Herr Bär, Sie sind seit 26 Jahren „Tatort“-Kommissar, am Sonntag sind Sie zum ersten Mal auf dem Traumschiff zu sehen – eine Konstellation, die geradezu nach einem Interview verlangt.
Natürlich müssen Sie in solchen Stereotypen denken, aber ich bin einfach ein Schauspieler, für den es interessant ist, in allen möglichen Formaten auftauchen zu können. Das ist ja das Tolle an meinem Beruf.
Was ging Ihnen durch den Kopf, als das Rollenangebot kam?
Wenn Sie den 23-jährigen Schauspielschüler Dietmar Bär nach einem Engagement auf dem Traumschiff gefragt hätten, wäre der wohl mit seinem ganzen großen Idealismus brüskiert gewesen. Andererseits habe ich schon damals gesehen, dass da alles vertreten war, was Rang und Namen hatte beim Film und auf der Bühne – von Günter Lamprecht bis Otto Sander. Und dazu waren es wunderbare Drehorte. Es war ja nicht das erste Angebot, aber es war das erste, das ich wahrnehmen konnte. Ich habe mit dem „Vater“ des Traumschiffs, dem wunderbaren Wolfgang Rademann, 2004 zum ersten Mal gearbeitet. Noch heute kriegt jeder Schauspieler glänzende Augen, wenn man über ihn spricht. Und der sagte damals schon zu mir: „Mensch, kommse mal aufs Schiff bei uns, spielnse mal wat anderet.“ Wir haben es auch versucht, aber es hat leider nie geklappt – bis jetzt.
Was war der Grund, Ja zu sagen?
Erst mal hat mich die Story interessiert, die man mir ins Drehbuch geschrieben hat. Dann wollte ich natürlich wissen, wer noch mitspielt, und habe mich bei dem Namen Gesine Cukrowski sehr gefreut. Und es passte perfekt in mein Arbeitsfenster – ich bin auf Anschlag nach dem letzten „Tatort“-Dreh 2022 im Dezember nach Teneriffa geflogen und in das Traumschiff-Karussell eingestiegen. Ich bin dann bis zu den Kapverden mitgefahren, um meine Aufgaben zu erledigen. Der Löwenanteil meiner Rolle aber waren die Dreharbeiten in Namibia. Die waren möglich, weil wir im Februar dort gedreht haben, was man in Deutschland gewöhnlich nicht macht. Das war also perfekt.
Ich habe das Gefühl, dass Sie sich richtig aufs Traumschiff gefreut haben.
Ja, natürlich. Ich wollte einfach wissen, wie es so ist, weil ich schon von vielen Kolleginnen und Kollegen davon gehört hatte. Dazu kam bei mir eine gewisse Kreuzfahrt-Erfahrung als lesender Schauspieler auf Reisen, das habe ich schon mehrere Male gemacht.
Was hat Ihnen besonders gut gefallen?
Die Passagiere sind die geduldigsten und freundlichsten Komparsen, die man sich vorstellen kann. Morgens gibt es auf dem Schiff eine Durchsage: „Heute wird auf Deck sieben gedreht – wer Interesse hat, dabei zu sein, sollte sich melden. Die spielen alle gerne mit und bedienen die Kulisse bis hin zum großen Captains Dinner. Mit meiner Figur mussten wir allerdings filmtechnisch ein bisschen tricksen, weil die Kollegen schon alles im Kasten hatten, als ich an Bord kam. Aber Film ist nun mal Illusion, da muss keiner was über die Herstellungsgeschichte wissen.
Welches Erlebnis werden Sie so schnell nicht vergessen?
Ganz bestimmt nicht die sagenumwobene Crewparty. Am letzten Abend verabschiedet sich die Filmcrew von der Schiffscrew, die Produktionsfirma organisiert ein rauschendes Fest mit Essen und Trinken, vor allem Trinken. Die Mannschaft, vom Aufnahmeleiter bis zum Hauptdarsteller, steht hinterm Tresen und bedient Matrosen und die Leute aus dem Bordbereich. Irgendwann wird der Tisch aus der Mitte geschoben und es wird getanzt. Irgendwann wurde es 2 Uhr und ich wusste, dass wir um 3 Uhr abgeholt werden zum Flugzeug. Das war nicht unanstrengend. Man geht kurz auf sein Zimmer, wäscht sich das Gesicht, nimmt seine fertig gepackte Tasche und darf nur eins auf keinen Fall machen: sich mal eben kurz für fünf Minuten hinlegen. Dann hat man nämlich verloren.
