbeitgeber hätten „kein Interesse daran, jetzt bis zum Sankt Nimmerleinstag zu verhandeln“.

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