Tarifstreit in der Stiftung Liebenau Niedrigtarif in Gottes Namen

Der ersten Protestaktion sollen weitere folgen. Foto: factum/Jürgen Bach
Der ersten Protestaktion sollen weitere folgen. Foto: factum/Jürgen Bach

Personal der Stiftung Liebenau protestiert, weil es bei gleicher Arbeit schlechter bezahlt wird.

Böblingen: Marc Schieferecke (eck)
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Weil im Schönbuch - Der Verdi-Funktionär Marc Kappler kürzelt das Unternehmen nur mit „Lila“. Ausgeschrieben stehen die vier Buchstaben für „Liebenau Leben im Alter“, eine gemeinnützige GmbH, die Pflegeheime betreibt. Für Kappler stehen sie außerdem dafür, dass ein per Satzung den christlichen Werten verpflichteter Arbeitgeber Teile seines Personals bei gleicher Arbeit schlechter bezahlt – zu seinem eigenen Niedrigtarif.

20 Heime betreibt die Tochtergesellschaft der Stiftung Liebenau, drei davon im Landkreis Böblingen. In anderen Töchtern zahlt die Stiftung nach Tarif. Zum Protest gegen die Ungleichbehandlung hat sich am Mittwoch vor dem Heim in Weil im Schönbuch die Belegschaft versammelt. Luftballons sollten verbildlichen, dass das bisherige Angebot des Arbeitgebers „eine Luftnummer ist“, wie auf einem Banner zu lesen war. Als sie das Angebot hörten, „waren wir auf Arbeitnehmerseite geschockt“, sagt Manuela Engelhardt. Der Vorschlag war ein Prozent Lohnerhöhung. Engelhardt sitzt in der Kommission, die über einen Haustarif verhandelt.

Einst war die Stiftung eine „Bewahranstalt für Unheilbare“

Der Kaplan Adolf Aich hatte die Liebenau 1870 als „Pflege- und Bewahranstalt für Unheilbare“ gegründet und sie der christlichen Nächstenliebe verpflichtet. Wegen ihrer anerkannt gemeinnützigen und mildtätigen Arbeit ist die heutige Stiftung von der Körperschafts- wie von der Gewerbesteuer befreit. Inzwischen ist die einstige Bewahranstalt zu einem weit verzweigten Sozialkonzern mit 21 Tochtergesellschaften und 16 Beteiligungen im In- und Ausland gewachsen. Ihr Vorstand ist der Prälat Michael H. F. Brock.

Die Lila beschäftigt rund 800 Mitarbeiter. Verdi fordert, dass ihre Verträge an die Tarife angepasst werden, die für Pflegekräfte im Öffentlichen Dienst gelten oder für die Caritas. Die umstrittenen Arbeitsverträge weichen nicht nur in der Bezahlung davon ab. Statt 39 Stunden an fünf Tagen arbeiten die Lila-Beschäftigten 40 Stunden an 5,5 Tagen. Nach Gewerkschaftsberechnungen spart das Unternehmen im Vergleich zum Tarif pro Jahr rund eine Million Euro ein.

Kappler erbost dabei insbesondere, dass dieses Geld in das Wachstum investiert wird. „Die Lila expandiert kräftig, aber für das Personal soll kein Geld da sein“, sagt er. Der finanzielle Verlust für den einzelnen ist schwer zu berechnen. Nach Verdi-Angaben steigt er mit der Zahl der Berufsjahre, reicht mithin von nahezu null bei neu Eingestellten bis zu 300 Euro bei langzeitig Beschäftigten.

Am 18. Februar folgt eine dritte Verhandlung. Mit einer Einigung rechnet offenbar niemand. Zwei weitere Termine sind bereits angesetzt. Falls kein Ergebnis erzielt wird, sollen die Proteste bis hin zu Streiks ausgeweitet werden. Profitiert hat von dem Streit bisher einzig Verdi. Pflegekräfte sind nur selten Gewerkschaftsmitglieder. Nachdem der Streit begann, sagt Kappler, „gab es eine Eintrittswelle“.




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