Sie haben den „Tatort“ mal als Weltkulturerbe bezeichnet – was ist dann „Das Traumschiff“?
Die Alma Mater aller Reisebüros. Ich glaube, dass viele sagen, am Montagmorgen wird gebucht: „Schatz, wir wollten doch immer schon mal nach Afrika, sollen wir nicht Namibia buchen?“
Sie sind in Dortmund als Sohn eines Metzgergesellen und einer Fleischereifachverkäuferin aufgewachsen. War Fleisch Ihr Gemüse?
Natürlich haben Fleisch und Wurst eine große Rolle bei uns gespielt, es gab von beidem immer reichlich, aber es gab nicht sieben Tage die Woche Fleisch und vor allem nicht ständig Rinderfilet. Das teure Fleisch war für Heiligabend vorbehalten – da gab’s bei uns nicht die berühmte Bockwurst mit Kartoffelsalat, sondern mein Vater brachte Rumpsteak mit, das meine Mutter klein geschnitten, angebraten und mit Pilzen und einer Supersoße zubereitet hat. Aber sie hat sehr darauf geachtet, dass es bei uns immer frisches Gemüse gab und so gut wie keine Konserven.
Wie halten Sie es heute mit Fleisch?
Es ist weniger geworden, wobei ich schon seit Jahren auf Schweinefleisch verzichte. Ich hab als Kind schon nicht so sehr auf Schweinebraten gestanden und auf wabbelige Eisbeine sowieso nicht. Heute ernähren wir uns schon seit vielen Jahren mit biologischen Lebensmitteln und lieben es, hier in unserer Region saisonal gut einzukaufen, gerne in Hofläden. Das gilt auch fürs Fleisch. Ich bin auch ein Freund des Pferdefleisches, das man hier in Köln sehr gut kaufen kann. Aber es ist sehr wenig und sehr bewusst, worauf meine flexitarische Frau auch großen Wert legt.
Als Jugendlicher waren Sie Mitglied der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend. Träumen Sie noch den Traum von der sozialen Gerechtigkeit?
Die Frage ist natürlich etwas provokativ, denn dass es auf der Welt nicht gerecht zugeht, habe ich auch mit 18 schon gewusst. Das Sein bestimmt das Bewusstsein, und in einer Welt der Trumps und Orbans ist soziale Gerechtigkeit unverzichtbar. Auch in dieser Welt der Ichlinge. Mir ist gerade in der Coronazeit aufgefallen, wie wenig manche in der Gesellschaft mit Solidarität anfangen können. Und auch den Versuch der Kriminalisierung von Streikrecht finde ich sehr bedenklich. Da sind die Ichlinge immer sehr betroffen und denken: Ich kann nicht Zug fahren, ich komme nicht mit dem Flieger weg, weil irgendjemand streikt, der doch sowieso Geld verdient.
Dietmar Bär
Bär wird am 5. Februar 1961 in Dortmund geboren. Schon als Schüler entdeckt er seine Liebe zum Theater, nach dem Abitur lässt er sich an der Westfälischen Schauspielschule in Bochum ausbilden. 1984 hat er an der Seite von Götz George seinen ersten Auftritt im „Tatort“, zu dem er 1997 als Kölner Kommissar zurückkehrt. 1986 wird er mit dem „Deutschen Darstellerpreis für den Nachwuchs“ ausgezeichnet. 2000 erhalten er und sein „Tatort“-Kollege Klaus J. Behrendt den Deutschen Fernsehpreis. Bär ist verheiratet und lebt in Köln.
Das Traumschiff
Die neue „Traumschiff“-Episode „Walvis Bay“ läuft am Sonntag, den 26. November um 20.15 Uhr im ZDF.