Tarifstreit im Kreis Böblingen Wer die Gesellschaft am Laufen hält
Die Care-Arbeit verdient weitaus mehr Wertschätzung als bisher. Denn für die Gesellschaft erfüllt sie eine wichtige Schlüsselfunktion.
Die Care-Arbeit verdient weitaus mehr Wertschätzung als bisher. Denn für die Gesellschaft erfüllt sie eine wichtige Schlüsselfunktion.
Tausende Tarifbeschäftigte im öffentlichen Dienst gingen in den vergangenen Wochen im Kreis Böblingen auf die Straße. Ob auf dem Elbenplatz in Böblingen oder dem Marktplatz in Sindelfingen – überall werden mehr Gehalt und gerechtere Arbeitsbedingungen gefordert. Gerade Angestellte in den unteren Gehaltsklassen spüren die noch immer galoppierende Inflation besonders heftig. Ihre Forderung nach zehn Prozent mehr Gehalt mochte die Arbeitgeberseite in „normalen“ Jahren als utopisch abgetan haben. Angesichts einer „abnormalen“ Geldentwertung zwischen sieben und acht Prozent wie derzeit, ist die Forderung allerdings weniger utopisch, sondern vielmehr völlig nachvollziehbar.
Am lautesten haben die in die Trillerpfeifen geblasen, die unabdingbar sind, um die Rädchen unserer Gesellschaft Tag für Tag am Laufen zu halten: Erzieherinnen und Erzieher sowie Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Abfallwirtschaft. Dabei fiel auf, dass letztere noch immer eine ausgeprägte Männerdomäne ist, was wohl vor allem an den körperlichen Anforderungen an diesen Job liegt. Stark von Frauen dominiert ist dagegen der Erziehungsbereich, in dem nicht nur an einem, sondern an zwei Tagen gestreikt wurde. Bisher.
Die Streikenden fordern nicht nur mehr Geld, sondern auch mehr Wertschätzung für ihren Berufsstand. Und die tut wirklich Not. Denn dass die Situation in den Kitas nach wie vor so brenzlig ist, liegt vor allem an der grassierenden Personalnot. Viel zu wenig Männer und Frauen entscheiden sich für diesen Berufszweig, obwohl er eine so wichtige Schlüsselfunktion erfüllt. Eine gutes Angebot an Kinderbetreuung ist zu Recht im Gesetz verankert und eine staatliche Aufgabe. Nur mit ihr können mehr Eltern berufstätig sein, kann mehr Gleichstellung zwischen Männern und Frauen gelingen. Doch, kommt der Staat ihr nach? Momentan muss man dahinter oft ein Fragezeichen setzen.
Die Situation ist dermaßen brenzlig, dass viele Kindertagesstätten auch ohne Streik ihre Öffnungszeiten einschränken müssen. Kommen dann noch Krankheitsausfälle dazu, steht recht schnell die Öffnung der kompletten Einrichtung auf der Kippe. Das stellt berufstätige Eltern vor massive Herausforderungen: Wenn nicht die Großeltern oder befreundete Familien einspringen können, muss die Arbeit an so einem Tag von zuhause erledigt werden. Doch das geht ja nur im Falle eine Büroarbeitsplatzes. Wer für seinen Job vor Ort sein muss, schaut ohne funktionierende Kinderbetreuung doppelt in die Röhre.
Die Trillerpfeifen waren also wichtig und richtig in diesen Tagen. Sie lenkten den Blick auf die so wichtigen Berufe im Sozialbereich, ohne die im Land nichts oder zumindest nicht mehr viel gehen würde. Denn in anderen Bereichen sieht es kaum besser aus: Nehmen wir in der Pflege oder das Gesundheitswesen. Ein intensivere Debatte über diese drängenden Probleme in der Gesellschaft täte uns allen gut. Doch leider bestimmen dieser Tage allzu oft andere Themen die Schlagzeilen. Etwa, wann welches Land wie viele Panzer in die Ukraine liefert und wie viel Munition wie schnell produziert werden kann.
Das soll gar nicht heißen, dies gegeneinander auszuspielen. Ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg wie der russische verlangt nach einem wehrhaften Militär. Der globale Westen tut sehr gut daran, mit der fortwährenden Unterstützung der Ukraine dem Aggressor im Kreml mit aller notwendigen Härte die Stirn zu bieten. Doch es gilt, das eine tun ohne das andere zu lassen. Die 100 Milliarden Euro Sondervermögen für die Bundeswehr kann diese gut gebrauchen. Doch im Sozial- und Erziehungsbereich wären die Milliarden nicht schlechter aufgehoben.