InterviewTauchmediziner Rolf Eichinger zum Eisschwimmen Wie sich Schwimmer vor dem Wettkampf verhalten sollten

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Wie sollten sich die Schwimmer unmittelbar vor dem Schwimmen und vor dem Wettkampf verhalten? Einschwimmen im Eiswasser oder besser bleiben lassen? Aufwärme wie vor dem Training und dem Wettkampf im Hallenbad?
Ein Schwimmer sollte vor dem Start nicht frieren. Langsam ins Wasser gehen und dann das Programm absolvieren. Also nicht einschwimmen. Gibt es fremde Reaktionen, wie etwa Muskelkrämpfe, Herzsensationen, Schwindel, Übelkeit, Schmerzen, Panik, Willenlosigkeit, also im Training bislang unbeobachtet Symptome, sollte man es bleiben lassen.
Bei welchen Symptomen sollte der Schwimmer das Wasser lieber verlassen? Auch wenn er seine Strecke noch nicht beendet hat.
Bei jeglicher Art von neurologischen Alarmsymptomen, wie Verwirrung, Panik, Hyperventillation oder Herzrhythmusstörungen. Aber sicher auch bei Kontrollreduktion der Motorik, wenn Muskeln nicht mehr richtig reagieren oder wenn die Gelenkstreckung plötzlich reduziert ist.
Nach dem Wettkampf steigen manche Sportler sofort ins 40 Grad warme Wasser, andere duschen heiß, manche gehen gleich in die Sauna, wieder andere bleiben lieber an den kalten Luft. Welche Strategie empfiehlt der Fachmann?
Das überlasse ich der Erfahrung des einzelnen. Die Kerntemperatur sollte aber konstant über 36 Grad sein und steigen. Bei maritimen Unfällen hat sich die langsame Erwärmung bewehrt: Wärmepackungen, sogenanntes Hiebler-Packing, und warme Infusionen. Die Bundesmarine verwendet 38-Grad-Heizlüfter, die den Verunglückten unter der Bettdecke langsam erwärmen, letzteres ist wahrscheinlich der Goldstandart, weil natürlich keine unbegrenzte Wärmemenge in kurzer Zeit appliziert werden kann. Beispiel wäre die Katze in der Mikrowelle. Natürlich kann ich diese mit 2000 Watt schnell erwärmen, sie würde aber nicht überleben.
Wenn stark unterkühlte Patienten nach der Bergung sterben, dann sprechen Notärzte vom sogenannten Afterdrop, was genau ist ein Afterdrop?
Ein Afterdrop ist die Verschiebung von kaltem Oberflächenblut, zum Beispiel aus den Händen, in das warme Blutkernreservoir beim Herzen, durch Versagen der Zirkulationssteuerung. Es kommt dann nach der Bergung zum plötzlichen absinken der Kerntemperatur mit den Folgen von Herzkammerflimmern und Tod.
Müssen Eisschwimmer auch mit so einem Afterdrop rechnen?
Definitiv ja, deshalb langsam erwärmen.
Manche Sportler sagen, dass zu schnelles Aufwärmen des Körpers nach dem Eisschwimmen lebensgefährlich sein? Andere sagen: so ein Quatsch. Was stimmt denn nun? Alle sprechen doch aus Erfahrung.
Was ist langsam, was schnell? Erfahrung ist, was zählt. Ich tendiere aber für eher langsam, also niedrigere Wärmezufuhr aber dafür eben länger. Sicher könnte man jemanden mit kochendem Wasser den Wärmeverlust schnell kompensieren aber die Biologie mag es lieber langsam.
Nach dem Schwimmen zittern Eisschwimmer, mache mehr, manche weniger - obwohl sie längst trocken und im Warmen sind. Warum? Was passiert beim Zittern im Körper? Wie lange Zittern ist vertretbar? Oder vielleicht sogar nötig?
Durch Zittern wird einfach der sonst thermodynamische Verlust der motorischen Arbeit des Muskels, also Wärme, vegetativ erzeugt, um die Wärme zu nutzen. Solange es beim Zittern nicht zu problematischen Reaktionen, wie Blutdruckabfall, Herzrhythmusstörungen oder neurologischen Symptomen kommt, ist Zittern ok.

Das Gespräch führte Martin Tschepe. Er ist Redakteur der Stuttgarter Zeitung und bei den Deutschen Meisterschaften im Eisschwimmen in Burghausen jetzt bei knapp vier Grad Wassertemperatur zweimal Vizemeister geworden.