Ungewöhnliche Tarifrunde der Metaller Jenseits der Rituale

IG-Metall-Chef Jörg Hofmann (auf dem Gewerkschaftstag in Nürnberg): die Option, Warnstreiks von vorneherein zu beschränken, ist für ihn nicht ohne Risiko. Foto: dpa

IG Metall und Arbeitgeberverband begeben sich mit der vorgezogenen Tarifrunde auf einen ungewohnten Weg. Das Vorgehen könnte ein Modellprojekt für die Zukunft sein. Zunächst müssen sie aber ihre Ernsthaftigkeit beweisen, meint Matthias Schiermeyer.

Politik: Matthias Schiermeyer (ms)

Stuttgart - Es mag illusorisch sein, aber so würde man sich das in jeder Tarifrunde der Metall- und Elektroindustrie wünschen: Zunächst verhandeln Arbeitgeber und Gewerkschaft in Ruhe miteinander – konstruktiv und an der Sache orientiert. Gerne dürfen sie dies zunächst abseits des Rampenlichts tun. Fragile Zwischenstände öffentlich zu machen, die vermutlich in beiden Lagern zerredet würden, erscheint nicht sinnvoll. Erst wenn die Tarifpartner dann immer noch nicht zueinanderfinden, sollen sie in die alten Verhaltensweisen mit Forderungen und Drohungen auf beiden Seiten verfallen dürfen.

 

Der Druck von der Basis bleibt hoch

So gesehen, handelt es sich um ein Modellprojekt. Dass innerhalb der selbst gesetzten Frist bis Anfang April etwas Gutes dabei herauskommt, ist nicht garantiert. Aber der Versuch verdient alle Ernsthaftigkeit. Es wird sich zeigen, ob die IG Metall diesmal ohne Rituale wie Warnstreiks auskommt. Diese Option von vorneherein einzuschränken ist für die Führung um Jörg Hofmann nicht ohne Risiko. Der Druck von der Basis, kämpferisch aufzutreten, bleibt ungeachtet aller Gefahren für die Jobs hoch. Doch sollte die Verantwortung der Gewerkschaft über die einzelne Mitgliederinteressen hinausreichen. Wohltuend wäre zudem das Signal gen Berlin: Mögen die Parteien dort noch so uneins sein – wir sind kompromissfähig.

Kein reines Sparmodell

Eine Verstetigung des Modellprojekts erscheint schon jetzt wünschenswert, weil die Herausforderungen durch Elektromobilität und Digitalisierung damit noch längst nicht bewältigt sind. In Zukunft braucht es generell mehr gegenseitiges Verständnis der Tarifparteien füreinander. Langfristig muss Vertrauen aufgebaut werden, das seit Bewältigung der Wirtschaftskrise vor zehn Jahren verloren gegangen ist.

Dass die Tarifabschlüsse auf diesem Weg für sie billig werden, sollten die Arbeitgeber nicht glauben. Denn auch „Zukunftstarifverträge“ – in denen Qualifizierung, Beschäftigungssicherung oder höhere Altersteilzeitquoten geregelt werden – kosten die Betriebe stattliche Summen. Und mit einer Nullrunde beim Entgelt dürfte sich die IG Metall keinesfalls abfinden. Doch reicht sie die Hand zu einem perspektivisch angelegten Pakt, der unternehmerische Investitionen in den technologischen Wandel absichert und damit Arbeitsplätze erhält. Genau das haben die Arbeitgeber all die Jahre gefordert. Insofern täten sie gut daran, die Tarifrunde nicht als reines Sparmodell zu sehen.

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