Tatort Schule Was man gegen Mobbing tun kann

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Mobbing in der Schule ist ein großes Problem – besonders für die betroffenen Schüler, doch auch für Eltern und Lehrer. Welche Warnsignale es gibt und wie Erwachsenen helfen können, erklärt ein Mobbing-Experte.

Den Kopf in den Sand stecken bringt nichts: Mobbing-Opfer sollten mit Vertrauten reden und nicht passiv bleiben. Foto: dpa
Den Kopf in den Sand stecken bringt nichts: Mobbing-Opfer sollten mit Vertrauten reden und nicht passiv bleiben. Foto: dpa

Berlin/Stuttgart/Potsdam - Nachdem sich ein elfjähriges Mädchen in Berlin offenbar wegen Mobbings in der Grundschule das Leben nahm, ruft die FDP die Bundesbildungsministerin Anja Karlizcek (CDU) zum Handeln auf. „Die Bundesregierung hat die dringende Aufgabe, dieses Thema auf die Tagesordnung zu setzen“, erklärte der FDP-Bildungsexperte Thomas Sattelberger.

Nach Ansicht des FDP-Bundestagsabgeordneten soll der Umgang mit Mobbing im Unterricht und auf dem Pausenhof fester Bestandteil in der Aus- und Fortbildung von Lehrern sein. Bildungseinrichtungen müssten außerdem „Anti-Mobbing-Kulturen etablieren, bei Bedarf mit professioneller Hilfe von Sozialarbeitern.“

Der Mobbing-Experte und Erziehungswissenschaftler Sebastian Wachs von der Universität Potsdam erklärt, welche Warnsignale auf Mobbing in der Schule hinweisen und was Lehrer und Eltern tun können, um betroffenen Kinder und Jugendliche zu unterstützen und zu stärken:

Das sind mögliche Warnsignale

Äußere Veränderungen, Verhaltensauffälligkeiten und Krankheitssymptome können ein Hinweis dafür sein, dass ein Kind in der Schule gemobbt wird.

Der Schüler weist Spuren physischer Gewalt auf – wie Kratzspuren, Platzwunden, blaue Flecken sowie schmutzige oder zerrissene Kleidung.

Er vermisst persönliches Eigentum – wie den Schulranzen, Stifte, Hefte oder Kleidungsstücke. Den Eltern kann er nicht schlüssig erklären, wo sie abgeblieben sind oder was genau passiert ist.

Mobbing-Opfer stehen in der Unterrichtspause häufig alleine auf dem Schulhof oder sitzen alleine beim Mittagessen.

Keiner will neben dem betroffenen Schüler in der Klasse sitzen.

Sie fühlen sich unter Gleichaltrigen unwohl, gehen auf Distanz zu ihren Mitschülern und sondern sich ab.

Mobbing-Opfer verhalten sich ängstlich, unsicher und hilflos.

Sie klagen oft über psychische Beschwerden, Übelkeit und Bauchschmerzen oder Schlafstörungen. Bei kleineren Kindern ist das nächtliche Einnässen ein Symptom.

Weitere Indikatoren können Schulunlust, Konzentrationsschwierigkeiten und ein deutlicher Abfall in den schulischen Leistungen sein.

So sollten Erwachsene reagieren

Lehrer

Man könne davon ausgehen, erklärt Sebastian Wachs, dass die meisten Lehrer sich dem Problem Mobbing in der Schule offensiv stellen. Dies habe eine repräsentative Umfrage der Universität Potsdam unter Schülern gezeigt. „Es ist nur ein kleiner Teil von 15 Prozent der Lehrer, die das Problem ignorieren oder bagatellisieren. Weitere 15 Prozent haben das Mobbing nur beobachtet und abgewartet. In 70 Prozent der Fälle, über die Schüler berichteten, haben die Lehrer interveniert.“

Nach Aussage von Wachs gibt es drei generelle Verhaltensreaktionen seitens der Lehrer:

1. Unterstützend-individuelles Eingreifen: Darunter fallen Gespräche mit Täter und Opfer.

2. Unterstützend-kooperatives Eingreifen: Darunter fallen Maßnahmen wie die gesamte Schulklasse anzusprechen, Schulsozialarbeiter und Lehrerkollegen mit ins Boot zu holen. Außerschulische Akteure mit einbinden in präventive Maßnahmen.

3. Autoritär-strafende Reaktion: Der Lehrer sorgt für „Ordnung“ und versucht das Mobbing direkt durch sein persönliches Eingreifen zu stoppen.

Eltern

Eltern sollten grundsätzlich ein offenes Ohr für ihr Kind haben und es beobachten.

Sie sollten ihr Kind regelmäßig fragen, wie es ihm geht, wie es in der Schule läuft und wie der Tag so war. Dies sollte eingebettet sein in eine „Gesprächskultur“, die durch regelmäßiges Mittag- und Abendessen gepflegt wird.

„Wenn das funktioniert, hat man gute Chancen auch mögliche Veränderungen beim Kind wahrzunehmen - wenn es zum Beispiel plötzlich nicht mehr über die Schule reden möchte.

Eltern müssen ihrem Kind vor allem klarmachen, dass es keine Schuld an dem Verhalten seiner Mitschüler trägt. „Wir hören sehr häufig von den Opfern, dass sie selbst für das Mobbing verantwortlich seien. Gerade in dieser kritischen Lebensphase des Jugendalters, in der man noch keine so gefestigte Persönlichkeit hat, nimmt man sich Vorwürfe anderer schnell zu Herzen.“

Eltern müssen ihr Kind darin bestärken, dass sie das Problem gemeinsam lösen werden und es nicht alleine lassen. „Mobbing-Opfer fühlen sich oft hilflos. Sie müssen aus ihrer Passivität herausgeholt werden und lernen, die Probleme gemeinsam mit ihren Eltern zu lösen.“

Eltern sollten gute Zuhörer sein. „Dabei ist es gar nicht so wichtig, dass sie gleich Lösungen parat haben. Dann können weitere Schritte in Ruhe geplant werden.“

Wenn das Kind in der Schule gemobbt wird, ist es wichtig, dass es in der Freizeit positive Erlebnisse hat. Eltern können das unterstützen.

Mit Hilfe von Rollenspielen mit ihren Eltern können Kinder lernen, wie sie mit solchen Situationen zurechtkommen.

Hilfsangebote

Für Mobbing-Opfer gibt es Hilfen – etwa das Kinder- und Jugendtelefon „NummerGegenKummer“ (0800 / 111 0 333, www.nummergegenkummer.de), Beratungsstellen der Schulämter und Kirchen sowie private Initiativen im Netz.

Anti-Mobbing-Programme wie „Fairplayer.Manual“ (www.fairplayer.de) oder „Medienhelden“ (www.medienhelden.info) können Erwachsene für die Probleme von Schülern sensibiliseren und Betroffene stärken.