Tatjana Matter und das Foodsharing-Projekt Essensretter

Von Jessica Sabasch 

Foodsharer wie Tatjana Matter in Tübingen wollen den Wert von Lebensmitteln wieder bewusster machen. Sie holen übrig gebliebene Joghurts, Gurken, Brote aus Supermärkten ab und geben sie dann kostenlos weiter.

Möhren, Tomaten, Pastinaken für die Menschen,  Grünzeug für die Ziegen: Tatjana Matter sortiert die Ware im Laden. Foto: Gottfried Stoppel Foto:  
Möhren, Tomaten, Pastinaken für die Menschen, Grünzeug für die Ziegen: Tatjana Matter sortiert die Ware im Laden. Foto: Gottfried Stoppel

Tübingen - Sie nimmt den Vordereingang, grüßt die Kassiererin im Vorbeigehen, winkt dem Verkäufer hinter der Brottheke zu. Der Aufzug ist gleich um die Ecke. Ihr Ziel ist der Keller. Oben schieben sich Kunden durch die Regalreihen und füllen Einkaufswagen mit Wochenendeinkäufen. Unten ist es still. Neonröhren beleuchten den Lagerraum. Reis- und Nudelpackungen, Konserven und Flaschen stehen ordentlich gestapelt auf Paletten.

Das Warenlager des Tübinger Biosupermarkts ist einer dieser Nicht-Orte, die sich hinter den Kulissen des Alltags befinden. Wir betreten sie nicht. Wir fragen uns nicht, wie das Essen in den Supermarkt kommt. Noch weniger fragen wir uns, wohin die Lebensmittel kommen, die nicht mehr verkauft werden können.

Tatjana Matter hebt eine Kiste voll reifer Bananen auf einen Rollwagen. Behände sortiert die 28-Jährige nicht mehr verkäufliches Gemüse, legt ein paar Möhren, Pastinaken, Pilze und Kopfsalate in Kartons. Den Rest packt sie in eine größere Kiste mit allerlei Grünzeug. Schlaffe Salatblätter, weiche Tomaten, Gurken. „Es ist ein bisschen wie bei Aschenputtel: die Guten ins Töpfchen, die Schlechten ins Kröpfchen.“ Das Grünzeug bringt sie später den Ziegen in der Waldorfschule. Tatjana Matter ist Lebensmittelretterin und Botschafterin des Vereins Foodsharing für Tübingen.

Foodsharing heißt, Lebensmittel zu teilen, statt sie wegzuwerfen. Auf www.food­sharing.de können Privatleute und Ladeninhaber übrig gebliebene Lebensmittel als „Essenskorb“ eintragen, selbst kleine Reste wie einen Salat oder ein halbes Brot online stellen. Wer will, holt sie sich dann kostenlos an der angegebenen Adresse.

Die Lebensmittel stehen im Vordergrund

Während es in den Läden der Deutschen Tafel darum geht, überschüssige Lebensmittel preiswert an Bedürftige weiterzugeben, stehen bei der Foodsharing-Idee nicht die Empfänger, sondern die Lebensmittel im Vordergrund. „Wir wollen den ideellen Wert von Lebensmitteln wiederherstellen und – zum Beispiel durch gemeinsame Kochaktionen – auch soziale Barrieren durchbrechen“, sagt Tatjana Matter.

In Deutschland werden jährlich 18 Millionen Tonnen Lebensmittel weggeworfen. Weltweit landet jedes dritte produzierte Lebensmittel im Müll. In jedem einzelnen stecken Arbeitszeit, Ressourcen, zum Teil lange Transportwege und Geld. „Viele Leute haben sich inzwischen von dem, was sie essen, völlig entfremdet. Joghurts werden zwei Tage vor Ablauf des Mindesthaltbarkeitsdatums nicht mehr gegessen“, sagt Tatjana Matter. In dem Konsumverhalten spiegle sich unser widersprüchlicher Lebensstil. Einerseits sei frisches Essen heute ein Statussymbol, „andererseits schmeißen die Leute so viel weg“. Die Menge der Lebensmittel, die jährlich in Privathaushalten weggeworfen werden, sagt Tatjana Matter, übersteige sogar die Menge der Reste in den Supermärkten: „82 Kilogramm pro Person.“ Viele beschwerten sich über zu hohe Lebensmittelpreise, „kaufen aber immer mehr, als sie brauchen. Und werden trotzdem nicht satt.“

Dass das Wegwerfen von Lebensmitteln mehr als eine Privatsache ist und in direktem Zusammenhang mit dem Klimawandel sowie dem weltweiten Kampf um Land und Getreidepreise steht, zeigte der Stuttgar­ter­ Dokumentarfilmer Valentin Thurn vor fünf Jahren mit „Taste the Waste“. Der Film machte das Thema Lebensmittelverschwendung weit über die Ökoszene hinaus bekannt. „Die Deutschen sind Weltmeister darin, Lebensmittel wegzuwerfen, ohne mit der Wimper zu zucken“, sagt Tatjana Matter. „Wir manipulieren den Weizenpreis, weil wir es uns leisten können, Brot in Unmengen wegzuwerfen.“