Tattoo-Convention Göppingen Von der Sucht, sich Tattoos stechen zu lassen

Die Welt des Körperschmucks: viele Besucher der Tattoo-Convention in Göppingen sind nicht nur zum Schauen gekommen, sondern lassen die Tätowierer gleich zu ihren Werkzeugen greifen. Foto: Sabine Ackermann

Gut zu tun hatten die Künstler der Tattoo-Convention am Wochenende in der EWS-Arena in Göppingen. Der permanente Körperschmuck ist nach wie vor beliebt – auch Neulinge trotzen dem Schmerz. Die Gründe dafür sind unterschiedlich.

Gordana überlegt noch. Sie bewundert die zahlreichen Motive, mit denen nahezu jeder Tätowierer mit Herzblut, Schweiß und Tinte seine Art dieser Kunst offeriert. Sie kann sich einfach nicht entscheiden, ob Sinnspruch, Partner-Tattoo, eine Blumenranke. Oder doch Zora? Das ist eine Malteserhündin, die seit Kurzem die Familie bereichert. „Es sieht alles so schön aus, ich bewundere die Frauen und Männer, die so etwas Graziles auf die Haut zaubern können“, erzählt die 34-Jährige aus Gingen, deren Wurzeln in Kroatien sind.

 

Ganz klar für die Mutter zweier Kinder ist indes der Zeitpunkt, sie betont: „Heute ist der Tag, an dem ich mir ein Tattoo stechen lasse.“ Ähnlich in Sachen Körperoptimierung sieht es Frank aus Salach. „Vor 24 Stunden wusste ich noch nicht, dass ich heute hier bin.“ Angesprochen hätten ihn die drei Bilder, die Agi Dulanyi, gelernte Krankenschwester und seit sechs Jahren Inhaberin des Tattoo-Studios Agi-Arts aus Göppingen, auf WhatsApp präsentierte, erzählt er.

Ein Besucher sieht sich als Gesamtkunstwerk

Während die Tätowiererin ihm in den nächsten sieben bis acht Stunden eine Indianerin auf den linken Unterarm sticht, zeigt der 54-jährige Frank seinen rechten Oberarm, den Wolf, Bär und Steinadler zieren. In ernstem Ton berichtet er: „Eigentlich bin ich sehr tieraffin, ich komme mit den Tieren besser klar, denn die lügen nicht.“

Um die Mittagszeit wuselt es, ein Streifzug durch die Gänge offenbart: die Stimmung unter den Besuchern ist gut. Es sind viele, die sich kennen, gegenseitig Tipps geben und sehr offen für Gespräche sind. „Wir kämpfen nicht mehr gegen Stigmatisierung und Klischees“, macht Kai aus Ebersbach deutlich, der sich als Gesamtkunstwerk recht farbenfroh präsentiert und lachend zugibt: „Meine Sucht ist, Tattoos stechen zu lassen.“ Der 28-Jährige ist froh, dass das Verbot von Tattoo-Farben aufgehoben und um ein Jahr bis Januar 2023 verschoben wurde.

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Etwa 70 bis 80 Prozent würden sich für Schwarz entscheiden, die Nachfrage nach Buntem sei eher gering, berichtet Marc Mattes aus Donzdorf. Der Inhaber von des Landens Hautnah sticht gerade einem Kunden auf dessen Rücken ein Phönix-Tattoo. Bei filigranen Linien wie beim „Sketch- oder Linework-Style“ habe man nicht viel Möglichkeiten, etwas auszubessern, sagt Marc Mattes und erläutert: „Die Konzentration muss da so hoch sein, dass alles passt.“

Ein Tattoo aus Stolz auf den Sohn

Während sich Sandy Schnitter auf dem Rücken eine bunte Schleife stechen lässt, erklärt ihr Ehemann Robert den Grund dieses Motivs. „Unser Sohn Benjamin ist Autist, die Schleife gilt als Symbol für diese Entwicklungsstörung.“ Keinen Hehl macht das Ehepaar aus Reichenbach/Fils daraus, wie stolz es auf seinen Junior ist. Trotz seines Handicaps mache der 19-Jährige eine Ausbildung zum Fachinformatiker bei BITBW in Stuttgart, einem IT-Dienstleister der gesamten Landesverwaltung Baden-Württembergs. „Unser Benjamin ist da der erste Auszubildende.“ Plötzlich wird die für den Großteil der Besucher viel zu laute Musik unterbrochen, Moderatorin Shirley kündigt unter anderem den „CK-Poledance“ aus Illertissen sowie Breakdancer an. Darüber hinaus erinnert sie an den Tattoo-Contest in den Bereichen „Best of Black & Grey“, „Old School“, „Realistic“ und „Saturday“.

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Der Weltrekord für die längste Tattoo-Sitzung liegt übrigens bei 50 Stunden und 10 Minuten, pausiert werden durfte nur 5 Minuten pro Stunde. Im Oktober 2011 ertrug der damals 27-jährige James Llewellyn dafür Schmerzen und Schlafentzug. Dave Fleet aus Blackwood, Südwales, ätzte ihm Szenen aus der Bibel und klassische Werke auf Rücken und Beine. Der damals 59-Jährige hielt sich wach, indem er Hypnotherapie-Training machte und sich von Koffein fernhielt.

Tattoos werden immer beliebter

Zahlen
 Mehr als jeder fünfte Bundesbürger (21 Prozent) ist laut einer repräsentativen Umfrage (Ipsos-Institut, 2019) einmal oder sogar mehrfach tätowiert – 22,7 Prozent Männer, 19,3 Prozent Frauen. Für 63,8 Prozent käme eine Tätowierung hingegen nie in Frage.

Zunahme
 Der Anteil der Tätowierten hat sich in sieben Jahren fast verdoppelt. 2012 waren es 11,4 Prozent. Die Häufigkeit nimmt mit dem Alter ab. 20 bis 29-Jährige: 47,1 Prozent, 30 bis 39-Jährige 33,9 Prozent, 40 bis 49-Jährige 28,1 Prozent, 50 bis 59-Jährige 17,1 Prozent.  

Entfernung
 Lasern oder Covern? Rund 6,8 Prozent der Tätowierten sagten, dass sie ihre Tattoos bereuen. Aufgrund der neuen Verordnung zum Strahlenschutz dürfen seit Ende 2020 in Deutschland aber nur noch Ärzte per Laser Tattoos entfernen.

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