Tarifstreit bei der Supermarktkette Real Streiks sollen den Flächentarif retten

Nach dem Ausscheren der Metro-Tochter Real aus dem Verdi-Flächentarifvertrag ruft die Gewerkschaft an diesem Freitag und Samstag zu bundesweiten Arbeitsniederlegungen auf. Ziel ist es auch, Nachahmer von einer Tarifflucht abzuschrecken.

Neue Real-Beschäftigte sollen nicht mehr nach dem Verdi-Tarif bezahlt werden. Foto: dpa
Neue Real-Beschäftigte sollen nicht mehr nach dem Verdi-Tarif bezahlt werden. Foto: dpa

Stuttgart - Aus Sicht der Gewerkschaft ist es ein „Generalkonflikt“: Sollte die zum Metro-Konzern gehörende Warenhauskette Real mit der „Tarifflucht“ durchkommen, wäre dies „ein Musterbeispiel für eine ganze Branche, wonach andere Unternehmen den ähnlichen Weg anstreben würden“, versichert Bernhard Franke, der Landesfachbereichsleiter von Verdi, gegenüber unserer Zeitung. „Wegen der Dimension, Größenordnung und Methode dürfen wir dem keinen Erfolg gewähren.“ Also stemmt man sich mit Macht dagegen: am Freitag und Samstag sind erste bundesweite Arbeitsniederlegungen in einer Vielzahl der etwa 280 Filialen geplant.

Real hatte den Tarifvertrag mit Verdi gekündigt, um nach dem Wechsel in den Arbeitgeberverband AHD neue Mitarbeiter nach günstigeren Konditionen zu bezahlen. Angewendet wird für diese nun ein mit der „DHV – die Berufsgewerkschaft“ abgeschlossener Tarifvertrag. Nach eigener Darstellung hat dieser Verein unter dem Dach des Christlichen Gewerkschaftsbundes insgesamt 73 000 Mitglieder in zahlreichen Bereichen von privater Wirtschaft und öffentlichem Dienst.

Vom Bundesarbeitsgericht nicht gestoppt

Verdi bezweifelt generell, dass es sich bei der DHV um eine Gewerkschaft handelt; zudem schließe diese „Gefälligkeitstarifverträge“ ab. Auch juristisch wurde die DHV daher schon attackiert: Das Bundesarbeitsgericht (BAG) wollte Ende Juni aber kein abschließendes Urteil über dessen Tariffähigkeit fällen und verwies den entsprechenden Fall zur weiteren Prüfung an das Landesarbeitgericht Hamburg zurück.

Verdi wäre es überaus gelegen gekommen, wenn die Bundesrichter die DHV gestoppt hätten, der bei Real allenfalls ein „paar hundert Mitglieder“ angehörten. Im Dezember 2017 habe die Metro-Tochter Metro Services GmbH, die mit wenigen hundert Beschäftigten das Facility-Management und die Lohnbuchhaltung für diverse Töchter betreibt, eine Neufassung seines Tarifvertrags mit der DHV erarbeitet. Dabei seien Tätigkeiten wie die des Kassierers und der Verkäuferin tarifiert worden, die es dort gar nicht gibt. „Der Tarifvertrag entspricht genau dem, was Real bei den Verhandlungen mit Verdi an neuer Entgeltstruktur gefordert hat“, so Franke. Die DHV habe die Grundlage dafür geliefert. „Das war ein abgekartetes Spiel.“

Bereit für eine „Guerillataktik“ mit „Nadelstichen“

Die Folge sind Absenkungen gegenüber dem Flächentarif im Einzelhandel: Maßgebliche Tätigkeiten sollen um bis zu 30 Prozent verschlechtert werden. Für eine Verkäuferin in 60-prozentiger Teilzeit bedeutet das: Statt bisher 1547 Euro erhielte sie nur noch 1260 Euro brutto im Monat. Zudem seien Manteltarifregelungen bei Arbeitszeit, Spätzuschlägen sowie Sonderzahlungen verschärft worden, so Verdi. Weil für Altbeschäftigte der Verdi-Tarif gilt, würden Mitarbeiter bei Beförderungen und Versetzungen ins neue Tarifwerk gedrängt. Tausende Befristungen liefen aus, und Neueinstellungen fänden zu den DHV-Konditionen statt. Dies erzeuge einen „beschleunigten Drehtüreffekt“.

Mit Streiks soll Real in den Flächentarif zurückgeholt werden. Im Prinzip sei man nicht mehr in Friedenspflicht – daher werde die Gewerkschaft nun Druck aufbauen. „Man muss von einem heißen Herbst ausgehen“, sagt Franke. Verdi sei bei Real „relativ gut aufgestellt“, sodass man eine „Guerillataktik“ mit „eskalierenden Nadelstichen“ einschlagen könne. Betrage der Organisationsgrad im Handel im Schnitt sechs bis acht Prozent, so liege er bei Real im Bundesschnitt bei 40 bis 50 Prozent. Und seit Frühjahr habe man bundesweit mehr als 600 Mitglieder hinzugewonnen.

Metro-Chef wirft Verdi eine „Blockade“ vor

Metro-Chef Olaf Koch beschuldigt Verdi hingegen, Verhandlungen über eine wettbewerbsfähige Entgeltstruktur „blockiert“ zu haben. Er frage sich, ob der Gewerkschaft klar sei, wofür sie überhaupt kämpfe, sagte er der „Wirtschaftswoche“. „Wir reden über 34 000 Arbeitsplätze, da kann ich nicht so tun, als wären Lohnkosten irrelevant für die Ertragsfähigkeit und langfristige Jobsicherung.“ Das neue Lohnniveau bei Real bezeichnete Koch als „absolut marktgerecht“, wie auch das Bewerberinteresse zeige. „Trotz der Umstellung des Tarifmodells vor gut einem Monat haben wir über 800 neue Kollegen eingestellt.“