InterviewTatort „Unklare Lage“ aus München „Gott sei Dank kam kein Pressesprecher vor“

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Der jüngste Münchner Tatort „Unklare Lage“ nahm Bezug auf den Amoklauf am Münchner Olympia-Einkaufszentrum im April 2016. Wie sieht das die Münchner Polizei?

Der Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins im Einsatz beim Amoklauf 2016 Foto: dpa/L. 13 Bilder
Der Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins im Einsatz beim Amoklauf 2016 Foto: dpa/L.

Stuttgart - Der jüngste Münchner Tatort „Unklare Lage“ nahm Bezug auf den Amoklauf am Münchner Olympia-Einkaufszentrum im April 2016. Wie sieht das die Münchner Polizei? Darüber haben wir uns mit dem Polizeisprecher Marcus da Gloria Martins unterhalten.

Herr da Gloria Martins, Polizisten sind dem Format Tatort gegenüber ja immer sehr skeptisch. Wie fanden sie den Münchner Fall „Unklare Lage“?

Ich fand es gut, dass nicht die Tathandlungen am Olympia-Zentrum direkt verarbeitet wurde. Das ist meiner Überzeugung nach nicht geeignet, um in einem Unterhaltungsformat aufgegriffen zu werden. Die Bezugnahme der Filmautoren als chronologisch zurückliegendes Ereignis in der Handlung des Tatorts fand ich gelungen. Die Folgeerscheinungen standen im Focus. Denn das – die Verunsicherung in der Bevölkerung und die vielen Gerüchte – kommt immer wieder. Davon gehen wir als Sicherheitsbehörde aus.

War die Münchner Polizei in die Entstehung eingebunden?

Nein. Wir haben am vergangenen Dienstag eine Information dazu bekommen. Dann haben wir über die Betreuer mit den Opferfamilien gesprochen. Die Angehörigen fokussieren natürlich auf das Geschehen am Olympia-Einkaufszentrum, aber das blieb ja zum Glück außen vor. Aus den Rückmeldungen weiß ich, dass bei den Familien eine gewisse Skepsis herrschte, sie aber dankbar für die Information waren.

Der Tatort kam sehr gut an. Teilen Sie diese Einschätzung?

Es gibt zwei Dinge, die er sehr gut dargestellt hat. Zum einen war das die Situation im Lagezentrum. Da müssen aus dem Ist-Zustand, auch auf der Grundlage vager Informationen, folgenschwere Entscheidungen getroffen werden – die Sperrung einer Stadt oder die Räumung bestimmter Bereiche. Das fand ich gut, das so zu zeigen. Denn sonst werden solche Entscheidungen immer Rückblickend vom grünen Tisch aus betrachtet, wenn alle Fakten bekannt sind und man nicht mehr die Verantwortung einer Abwägung tragen muss. Auch gut gefallen hat mir die Darstellung der Selbstinfektion mit der Angst, die aus der Bevölkerung heraus entstanden ist. Da werden unbeabsichtigte Mengen von Gerüchte über Soziale Netzwerke, aber vor allem durch Messenger, geteilt und schnell werden Meinungen als Fakten wahrgenommen. Nur weil ich in einer Krisensituation ein angebliches Faktum von einer bekannten Person per Messenger erhalte, muss es a) nicht wahr sein und b) trage ich eine Mitverantwortung, wenn ich diese Nachricht weiterleite.

Haben Sie auch Kritikpunkte?

Es gibt auch zwei Dinge, die mir negativ aufgefallen sind. Zum einen war das die Darstellung des SEKs: Unsere Kollgenen in den Spezialeinheiten sind sehr umfassend ausgebildet und hoch spezialisiert. Die Darstellung war mit etwas zu plump und klischeelastig. Der Umgang mit den Augenzeugen des Busses in der Anfangssequenz fand ich ziemlich überzogen. Zum anderen war das das Thema Betreuung der Opfer- und auch der Täterfamilien. Das ist für uns extrem wichtig.

Haben Sie etwas davon wiedererkannt, wie Sie den Tag damals erlebten?

Nein, es kam ja Gott sei Dank kein Pressesprecher vor.

Und sind Sie überhaupt ein Tatort-Schauer?

Ich mag den Murot mit Ulrich Tukur und die Wiener Fälle sehr. Das liegt aber mehr an den Schauspielern und der Stimmung in diesen Folgen. In allen anderen Fällen sind mir die Charaktere zu überzeichnet. Unsere Ermittler sind in der Regel ausgewogenen Menschen ohne Suchtneigung, sind keine verkappte Comedians und haben stattdessen ein solides Familienleben und eigentlich fast immer keine Loft-Wohnung in irgendwelchen Innenstadtlagen.