Koffermord und Politikskandal, Bahnhofsbau und Widerstand, dazu jede Menge Originalschauplätze: So viel Stuttgart war schon lange nicht mehr in einem Stuttgart-„Tatort“. Nicht nur deswegen ist der Film „Der Inder“ am Sonntag sehenswert.

Lokales: Christine Bilger (ceb)

Stuttgart - Ein Park. Ein Koffer. Im Morgengrauen ein Absperrband. Ein Toter im Koffer. Man muss nicht in Stuttgart leben, um mitbekommen zu haben, dass dieses Bild in der Landeshauptstadt im vergangenen Jahr schaurige Realität war. Mit diesem Bild beginnt „Der Inder“, der neue SWR-„Tatort“ . Der Fund der Kofferleichen im Juni 2014 hat deutschlandweit Aufsehen erregt. Eine Geschichte, die das Stuttgarter Leben schrieb, am Anfang des Tatorts, mit Bildern mitten aus Stuttgart? Schön und gut, will man meinen, aber bestimmt geht es danach wieder ab ins Badische, das beim Drehen oft als Stuttgart-Kulisse ausgegeben wird.

Es geht aber so weiter. Blaue Rohre, Schlossgarten, Bahnhof, Pragsattel, Stammheim, Mineralbad und Sebastian Bootz hat am Vaihinger Hegel-Gymnasium Abi gemacht – so viel Stuttgart war lange nicht mehr in einem „Tatort“ aus Stuttgart. Damit noch nicht genug: kein geringeres Thema als Stuttgart 21 dient als Rahmen für den Fall, den die Kommissare Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) am Sonntag lösen.

Einen Rat zur Abendplanung gibt der Autor und Regisseur Niki Stein vorab: „Ich erwarte, dass man meine Filme anschaut“, sagt er. Soll heißen: nebenher bügeln oder Bier aus der Küche holen ist nicht. Der „Tatort“ des Frankfurters erfordert konzentriertes Zuschauen. Wer aus dem Raum geht, läuft Gefahr, den Faden zu verlieren, so komplex und verwoben ist die Erzählstruktur. „Es gibt viel zu dechiffrieren“, räumt er ein.

Ein Architekt sitzt wegen einer Spekulation im Knast

Stuttgart 21 steht im Zentrum. Und ja, es wird politisch. Ein Untersuchungsausschuss befasst sich mit einer Intrige. Der ominöse Inder, der dem Film den Titel gibt, soll als Geldgeber ein Projekt im Gleisdreieck finanziert haben. Weil es dafür eine Landesbürgschaft gab, obwohl es sich um eine Luftnummer handelte, sitzt der zuständige Architekt nun im Gefängnis, die Regierung wurde abgewählt. Dann fallen Schüsse im Wald. Der ehemalige Staatssekretär Jürgen Dillinger (Robert Schupp) fällt tot in den Kofferraum auf einem Parkplatz im Pfaffenwald.

Von der Intrige, die sich Stein hat einfallen lassen, entspricht nichts irgendeinem realen Vorwurf der Projektgegner. Es gibt kein Gleisdreieck, es floss keine Landesbürgschaft im Zusammenhang mit Stuttgart 21. „Hier ist niemand eins zu eins abgebildet“, sagt der Autor – das gelte selbst für den abgewählten Ministerpräsidenten. Ein Stück weit mag man ihm da zustimmen, schon allein weil Ulrich Gebauer in der Rolle des Ministerpräsidenten Rupert Heinerle ein wunderbares Schwäbisch spricht, was der tatsächliche abgewählte Stefan Mappus nicht tat. Dennoch kommt man nicht umhin, die Parallelen zur echten Geschichte zu ziehen. Doch es geht Niki Stein nicht um das Enthüllen und Aufdecken. „Ich liefere keinen Schlüsselroman“, betont er. Es gehe ihm um die Mechanismen der politischen Arbeit und der Korrumpierbarkeit.

Der Autor verstand anfangs den Widerstand nicht

Niki Stein räumt ein, dass er wenig über das Milliardenprojekt Stuttgart 21 wusste, als ihn vor zwei Jahren die Anfrage ereilte, das Buch zu schreiben. Anfangs sei er unkritisch gewesen: „Ich schaute vom Bahnhofsturm runter in den Park und dachte, mein Gott, was regen die sich so auf, die paar Bäume, dafür bekommen sie einen schönen Bahnhof?“ Allen Gegnern und Kritikern sei versichert, was die Befürworter sicher auch aufhorchen lässt: bei dieser einfachen Sicht der Dinge ist der Autor und Regisseur nicht geblieben, das merkt man nicht nur, wenn Bootz dem Kollegen Lannert zu erklären versucht, warum ihm das Projekt nicht egal sein darf.

„Es war klar, dass wir dazu mal einen Film machen müssen“, sagt SWR-Filmchefin Martina Zöllner. Auch klar gewesen sei, dass Niki Stein das Buch schreiben sollte. Elf „Tatort“-Folgen hat er als Referenz vorzuweisen. Niki Stein hat sich angenähert. Er ist auf Montagsdemos gegangen, spürte die Zerrissenheit der Stadtgesellschaft, wenn es um das Milliardenprojekt geht. Eine Demo darf deshalb nicht fehlen. Die echten Kritikpunkte, die immer noch diskutiert werden, tauchen auf. Das Thema Stuttgart 21 ist mehr als eine bunte Kulisse für ein düsteres Politdrama. Man kommt zu dem Schluss, dass die Geschichte ohne den S-21-Konflikt im Hintergrund nicht geklappt hätte – das ist die große Leistung des Niki Stein. Dass ein herausragender Schauspieler wie Thomas Thieme als inhaftierter Architekt und Strippenzieher Busso von Mayer Akzente setzt, erhöht den Genuss. Wer dann noch ein Faible für Film-noir-Elemente hat, gerne Bilder dechiffriert und Handlungssträngen nachspürt, für den ist „Der Inder“ eine Augenweide. Wer Popcorn-Fernsehen erwartet, wird enttäuscht. Der Film beginnt kurz vor dem tatsächlichen Ende, erzählt in Sprüngen, die dank ruhiger Kameraführung erträglich sind, weckt Ängste, gruselt, politisiert. Das Ermitteln steht da mitunter etwas hinten an.